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Ein Jahr nach der Rana Plaza-Katastrophe: Opfer warten auf Entschädigung

Auf den Tag genau vor einem Jahr verloren über 1.100 Textilarbeiterinnen beim Einsturz des Fabrikkomplexes Rana Plaza in Dhaka, Bangladesch, ihre Leben. Den Jahrestag nutzen NGOs und Politiker, um an das Schicksal der Opfer zu erinnern – und die westlichen Textilhandelsketten für zögerliche Hilfezahlungen zu kritisieren.

Dhaka (csr-news) – Auf den Tag genau vor einem Jahr verloren über 1.100 Textilarbeiterinnen beim Einsturz des Fabrikkomplexes Rana Plaza in Dhaka, Bangladesch, ihre Leben. Den Jahrestag nutzen NGOs und Politiker, um an das Schicksal der Opfer zu erinnern – und die westlichen Textilhandelsketten für zögerliche Hilfezahlungen zu kritisieren.

Der Einsturz des Gebäudekomplexes im Norden der Hauptstadt von Bangladesch löste Entsetzen und Mitgefühl aus. Unmittelbar vor der Katastrophe hatten sich Risse an dem Gebäude gezeigt, die ansässigen Firmen ließen ihre Arbeiter trotzdem weiter produzieren. Neben den vielen Toten hinterließ der Einsturz bei den 2.300 lebend aus den Trümmern Geborgenen Verletzungen und Traumatisierungen, viele können heute keiner Arbeit nachgehen. Zu den Folgen der Katastrophe gehört somit die wirtschaftliche Not für betroffene Familien.

Da in dem Gebäude auch für westliche Modelabel gefertigt wurden, nahmen NGOs und Gewerkschaften die internationalen Handelsketten für Entschädigungszahlungen an Opfer und Angehörigen in die Pflicht. Von anderen Seiten ist wenig zu erwarten: Fabrik- und Hausbesitzer sind inhaftiert und nach Medienberichten pleite. Die Regierung übernahm in den ersten Monaten Behandlungskosten und zahlte den Hinterbliebenen je 1.000 bis 5.000 Euro; der Arbeitgeberverband glich drei Monatslöhne aus.

Ein wesentlicher Teil der Entschädigung soll nun aus einem Fonds fließen, dessen Errichtung zwischen westlichen Textilkonzernen, der Regierung von Bangladesch, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen vereinbart wurde. Insgesamt sollen 40 Millionen US Dollar (rund 29 Millionen Euro) in diesen Fonds eingezahlt werden. Bisher kamen allerdings erst etwa 15 Millionen USD (11 Millionen Euro) zusammen. Die Zeitschrift test der Stiftung Warentest fragte 27 Modelabel nach ihren Leistungen. Nur fünf Unternehmen gaben an, in den Hilfsfonds für die Opfer des Gebäudeeinsturzes in Bangladesch vor einem Jahr eingezahlt zu haben: C&A (500.000 Euro), Inditex (Zara – Summe unbekannt), Kik (360.000 Euro), Mango (Summe unbekannt) und Primark (725.000 Euro). Die Clean Clothes Campaign (CCC) fordert die bisher zurückhaltenden Unternehmen aus Anlass des Jahrestages auf, nunmehr einen substantiellen Betrag in den Fonds einzuzahlen.

„Besonders unrühmlich ist die Rolle der europäischen und US-amerikanischen Unternehmen, die sich bislang weigern, in den Entschädigungsfonds der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) einzuzahlen“, erklärte der entwicklungspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion der Grünen, Uwe Kekeritz. „Dieses Verhalten verhöhnt das Leid der Opfer. Entschädigungszahlungen könnten zumindest zu einer kleinen Verbesserung ihrer Lebensumstände beitragen.“ Die Auftraggeber in der Rana-Plaza-Fabrik trügen eine Teilschuld an der Tragödie.

Auch die Umsetzung eines anderen nach der Katastrophe unterzeichneten Abkommens sieht Kekeritz kritisch: des „Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh“. Mit regelmäßigen Inspektionen sollen der Gebäude- und Brandschutz in den Textilfabriken des asiatischen Landes sichergestellt werden. „In puncto Arbeitsstandards ist bislang kaum Positives zu erkennen“, so der Grünen-Politiker. Es müsse sich „erst noch herausstellen, inwieweit die versprochenen Maßnahmen zur Verbesserung der Gebäudesicherheit und des Brandschutzes Wirkung zeigen.“ Immerhin seien bislang keine weiteren größeren Unfälle geschehen.

Von den schätzungsweise 5.000 Textilfabriken sind bisher 1.619 dem Accord gemeldet worden, damit sie inspiziert werden können. Zehn Inspektionen haben bisher stattgefunden und sind mit ihren Ergebnissen im Internet veröffentlicht. Etwa 150 Modelabel haben den Accord unterzeichnet, darunter 48 aus Deutschland.

Anders sieht das der Hautgeschäftsführer der Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels (AVE), Jan Eggert: „Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Sozialstandards in den Lieferländern ist ein langwieriger Prozess, in dem nur viele kleine Schritte zum Erfolg führen werden“. Dieser Prozess müsse vor allem auch von den Verantwortlichen vor Ort mitgetragen werden, wenn er erfolgreich sein solle. Der deutsche Einzelhandel trage seinen Teil dazu bei.

Der AVE verweist in seiner Stellungnahme auf schärfere Kontrollen seitens der „Business Social Compliance Initiative“ (BSCI). Seit Anfang 2014 führe diese Initiative des europäischen Einzelhandels zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Lieferländern unangekündigte Audits in den Produktionsstätten durch. BSCI-Auditkriterien seien zudem verschärft und gezielt auf Gesundheits- und Sicherheitskriterien ausgerichtet worden. Zusätzlich will der BSCI Brandschutz und Gebäudesicherheit mit speziellen Trainingsmaßnahmen fördern. Dazu wurden im vergangenen Jahr elf Schulungen durchgeführt.

Die britische ethical fashion-Pionierin Carry Somers hat den 24. April derweil zum Fashion Revolution Day ausgerufen. An diesem Tag sollen insbesondere Verbraucher auf die Zustände in der Textilindustrie aufmerksam gemacht werden und danach fragen, woher ihre Kleidung stammt und wie sie produziert wurde. So soll der Fashion Revolution Day das öffentliche Interesse für die sozialen Aspekte entlang der weltweiten textilen Wertschöpfungskette wachhalten.

Foto: Kinder in einem Slum für Textilarbeiterinnen in Dhakas Norden.

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