Agenturmeldung Nachrichten

Türkischer Name bringt Nachteile bei Ausbildungsplatzsuche: Wie anonymisierte Bewerbungen funktionieren

Schon bei ihrem ersten Schritt auf den deutschen Arbeitsmarkt werden Schüler mit türkischen Namen einer Studie zufolge diskriminiert. Sie müssen mehr Bewerbungsbriefe verschicken, bis sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden, als ihre Mitbewerber mit deutschen Namen und gleich gutem Schulabschluss, wie aus einer am Mittwoch in Berlin vorgestellten Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) hervorgeht.

Berlin (afp) – Schon bei ihrem ersten Schritt auf den deutschen Arbeitsmarkt werden Schüler mit türkischen Namen einer Studie zufolge diskriminiert. Sie müssen mehr Bewerbungsbriefe verschicken, bis sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden, als ihre Mitbewerber mit deutschen Namen und gleich gutem Schulabschluss, wie aus einer am Mittwoch in Berlin vorgestellten Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) hervorgeht.

Von Christine Kellmann

Fünf Bewerbungen muss ein Kandidat mit deutschem Namen im Durchschnitt schreiben, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden – ein Mitbewerber mit türkischem Namen dagegen sieben, wie es in der Studie des SVR-Forschungsbereichs heißt. Für einen sogenannten Korrespondenztest wurden jeweils zwei Bewerbungen von Schülern deutscher Staatsangehörigkeit an insgesamt knapp 1800 Unternehmen geschickt, die Ausbildungsplätze als Kfz-Mechatroniker und als Bürokaufmann zu besetzen hatten. Die Bewerber waren beide überdurchschnittlich qualifiziert, einziger Unterschied: Einer der Bewerber hatte einen türkischen Namen, der andere einen deutschen.

Die Rückmeldungen fielen unterschiedlich aus und lassen auf eine Ungleichbehandlung schließen: Die Bewerber mit einem deutschen Namen erhielten demnach häufiger eine Antwort auf ihr Bewerbungsschreiben als diejenigen mit einem türkischen Namen. Jugendliche mit einem türkischen Namen wurden seltener zum Vorstellungsgespräch eingeladen und erhielten häufiger eine direkte Absage.

Während Unternehmen beklagten, dass es nicht genug qualifizierte Bewerber gebe, bekämen jedes Jahr mehrere zehntausend Schulabgänger keinen Ausbildungsplatz, kritisierten die Wissenschaftler. Darunter seien überdurchschnittlich viele Jugendliche mit ausländischen Wurzeln, was nicht nur daran liege, dass sie schlechtere Noten als ihre Mitschüler mit deutschen Namen hätten, sondern auch an ihrer Benachteiligung an der „ersten Schwelle“ eines Bewerbungsprozesses. „Wenn qualifizierte Kandidaten nur deshalb nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden, weil ihr Name ausländisch klingt, geht dem angespannten Ausbildungsmarkt wertvolles Potenzial verloren“, warnt die Studie.

Die Gründe für die Diskriminierung auf Seiten der Unternehmen seien vielfältig, erklärten die Forscher. Es gebe unbewusste Assoziationen, persönliche Vorurteile und oftmals darauf fußende Vorbehalte gegen die Einstellung eines Lehrlings mit ausländischen Wurzeln. Mancher Personalverantwortlicher befürchte, dass Auszubildende mit türkischem Namen von Belegschaft oder Kunden nicht akzeptiert würden. Dabei komme Diskriminierung bei kleineren Unternehmen öfter vor als bei mittleren und großen Unternehmen.

Um Diskriminierung zu verhindern, sollten Ausbilder sensibilisiert und mehr Betriebsangehörige mit ausländischen Wurzeln in die Auswahl und Betreuung von Azubis eingebunden werden, empfiehlt die Studie. Wichtig sei zudem eine stärkere Anonymisierung von Bewerbungsverfahren. So könne eine kostenlose Software entwickelt werden, mit der auch kleinere Unternehmen Bewerbungen in anonymisierter Form entgegennehmen könnten. Mehr Kurzpraktika und Praxistage könnten ebenfalls die Chancen der Jugendlichen erhöhen. Außerdem müssten Politik und Wirtschaft mehr gegen Diskriminierung unternehmen.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes reagierte alarmiert. „Die Studie belegt: Menschen mit Migrationshintergrund werden auf dem deutschen Arbeitsmarkt nachweislich benachteiligt“, erklärte die Leiterin der Einrichtung, Christine Lüders. Unternehmen und öffentliche Einrichtungen sollten deshalb stärker auf anonymisierte Bewerbungsverfahren setzen. „Deutschland kann es sich nicht erlauben, ganze Gruppen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern vom Arbeitsmarkt fernzuhalten“, mahnte Lüders.

Die Studie >> zum Download im Internet

Ohne Name und Foto zum Ausbildungsplatz oder Job

Ein kurzer Blick auf den Namen, das Alter oder das Foto – und schon landet die Bewerbungsmappe auf dem Absagenstapel. Anonymisierte Bewerbungen gelten als ein Mittel für mehr Chancengleichheit.

WESHALB ANONYMISIERTE VERFAHREN?

Nach Einschätzung der Antidiskriminierungsstelle besteht die Gefahr einer Benachteiligung vor allem in der ersten Phase der Bewerbung, also wenn es darum geht, zu einem persönlichen Gespräch überhaupt eingeladen zu werden. Demnach nimmt die Benachteiligung im Verlauf des Auswahlprozesses ab. In der ersten Phase der Bewerbung setzen daher die anonymisierten Verfahren an, die den Fokus allein auf die Qualifikation für die Stelle und die Motivation des Bewerbers lenken sollen. Einblick in die persönlichen Daten einer Bewerberin oder eines Bewerbers soll das Personalmanagement erst erhalten, wenn die Einladung zum Vorstellungsgespräch erfolgt ist.

WAS SIND ANONYMISIERTE BEWERBUNGEN?

Die ADS, die ein Pilotprojekt für anonymisierte Bewerbungen auf Bundesebene initiiert hatte, rät dazu, dass auf Name, Adresse, Alter, Geburtsort, Nationalität und Familienstand sowie auf ein Bewerbungsfoto verzichtet wird. Die Stelle rät außerdem von Angaben zu Wehrdienst, Elternzeit und Sprachkenntnissen ab – sofern diese nicht für den Beruf nötig sind. Zudem sollte die Dauer vorheriger Jobs in Monaten angegeben und nicht konkreten Jahren zugeordnet werden, um Rückschlüsse auf das Alter zu verhindern. Darüber hinaus werden neutrale Bezeichnungen wie Bürokaufmann/-frau empfohlen.

WELCHE FORMEN SOLCHER BEWERBUNGEN GIBT ES?

Möglich sind anonymisierte Formulare, die online auszufüllen oder ausgefüllt an den Arbeitgeber zurückzuschicken sind. Unternehmen können die Bewerbungen auch durch eine vorgeschaltete Stelle, etwa das Sekretariat, nach Eingang durch Schwärzen der betreffenden Stellen oder Eintragen der Daten in eine gesonderte Tabelle anonymisieren. Für Initiativbewerbungen wird geraten, etwa auf der Internetseite eines Unternehmens auf die Vorgaben grundsätzlich hinzuweisen. Die persönlichen Daten müssen aber zugänglich bleiben, da das Management sie einsehen darf, sobald die erste Bewerbungsphase abgeschlossen ist.

WIE IST DIE LAGE IN DEUTSCHLAND UND ANDEREN LÄNDERN?

In Ländern wie den USA, Kanada und Großbritannien sind solche Bewerbungen seit Längerem Praxis, in Ländern wie Schweden, Frankreich und der Schweiz wurden sie in den vergangenen Jahren erprobt. An einem Pilotprojekt in Deutschland beteiligten sich von 2010 bis 2011 fünf Unternehmen und drei öffentliche Arbeitgeber. „Seitdem setzen mehr und mehr Länder und Kommunen auf das Verfahren“, erklärte die ADS-Leiterin Christine Lüders am Mittwoch. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz laufen ihren Angaben zufolge derzeit Pilotprojekte. Berlin, Hamburg, Bremen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen haben eigene Testläufe angekündigt. Schleswig-Holstein will bei Bewerbungen künftig auf Fotos verzichten.

WELCHE PROBLEME GIBT ES BEI ANONYMISIERTEN BEWERBUNGEN?

Arbeitgeber verweisen auf eine schwere Umsetzbarkeit der anonymisierten Bewerbungen in der Praxis und einen erhöhten Bürokratieaufwand. Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen empfiehlt in seiner Studie die Entwicklung einer kostenlosen Software, mit der auch kleinere und mittlere Unternehmen unkompliziert Bewerbungen in anonymisierter Form entgegennehmen können. Kritiker des Verfahrens geben grundsätzlich zu bedenken, dass sich das Problem der Diskriminierung lediglich in die nächste Phase verschiebe. Spätestens beim Vorstellungsgespräch sei es mit der Anonymität vorbei.