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Don Bosco expandiert in Indien: Berufliche Bildung im Kampf gegen Armut

Genug menschenwürdige Arbeitsplätze für junge Menschen zu schaffen, stellt eine der größten Herausforderungen weltweit dar. Noch immer versperren Armut und der fehlende Zugang zu Bildung Millionen jungen Menschen in Indien den Weg zu einem zukunftsfähigen Arbeitsplatz. Wenngleich sich der Schulbesuch im Land mit der größten Jugendpopulation weltweit in den letzten Jahren entscheidend verbessert hat, so ist trotz aller Anstrengungen die Umsetzung des Rechts auf Bildung über den Status der Grundschulbildung nicht weit hinausgekommen. Hört das Recht auf Bildung nach der Grundschule auf?

Bonn (csr-partner) – Genug menschenwürdige Arbeitsplätze für junge Menschen zu schaffen, stellt eine der größten Herausforderungen weltweit dar. Noch immer versperren Armut und der fehlende Zugang zu Bildung Millionen jungen Menschen in Indien den Weg zu einem zukunftsfähigen Arbeitsplatz. Wenngleich sich der Schulbesuch im Land mit der größten Jugendpopulation weltweit in den letzten Jahren entscheidend verbessert hat, so ist trotz aller Anstrengungen die Umsetzung des Rechts auf Bildung über den Status der Grundschulbildung nicht weit hinausgekommen. Hört das Recht auf Bildung nach der Grundschule auf? In einem Land mit enormen Berufschancen und einem wachsenden industriellen Arbeitsmarkt fehlt es an Ausbildungsmöglichkeiten, die jungen Menschen den Zugang ermöglichen könnten. Hier setzen die Projekte der Salesianer Don Boscos an, wie Hans-Jürgen Dörrich anschaulich erläutert.

Von Hans-Jürgen Dörrich

In einem Land der Megastädte lebt der Großteil der Bevölkerung immer noch in Myriaden von Dörfern. Dort haben viele junge Männer zumeist nur Zugang zu Gelegenheitsarbeiten, während junge Frauen hauptsächlich in landwirtschaftlichen Subsistenzbetrieben und in verschiedenen Formen der Selbstbeschäftigung ihr Auskommen finden müssen.

In den Städten finden junge Männer mit nur geringer Schul- und Berufsbildung überwiegend im Bau- und Servicesektor Beschäftigung. Für den Zugang zu schulischer und beruflicher Bildung und einen entsprechenden Arbeitsplatz sind für junge Frauen die Kastenzugehörigkeit und die soziale Stellung oft noch entscheidender als für Männer. Kastenzugehörigkeit und Wohnort sind immer noch die bestimmenden Faktoren für den Zugang zu Bildung und Arbeit. Das Recht auf Bildung bleibt ein theoretischer Anspruch, wenn die äußeren Lebensumstände und eine fehlende Infrastruktur die Umsetzung behindern. Dabei könnten gerade schulische und berufliche Bildung Wege aus Armut und Not bahnen, für den einzelnen jungen Menschen wie auch für die Gemeinschaft, in der er lebt und die er mitgestaltet.

Der Widerspruch wächst auch in den Städten

Während einerseits qualifizierte Beschäftigungsmöglichkeiten rasant wachsen, sinkt andererseits die Zahl der Menschen, die entsprechende berufliche Fähigkeiten mitbringt. Die Arbeitslosigkeit nimmt in absoluten Zahlen daher gerade unter jungen Menschen zu. Nur etwas mehr als ein Drittel aller Grundschüler geht auf eine weiterführende Schule. Der riesige Pool von Schulabbrechern, die das indische Bildungssystem Jahr für Jahr hervorbringt, bleibt auf sich alleine gestellt und ist oft ungeeignet für jede nachhaltige Beschäftigung auf dem neuen Arbeitsmarkt.

Man kann diese Problematik auch positiv und als Chance betrachten: Indien hat heute eine Milliarde Einwohner und damit einen demografischen Vorteil auf dem globalen Arbeitsmarkt. Junge Menschen in der Altersgruppe von 15 bis 35 Jahren stellen mehr als 50 Prozent der Gesamtbevölkerung. Der Zugang dieser Altersgruppe zu einer an den Erfordernissen des Marktes und der neuesten Technologien ausgerichteten beruflichen Qualifizierung wird die wirtschaftliche Zukunft Indiens in einer wissensbasierten und zunehmend globalisierten Welt mitbestimmen.

Die entwickelten westlichen Volkswirtschaften hängen mit ihren schwindenden Belegschaften notgedrungen immer stärker von den jungen Arbeitskräften in Ländern wie Indien ab, um ihren Personalbedarf in Produktion, Dienstleistung, Handel und Kommunikation abzudecken. Indien steht im Prinzip bereit, diesen internationalen Arbeitskräftebedarf zu decken.

Skill India

Die National Skill Development Corporation (NSDC) wurde 2009 gegründet. Sie ist eine der Agenturen, die das Ziel der beruflichen Qualifizierung von 500 Millionen junger Menschen bis zum Jahr 2022 umsetzen soll. Die Kooperation mit Unternehmen und Einrichtungen der Zivilgesellschaft spielt hierbei eine wichtige Rolle. Teil der NSDC-Strategie ist es, durch Studien, Arbeitsmarktanalysen und daraus resultierenden Gesetzesvorlagen die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen und möglichst viele Stakeholder in den Prozess zu integrieren. Es wird geschätzt, dass in den nächsten zehn Jahren 100 Milliarden Dollar benötigt werden, um etwa 500 Millionen Jugendliche ausbilden zu können – eine enorme Aufgabe, die nicht nur allein von Behörden erfüllt werden kann, sondern die aktive Beteiligung des Unternehmenssektors, der Zivilgesellschaft und anderer Interessengruppen erfordert.

Don Bosco bildet aus

Die Salesianer Don Boscos sind eine internationale Ordensgemeinschaft, die sich dem Dienst an jungen Menschen, vor allem den benachteiligten unter ihnen, widmet. Johannes Bosco (1855-1888) ist als Ordensgründer nicht nur Priester und ein Heiliger der katholischen Kirche. Für die Salesianer ist er vor allem ein Freund junger Menschen, ein genialer Erzieher und ein Schrittmacher der beruflichen Bildung. Bereits 1862 schloss er in Turin/Italien für die ihm anvertrauten jungen Menschen Lehrverträge ab, die die Rechte und Pflichten des Auszubildenden, aber auch die des Meisters genau regelten.

Salesianer Don Boscos sind heute in mehr als 3000 Jugend- und Sozialzentren, Schulen, Berufsbildungszentren, Technischen Schulen, Hochschulen und Universitäten in 132 Ländern für junge Menschen tätig, unabhängig von Religion, Ethnie, sexueller Orientierung oder Geschlecht. Sicher gibt es in vielen Einrichtungen mehr Jungen als Mädchen und mehr Christen als Nichtchristen. Aber nicht überall. In Pakistan sind die Jugendlichen in Don Bosco Berufsbildungszentren mehrheitlich Muslime, in Kambodscha Buddhisten. Kriterium für die Aufnahme ist die Bedürftigkeit der jungen Menschen. Es gibt zurzeit Ausbildungsgänge mit 95 Prozent männlichen Auszubildenden (Dreher, Fräser, Schweißer, Elektriker, Kühl- und Klimatechniker, KFZ-Mechaniker oder Drucker), aber auch Ausbildungsgänge mit 70 Prozent weiblichen Auszubildenden (Gastgewerbe, PC-Anwendung, Schönheitspflege, Gesundheitsdienste oder Logistikleistungen). Allerdings werden in Indien noch mehr Ausbildungsgänge für Frauen gebraucht.

Die Statistik zeigt, wie groß der Bedarf an Ausbildung gerade im non-formalen Bereich ist. Ein sehr großer Teil der jungen Menschen in Indien lernt beruflich einfach durch seine Mitarbeit im informellen Sektor. Vermutlich ist dies der größte Teil. Das darf nicht verschwiegen werden, wenn an dieser Stelle eher über eine flächendeckende Bereitstellung und Verbesserung der formalen und non-formalen Ausbildung – so kurz sie auch sein mag – nachgedacht wird. Alle besprochenen Modelle sind „center-based“ – bauen also auf der Kompetenz und Infrastruktur eines Ausbildungszentrums auf. Don Bosco Mondo fordert gemeinsam mit vielen anderen NRO eine stärkere Beachtung auch des informellen Sektors und seiner Ressourcen, da in Indien hier die meisten Menschen und vor allem die Ärmsten erreicht werden.

Die Salesianer Don Boscos haben sich in den vergangenen knapp 90 Jahren an der Kompetenzentwicklung in beruflicher Bildung in Indien beteiligt und besonders jungen Menschen aus marginalisierten Gruppen Chancen auf (Weiter)Bildung eröffnet. Dem Start im Jahre 1922 mit der Don Bosco Schule in Guwahati (Assam) folgte bereits 1928 eine erste Handwerkerschule in Shillong und eine weitere Schule für kaufmännische Ausbildung in Chennai. Der große Aufbruch mit der Gründung zahlreicher technischer Schulen fand schon bald nach der indischen Unabhängigkeit statt. In Zusammenarbeit mit kirchlichen Hilfswerken erfolgte in den 60er Jahren eine neue Gründungswelle und in den 80er Jahren eine Professionalisierung der Einrichtungen.

Anders als die meisten der mit Bildung befassten Organisationen verfügen die Salesianer Don Boscos in Indien über dauerhafte und etablierte Einrichtungen. In den kommenden Jahren wird die Zahl der Jugendhilfeeinrichtungen und Ausbildungszentren auf 500 anwachsen, ebenso wird die Zusammenarbeit mit anderen Hilfswerken, Netzwerken und Partnerorganisationen noch intensiviert werden.

DB Tech India

Im Jahr 2006 gründeten die indischen Leitungsgremien der Ordensgemeinschaft das Netzwerk „DB Tech India“ mit dem Ziel, die Qualität der Berufsausbildung in Don Bosco Einrichtungen für besonders benachteiligte Jugendliche zu erhöhen.

DB Tech will die wachsende Kluft zwischen den Möglichkeiten der New Economy und den für diese Arbeitsplätze notwendigen Ausbildungsgängen überbrücken. Dabei verfolgt DB Tech einen marktorientierten Ansatz, der auf die sozio-ökonomischen Bedürfnisse von marginalisierten jungen Menschen in der Altersgruppe von 18 bis 35 ausgerichtet ist. DB Tech ist ein Beispiel für gemeinsames soziales Handeln verschiedener Akteure, das auf mainstreaming ausgerichtet ist. Um den Absolventinnen und Absolventen einen Einstieg in den umkämpften Arbeitsmarkt zu ermöglichen, hilft ihnen DB Tech durch das Erlernen von soft skills und durch mentoring, die individuellen Grenzen zu überwinden.

DB Tech bietet beschäftigungsorientierte Berufsbildungskurse von kurzer Dauer an, um wirtschaftlich und sozial marginalisierten Jugendlichen zeitnah einen Arbeitsplatz zu vermitteln. Ein wesentlicher Faktor in der größeren Breitenwirksamkeit für die berufliche Bildung bei Don Bosco ist die Erschließung einheimischer Finanzierungen wie zum Beispiel die Teilnahme am Programm Skill India.

DB Tech India ist eine von der National Skill Development Corporation (NSDC) anerkannte Organisation mit 176 Berufsbildungszentren in 23 indischen Bundesstaaten. Damit ist DB Tech heute der zweitgrößte Anbieter beruflicher Bildung in Indien. Dort sollen neue Ausbildungsmöglichkeiten und Zugänge zum Arbeitsmarkt besonders für jene geschaffen werden, die von der „neuen Wirtschaft“ zunehmend an den Rand gedrängt werden. Als NRO geht DB Tech die Probleme der Arbeitslosigkeit und des Mangels an qualifizierten Arbeitskräften mit einem marktbasierten Ansatz an.

DB Tech: Wie es Ganzheitlichkeit umsetzt

DB Tech ist eine der ersten Anlaufstellen für Jugendliche mit niedrigem Einkommen, unzureichenden beruflichen Qualifikationen, unregelmäßiger Beschäftigung und fehlenden anderen Möglichkeiten zur Entwicklung eigener Talente. Oft haben Jugendliche aus verschuldeten Familien keinen Zugang zu Informationen über Ausbildung, Arbeit und Chancen oder Trends. Ihr Status als Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor und die Angst, selbst diesen Job noch zu verlieren, gefährden ihre Beziehungen zu ihren Arbeitgebern und führen zu einer emotional lähmenden Unsicherheit. Deshalb wurde eine Pädagogik entwickelt, die es ihnen ermöglicht, ihre ureigenen Fähigkeiten zu entfalten, neues Lernen zu stimulieren und dies zu ihrem Vorteil am Arbeitsplatz einzusetzen:

DB Tech setzt statt auf starres, lehrplanbasiertes Lernen auf flexible, marktorientierte Lernmodule, die durch pädagogisch geschulte Trainer vermittelt werden. Diese Trainer ermutigen die Schüler, ihre Stärken und Schwächen für die eigenständige Lösung von Fragen und Aufgaben einzusetzen. Ein „Eins-zu-eins-Dialog“, mit dem der Trainer Auszubildende ermutigt, aus der eigenen Lebenserfahrung zu schöpfen und Verantwortung für das eigene Lernen, aber auch für die Entwicklung der eigenen Familien und Gemeinden zu übernehmen. Die Trainingsprogramme der DB Tech unterscheiden sich von typischen „Angeboten von der Stange“: DB Tech erleichtert die Selbsterkundung von Talenten durch Übungen zur Persönlichkeitsentwicklung, zu Life Skills und durch Erfahrungen in der Arbeitswelt:

  • Ein typisches Trainingsprogramm umfasst drei Monate Unterricht (theoretische Grundlagen, Fachwissen und Praxisanleitung). Inputs von Branchenexperten zu Anforderungen der Industrie finden zeitnah Eingang in die Ausbildung.
  • Eine moderne Lernsoftware und Praxislernen in zeitgemäß ausgestatteten Werkstatträumen (Maschinen und Werkzeuge) unterstützen das Lernen.
  • Da Kommunikation und Arbeitshaltung für jede Vermittlung wichtig sind, werden die Auszubildenden in Englisch und speziellen Kursen weitergebildet, die ihnen helfen, den „Puls einer Branche“ zu spüren. Sie erwerben eine Kultur des Lernens, die soziale Wachstumschancen wahrnimmt.
  • Das Klassenzimmer-Training wird durch Unternehmenspraktika ergänzt, die einen doppelten Nutzen haben: der Auszubildende gewinnt nützliche Arbeitserfahrungen durch die Weiterentwicklung bislang ungenutzter Potenziale und Fähigkeiten, während die Arbeitgeber die Auszubildenden auf die beruflichen Anforderungen des Unternehmens vorbereiten können.

Bis zum Jahre 2022 hat DB Tech das ehrgeizige Ziel, zwei Millionen Jugendliche als Teil der Skill India Initiative auszubilden. Derzeit gibt es erst etwa 50.000 Auszubildende pro Jahr. 75 bis 80 Prozent der Absolventen im Bereich der beruflichen Kurzzeitausbildung finden einen Arbeitsplatz. Im Bereich der formalen Ausbildung liegt die Vermittlungsquote bei bis zu 95 Prozent. DB Tech kooperiert dabei unter anderem mit dem Ministerium für ländliche Entwicklung. Zur Umsetzung der beruflichen Bildung und zur Arbeitsplatzvermittlung kooperiert DB Tech aktuell mit mehr als 180 zumeist indischen Firmen. Aber auch Unternehmen wie Grohe, Knorr-Bremse, Bosch oder Lorch–Schweißtechnik erkennen die Eignung der in Zusammenarbeit mit Don Bosco gut ausgebildeten Fachkräfte für die eigene Produktion oder Markterschließung. Kooperationen in der Ausbildung von Fachkräften finden allerdings eher im Bereich der formalen Berufsbildung (ITI, College, Universität) als in dem von DB Tech geförderten Ausbildungsbereich der Kurzzeitkurse statt. Seit etwa drei Jahren unterstützt Don Bosco Mondo e.V. in Bonn, der auch bereits die Gründung von DB Tech förderte, aktiv die Anbahnung neuer Kooperationen, die für Don Bosco und das Unternehmen eine Win-Win-Situation herbeiführen, durch Fachberatung und Service bei der Akquise von Fördermitteln.

Zum Beispiel: Das Ausbildungszentrum in Pune

Von der Mitte des Hofes strahlt ein Volleyballfeld mit bunten Farben, und die vielen Firmenschilder weisen auf die Zusammenarbeit mit namhaften Unternehmen hin: Knorr-Bremse, Lorch–Schweißtechnik, Bosch und Mahindra Two-Wheelers, um nur einige zu nennen.

Besondere Zielgruppe des Ausbildungszentrums sind junge Menschen am Rande der Gesellschaft: Schulabbrecher, Jugendliche aus den unteren Kasten, aus ethnischen und religiösen Minderheiten oder junge Menschen mit einem persönlichen Handicap, das eine besondere Begleitung der beruflichen Ausbildung erforderlich macht. Da sie aus fast ganz Indien kommen, sind ein Wohnheimplatz und eine Vollverpflegung erforderlich, was die Finanzierung der Ausbildung nicht unbedingt einfacher macht.

Aufgenommen werden junge Frauen und Männer im Alter von 16 bis 35 Jahren, unabhängig von Religion oder Kastenzugehörigkeit. Das Zentrum bietet je nach Bildungsvoraussetzung niederschwellige, beschäftigungswirksame Kurzzeitausbildungen an (MES-Kurse), aber auch Diplomkurse für staatliche Prüfungen mit den Klassen 10 oder 12 als Eingangsvoraussetzung.

Don Bosco Mondo e.V.

Die Ausbildung beginnt mit einem Orientierungsprogramm in den Werkstätten, an dessen Ende den Jugendlichen entsprechend ihrer praktischen und intellektuellen Fähigkeiten, ihrer Interessen und persönlichen Schwerpunkte ein Ausbildungsvorschlag gemacht wird. Danach unterziehen sich die Teilnehmenden monatlichen Tests und den staatlichen Abschlussprüfungen (MES und ITI).

Wie wird die Qualität der Ausbildung gesichert?

Das Zentrum in Pune wurde vom TÜV Rheinland nach ISO 9001 zertifiziert – aus eigenem Antrieb und ohne Gegenfinanzierung aus Deutschland. Dennoch bleiben Qualitätsmonitoring und -verbesserung eine ständige Herausforderung. Ein entscheidender Punkt ist die Einstellung von Ausbildern mit den entsprechenden Abschlüssen, die auch über Unternehmenserfahrungen verfügen.

Pater Corlis Gonsalves, der Leiter des Ausbildungszentrums in Pune, hat dem Zentrum seinen Stempel aufgeprägt. „Ausbildungsqualität hat für uns nicht nur etwas mit der fachlichen Qualität im Ausbildungsberuf zu tun“, sagt er. „Ausbildungsqualität zeigt sich auch in der individuellen Förderung eines jeden einzelnen jungen Menschen, der ganzheitlichen Entwicklung seiner Persönlichkeit und der Begleitung bei seiner schrittweisen Integration in die Arbeitswelt.“ Daher geht es um die sogenannten „weichen Faktoren“: soft skills, Kontakt, Kommunikation und Selbstbewusstsein.

Für die der deutschen Lehre vergleichbare ITI Ausbildung von KFZ-Mechanikern, Elektrikern, Schweißern, Kühl- und Klimamechanikern, CNC-Fräsern und Computerfachleuten ist der Abschluss von Klasse 8 die Zugangsvoraussetzung. Aber auch Auszubildende ohne den Grundschulabschluss werden zugelassen. Sie erhalten dann die Möglichkeit, den Grundschulabschluss parallel zur Ausbildung nachzuholen. Eine weitere Option für Jugendliche ohne Abschluss, die über eine persönliche Eignung verfügen, sind beschäftigungswirksame Kurzzeitkurse (MES). Oft sind Armut und der Zwang, früh zum Broterwerb der Familie beizutragen, ausschlaggebend für fehlende Abschlüsse. Manchmal gibt es aus diesen Gründen auch eine Ausbildungslücke und die Scham, mit weitaus Jüngeren eine Klasse zu teilen.

Die überwiegende Zahl der Auszubildenden wohnt während der Ausbildung im angeschlossenen Wohnheim, nimmt ein Firmenpraktikum wahr und findet am Ende der Ausbildung einen Arbeitsplatz.

Was unterscheidet eine Ausbildung bei Don Bosco von einer staatlichen Einrichtung?

Eine Antwort auf der Ebene von DB Tech zielt sicher auf die Standardisierung von Ausbildungsangeboten, den Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten und vor allem Qualitätssicherung und -steigerung. In einzelnen Ausbildungszentren bestätigen Besucher und Unternehmen darüber hinaus, dass die technische und didaktische Ausstattung in vielerlei Hinsicht dem neuesten Stand entspricht und von motivierten und gut ausgebildeten Ausbildern eingesetzt wird.

Wohnheimplätze für Auszubildende sind an staatlichen Einrichtungen ebenfalls eher nicht der Normalfall. Ferner sind bei Don Bosco Unternehmenspraktika fester Ausbildungsbestandteil. Fragt man Salesianer oder leitende Mitarbeiter nach den Vorzügen einer Don Bosco Ausbildung, so werden diese wahrscheinlich die ganzheitliche Ausbildung nennen. Fragt man die Auszubildenden, so werden diese vielleicht auf die Sportanlagen, auf kulturelle Veranstaltungen und gemeinsame Feiern hinweisen. Der Verband der „Ehemaligen“ zeigt, dass sich viele junge Menschen ihrer „Ausbildungsfamilie“ auch über den Erwerb beruflicher Qualifikationen hinaus verbunden wissen.

Seit 2013 arbeitet Don Bosco Pune mit BARTI (Dr. Babasaheb Ambedkar Research and Training Institute) zusammen und bietet für Jugendliche aus der Adivasi- und Dalitbevölkerung spezielle Ausbildungskurse für Bürokaufleute sowie in Gastronomie und KFZ-Mechanik an. Ehemalige Straßenkinder nehmen in den Ausbildungszentren keinen Sonderstatus ein, nachdem sie ein Reintegrationsprogramm durchlaufen und die notwendigen schulischen Abschlüsse erlangt haben. Sie unterscheiden sich nicht von anderen Auszubildenden. Aufgrund vorhandener Wohnheimplätze, Förderunterricht und persönlicher Begleitung haben sie – trotz ihrer Lebensgeschichte als ehemalige Straßenkinder – gute Chancen auf einen qualifizierten Abschluss und einen guten Arbeitsplatz.

Einsatz für marginalisierte junge Menschen: Die Organisation PARA in Ravulapalem

Angehörige der Stammesbevölkerung und andere Minderheiten gehören seit jeher zur Hauptzielgruppe der Don Bosco Berufsbildungszentren. Um arbeitenden Kindern eine Zukunftsperspektive zu geben, errichtete Salesianerpater Thomas Pallithanam in Ravulapalem 1986 die Nichtregierungsorganisation PARA (People´s Action for Rural Awakening). Sie ist Vorkämpferin für das Recht auf Bildung der Adivasis und Dalits und engagiert sich für die Durchsetzung der Menschenrechte. Dabei vernetzte sich PARA auch auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene über konfessionelle und religiöse Grenzen hinaus.
Adivasi- und Dalitjugendliche finden Aufnahme in den Don Bosco Ausbildungszentren in ganz Indien.

Berufsbildung in Indien als Chance spezialisierter Anbieter

Berufliche Bildung in Indien unter Anwendung von Elementen des deutschen dualen Systems bleibt gefragt, wie verschiedene Gespräche, Begegnungen und Publikationen anlässlich des Besuches von Bundespräsident Joachim Gauck im Februar 2014 in Indien zeigen. Mit 41 Nennungen gehört Indien nach China (47 Nennungen) zu den attraktivsten Märkten deutscher Bildungsanbieter. Für 19 Unternehmen ist Indien bereits der wichtigste oder zweitwichtigste Exportmarkt. Mit der Frage, wie dem Missverhältnis zwischen dem Fachkräftemangel in Indien und dem Ausbildungsangebot des Berufsbildungssystems beizukommen sei, befasste sich ein Expertenseminar am 6. und 7. Februar 2014 in Bangalore. Dessen Ergebnisse wurden nun unter dem Titel „Vocational Education and Training Reform in India – Business Needs in India and Lessons to be Learned from Germany“ von der Bertelsmann Stiftung als Arbeitspapier publiziert.

Unternehmenskooperation als neue Aufgabe von NRO

„Wenn wir mit der Entwicklungszusammenarbeit erfolgreich sein wollen, ist eine Einbeziehung – ja Zusammenarbeit mit – der Wirtschaft unverzichtbar“, sagt Christian Osterhaus als Geschäftsführer von Don Bosco Mondo e.V. in Bonn. Und dabei geht es ihm nicht nur um finanzielle Mittel. Die Salesianer Don Boscos sind zwar weltweit wahrscheinlich die führende Organisation in Sachen Berufsbildung, sie können aber auf Knowhow-Transfer sowie Kooperationen bei Firmenpraktika und job placement nicht verzichten. Die Abteilung Unternehmenskooperation bei Don Bosco Mondo in Bonn schaltet den Link zwischen dem Fachkräftebedarf von Unternehmen und dem Ausbildungsangebot bei Don Bosco. Don Bosco ist in Indien zwar ein großer und erfahrener Partner für Berufsbildung. Aber auch hier gibt es noch enorme Potenziale, die noch nicht ausgeschöpft werden: Tracer studies können helfen, die langfristigen Wirkungen der Ausbildungsgänge zu analysieren; der weitere Ausbau eines Ehemaligen-Netzwerkes soll den Boden für Weiterbildung im Sinne von life-long-learning bereiten.

Wichtig wird sein, einerseits die berufliche Grundausbildung in das „Recht auf Bildung“, das allen Menschen zukommt (mit den entsprechenden Verpflichtungen für den Staat) einzubeziehen und andererseits die verantwortliche Zusammenarbeit mit Unternehmen zu stärken.

Ob Don Bosco als zivilgesellschaftliche Organisation auch für staatliche Stellen in Indien ein wichtiger Partner sein kann, ist wohl auch eine Frage der Perspektive. 50.000 junge Menschen pro Jahr auszubilden ist sicher eine enorme Leistung – nicht nur aus deutscher Sicht. Sucht man jedoch auf der Webseite der staatlichen NSDC (National Skill Development Corporation) nach Don Bosco, so findet man nur zwei Hinweise. Aber immerhin stehen sie unter der Rubrik „Erfolgsgeschichten“.

Erstveröffentlichung in SÜDASIEN Heft 1/2014

Zum Autor

Hans Jürgen Dörrich leitet die Abteilung Unternehmenskooperation bei Don Bosco Mondo in Bonn. Als Diplomtheologe mit einem Lizentiat in Missionstheologie sind ihm Fragen zu Unternehmensethik und gesellschaftlichem Engagement von Unternehmen in der globalen Welt ein besonderes Anliegen.

Kontakt zum Autor >> per E-Mail
Don Bosco Mondo e.V. >> im Internet

Titelfoto: André Houben von der Deutschen Bäckerakademie in Weinheim unterrichtet „ehrenamtlich“ Brotbacken an der Hotelfachschule des Don Bosco Learning Institute in Mumbai/ Indien
Foto im Text: Ausbilders für Zweiradmechanik in Pune

Weitere Informationen:

Die Situation der beruflichen Bildung in Indien:
Wie sieht der indische Ausbildungsmarkt aus?

Von 100 jungen Menschen in beruflicher Bildung befinden sich:

  • 10% an einem Polytechnikum oder einer Technischen Schule (3-4 Jahre, Zugangsvoraussetzung Klasse 12 – Senior Secondary Education, staatlich anerkannte Abschlüsse)
  • 10% an Berufsbildungszentren (ITI) (1-2 Jahre, Zugangsvoraussetzung Klasse 10 – High School, staatlich anerkannte Abschlüsse)
  • 15% in Berufsbildungskursen (MES) (3-12 Monate, Grundschulabschluss jedoch auch besondere Zielgruppe: school-drop-outs)
  • 65% in Kurzzeitausbildungskursen (45 Tage – 6 Monate, ohne Zugangsvoraussetzung)

DB Tech: Unsere Werte

Das „Don Bosco Credo“ besagt, dass Bildung eine „Herzenssache“ ist, gespeist aus der aufrichtigen Liebe der Erzieher und Ausbilder zu den ihnen anvertrauten jungen Menschen. Sie beinhaltet Verantwortung und persönliche Führung, damit junge Menschen ihre Zukunft eigenverantwortlich und nachhaltig gestalten können. Zur Don Bosco Pädagogik gehören die Werte.
Transparenz: Wir bemühen uns, jeden Schritt unserer Arbeit durch die Kommunikation und Einbeziehung aller Beteiligten so transparent wie möglich zu gestalten, um eine maximale Beteiligung aller sicherzustellen.
Verantwortlichkeit: Wir übernehmen in unseren Programmen und Aktivitäten gegenüber Begünstigten, Spendern und Partnern die Verantwortung für unser Handeln.
Exzellenz: Wir streben nach Exzellenz in allem, was wir tun. Wir sind bestrebt, unsere Arbeit ständig zu bewerten und zu lernen, was wir brauchen, um eine Situation zu meistern und nicht nur zu reagieren.
Inklusivität: Vielfalt und Inklusion bereichern unsere Programme. Wir bemühen uns, zivilgesellschaftlichen Organisationen mit unserer Arbeit ebenso zu dienen wie der marginalisierten Jugend.

CM15_Bildung

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