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Bericht zur Lage der Natur: Kurskorrektur nötig

Der Natur geht es in manchen Bereichen besser oder gut, in anderen Bereichen besorgniserregend schlecht. Dies zeigt die heute von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks vorgestellte Bestandsaufnahme zur Lage der Natur. Hendricks will nun die Weichen für mehr Naturschutz in Deutschland stellen. Als Handlungsfelder benannte sie die Energiepolitik, die Landwirtschaft und den Hochwasserschutz.

Stuttgart (csr-news) > Der Natur geht es in manchen Bereichen besser oder gut, in anderen Bereichen besorgniserregend schlecht. Dies zeigt die heute von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks vorgestellte Bestandsaufnahme zur Lage der Natur. Hendricks will nun die Weichen für mehr Naturschutz in Deutschland stellen. Als Handlungsfelder benannte sie die Energiepolitik, die Landwirtschaft und den Hochwasserschutz.

Insgesamt wurden für den Lagebericht 92 natürliche Lebensräume sowie 195 EU-weit bedeutsame Arten erfasst. „Der Natur geht es in manchen Teilen besser. Wir haben zum Beispiel wieder mehr Wildkatzen oder Seeadler. Hier zeigt sich, dass im Naturschutz Erfolge möglich sind. In anderen Bereichen geht es der Natur dagegen besorgniserregend schlecht. So leiden viele Arten wie Schmetterlinge oder Bienen darunter, dass blütenreiche Wiesen in Maisäcker umgewandelt werden“, sagte Hendricks. Der Bericht zeigt deutlich, dass die Folgen einer intensiven Landwirtschaft spürbarer werden. Dazu sagte Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz (BfN): „Der Natur in den Alpen und den Felsküsten geht es überwiegend gut. Aber die landwirtschaftlich genutzten Lebensräume sind aus Naturschutzsicht überwiegend in einem schlechten Zustand. Es gehen zu viele Grünlandflächen verloren und damit wichtige Lebensräume für eine Vielzahl von gefährdeten Arten“. Düngung und intensive Viehhaltung haben auch außerhalb landwirtschaftlicher Nutzflächen negative Auswirkungen. In der Zeit von 2003 bis 2012 hat sich das sogenannte Dauergrünland bereits um 250.000 Hektar verringert. „Wir spüren auch die Folgen des Verlustes der Flussauen. Denn Flussauen schützen nicht nur die Menschen vor Hochwasser, sie sind auch für viele Tiere und Pflanzen überlebenswichtig“, so Jessel. „Die Landwirtschaft ist nach wie vor eine Problemzone des Naturschutzes“, unterstreicht Eberhard Brandes, Vorstand des WWF Deutschland. Beispielsweise lohne sich die Bewirtschaftung von sumpfigem Feuchtgrünland für die Bauern finanziell nicht mehr, wodurch der Verlust wertvoller Gebiete drohe. Hier könne man nur gegensteuern, indem die Anreize zum Umbruch von Dauergrünland und zur weiteren Intensivierung der Kulturlandschaft abgebaut werden. „Bauern und Waldbesitzern muss klar gemacht werden, dass die Natur ihr Kapital darstellt und es in ihrem wirtschaftlichen Interesse liegt, es zu erhalten“, so Brandes weiter.

Grundlage für die Analyse ist ein im Naturschutz bislang einmaliger Datenschatz: In rund 12.000 Stichproben haben Naturschützer und Behörden bundesweit den Zustand von Tieren, Pflanzen und Lebensräumen erforscht, die über die europäischen FFH- und Vogelschutzrichtlinien geschützt sind. Aus den Daten lassen sich aber auch Rückschüsse auf die Lage der Natur in Deutschland insgesamt ziehen. 25 Prozent der untersuchten Arten sind in einem günstigen Erhaltungszustand, darunter der Biber, die Kegelrobbe oder der Steinbock. 29 Prozent sind in einem schlechten Zustand, das betrifft vor allem Schmetterlinge, Amphibien und Wanderfische. Bei den Lebensräumen sind 28 Prozent in einem günstigen Zustand, vor allem die Wälder haben sich stabilisiert. In einem schlechten Zustand befinden sich insgesamt 31 Prozent der untersuchten Lebensräume, besonders Wiesen und Weiden. „Die neuen Daten zeigen ganz klar, wie die Natur bei uns schleichend verarmt. Das muss ein Weckruf für die Politik sein“, so NABU-Präsident Olaf Tschimpke.

Grundsätzlich ist der Naturschutz in Deutschland Ländersache. Aber auch der Bund könne einiges tun, sagte Hendricks. Als Beispiel nannte sie ein neues Programm zum „Präventiven Hochwasserschutz“, an dem das Bundesumweltministerium derzeit mit den Ländern arbeite. Wenn man den Flüssen mehr Raum gebe, sei das gut für Hochwasserschutz und Naturschutz gleichermaßen. „Ich bin dafür, dass wir den ökologisch wertvollen Maßnahmen, den Deichrückverlegungen und der Renaturierung von Flussauen beim Hochwasserschutz Priorität einräumen“, so die Ministerin. Ambitioniertes Handeln sei auch im Bereich Landwirtschaft nötig, so Hendricks. Die Landwirtschaft ist für 54 Prozent der Landfläche in Deutschland verantwortlich. Damit habe sie auch eine besondere Verantwortung für die biologische Vielfalt. So müssten im Rahmen der Agrarreform die Weiden und Wiesen besser geschützt werden vor einer Umwandlung in Äcker. Dafür müsse auch der Trend zum Anbau von immer mehr Energiepflanzen gestoppt werden. „Bereits heute wachsen auf mehr als 17 Prozent der deutschen Ackerfläche Energiepflanzen – das reicht“, so die Ministerin. Neue Biogasanlagen müssten daher mit Abfall- und Reststoffen gefüllt werden und nicht mehr mit Mais. „Wir müssen die weitere Vermaisung der Landschaft beenden“, sagte Hendricks. Auch ein weiterer Ausbau der Biokraftstoffe der ersten Generation sei für den Naturschutz gefährlich. Der NABU sieht vor allem die schädlichen Agrarsubventionen, unzureichenden Schutzgebietsbestimmungen und den personell und finanziell immer schlechter ausgestatteten Naturschutzverwaltungen, als Hauptgründe für die Misere. „Obwohl wir in der EU das wahrscheinlich beste Naturschutzrecht der Welt haben, mangelt es schlicht am Willen der zuständigen Bundesländer, es auch umzusetzen“, kritisierte Tschimpke. Dabei könnte das Bild noch schlechter sein. So zweifelt der NABU die in den Berichten recht positiv bewertete Situation der Buchenwälder an. „Bund und Länder scheinen beim Bericht großzügige Bewertungskriterien angewendet zu haben. Uns ist bekannt, dass viele Bundesländer auch eintönige und viel zu junge Wirtschaftsforste häufig als gesunde Wälder bezeichnen, obwohl in ihnen kaum Artenvielfalt vorhanden ist. Wir hoffen, dass die EU-Kommission hier Nachbesserungen einfordert“, so der NABU-Präsident. Der Vorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger, sieht in dem Bericht Licht und Schatten: „Die gute Botschaft ist: Arten wie Wildkatzen, Wölfen, Bibern oder Eidechsen sowie einigen Lebensräumen geht es heute besser als vor Jahren. Die Vorgaben der EU-Richtlinien zu Natura 2000 wirken also. Die schlechte Botschaft: Überall dort, wo die zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft das Artensterben verursacht, wird der Schutz seltener Tiere und ihrer Lebensräume immer schwieriger.“