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Bangladesch – Feldversuch der modernen Zivilgesellschaft?

Der westliche Textilhandel steht seit Beginn der frühen neunziger Jahre im Fokus von zunehmend aktiv werdenden Nichtregierungsorganisationen, die die wachsenden politischen Teilhabe- und Gestaltungswillen von Teilen der Zivilgesellschaft verkörpern. Als eine der Branchen, welche die Vorzüge der Globalisierung durch internationalen Handel bereits sehr frühzeitig erkannte und für sich nutzbar machte, manifestierten sich hier die ersten ethisch begründeten Konflikte aus dem sich abzeichnenden Spagat zwischen einer Produktion in Entwicklungsländern und dem Absatz der dort produzierten Bekleidung in den heimischen Märkten.

Düsseldorf (csr-partner) – Der westliche Textilhandel steht seit Beginn der frühen neunziger Jahre im Fokus von zunehmend aktiv werdenden Nichtregierungsorganisationen, die die wachsenden politischen Teilhabe- und Gestaltungswillen von Teilen der Zivilgesellschaft verkörpern. Als eine der Branchen, welche die Vorzüge der Globalisierung durch internationalen Handel bereits sehr frühzeitig erkannte und für sich nutzbar machte, manifestierten sich hier die ersten ethisch begründeten Konflikte aus dem sich abzeichnenden Spagat zwischen einer Produktion in Entwicklungsländern und dem Absatz der dort produzierten Bekleidung in den heimischen Märkten. Am Beispiel von Bangladesch wird exemplarisch deutlich, wie weit der Einfluss der Zivilgesellschaft auf unternehmerisches Handeln mittlerweile fortgeschritten ist.

Ein Beitrag von Rechtsanwalt Joachim Jütte-Overmeyer

„Final Embrace“ – ein Photo von zwei sich im Tod umarmenden Textilarbeitern im Schutt des zusammengestürzten Rana Plaza Gebäudes in Dhaka erhielt Anfang Februar als eines der beeindruckendsten Bilder den World Press Photo Award 2014. Dieses Bild verdeutlicht wie kein anderes den Konflikt zwischen den bunten und schillernden Reflektionen unserer Modewelt mit schönen und glücklichen Menschen in hübschen Kleidern und den harten und manchmal brutalen Realitäten, welchen diejenigen ausgesetzt sind, die diese Mode herstellen. Gerade die großen Firmen des Bekleidungshandels, aber auch mittlere und kleinere Unternehmen, angetrieben durch Skandalisierungen der Nicht-Regierungsorganisationen und der Medien, versuchen seit Jahren, unter vielfacher Kritik mit erheblichem Aufwand sicherzustellen, dass ihre Ware in einem akzeptablen und menschenwürdigen Umfeld produziert wird. Dieses geschieht in dem Bemühen, die komparativen Kostenvorteile einer globalen Fertigung trotz der Mühsamkeit dieses Unterfangens nicht zu verlieren, um in den eigenen Absatzmärkten im Wettbewerb bestehen zu können.

Zudem würde es diesen Ländern wenig helfen, wenn sich der Bekleidungshandel in „sichere“ Gefilde zurückziehen würde, denn der Verbraucher möchte und kann, trotz aller häufig gehörten Beteuerungen, eben nicht auf preisgünstige Bekleidung verzichten. Die Firmen scheitern in ihrem Bemühen allerdings immer wieder an den harten Realitäten des sozialen Umfelds ihrer Lieferländer, die eben bei Weitem nicht das soziale, ökologische und regulatorische Niveau ihrer Absatzmärkte erreichen. Während vertraglich vereinbarte Kodizes mit umfassenden und komplexen Sozial- sowie Umweltstandards die eigentlichen qualitativen Produktanforderungen einer Warenorder mittlerweile fast überlagern und Heerscharen von Inspektoren und Auditoren die Umsetzung mit den vorgegebenen Produktionsbedingungen vor Ort verifizieren, scheint sich die gesellschaftliche Sensibilität diesen Thematiken gegenüber in den Produktionsländern selbst nur wenig verändert zu haben. Die Maßnahmen bleiben häufig singulär und verwässern, sobald der kommerzielle Druck oder die Kontrolle nicht mehr vorhanden ist. Zudem sind Sichtfeld und Einflussmöglichkeiten begrenzt, da die Lieferketten komplex sind, Lieferquellen im Wettbewerb des Marktes wechseln und Aufträge selbst bei ausdrücklichen Verboten häufig weitergereicht werden. Hier wird sich auch ein gefordertes Textilsiegel zur Einhaltung sozialer und ökologischer Mindeststandards schwer tun, ohne einen immensen globalen Überwachungs- und Zertifizierungsapparat aufzusetzen. Die Realität dieser Welt entzieht sich halt manchmal unseren Wünschen.

Gerade Bangladesch hat, wie der UN Human Development Report Office “Rise of the South“ im Jahr 2013 an sozialen Indikatoren nachweist, im letzten Jahrzehnt einen der weltweit bemerkenswertesten Fortschritte von Entwicklungsländern hinsichtlich der Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen, der Gesundheit und der flächendeckenden Erhöhung der Pro-Kopf Einkommen erreicht. Dieses wird bei aller Berechtigung der Kritik an niedrigen Löhnen häufig übersehen. Diesen Erfolg führt der Report ausdrücklich auch auf den in dieser Zeit massiv ausgebauten industriellen Fertigungssektor für Bekleidung zurückführt, welches die mit weitem Abstand wichtigste Einnahmequelle für dieses Land darstellt und ohne die diese Erfolge weder erreicht worden, noch aufrecht zu erhalten sein würden. Der gerne erhobene pauschale Vorwurf, die internationalen Bekleidungsunternehmen hätten die Arbeits- und Sozialstrukturen ausschließlich verschlechtert, stimmt also nicht. Trotzdem scheint es nur sehr mühsam und langwierig zu gelingen, die eigenen ethisch motivierten Vorstellungen einer sozialen und sicheren Arbeitswelt in den gesellschaftlichen und sozialen Realitäten des Landes selbst nachhaltig zu verankern.

Die tiefe Frustration, welche den Bekleidungshandel beim Betrachten der Bilder der Opfer von Tazreen und Rana Plaza unter dem medialen Aufschrei der westlichen Zivilgesellschaft ergriffen hat, führte nunmehr zu einem bemerkenswerten neuen Ansatz. Erstmals bringen sich NGOS und internationale Gewerkschaften zusammen mit mittlerweile ca.180 internationalen Unternehmen des internationalen Bekleidungshandels, mit Unterstützung der ILO sowie Regierungen und Verbänden in einem gemeinsamen Ansatz direkt strukturell und operationell ein. In dem unter dem Eindruck der Katastrophe von Rana Plaza geborenen „Bangladesh Accord for Fire and Building Safety“ sowie der etwas anders strukturierten US „Alliance for Bangladesh Worker Safety“, wird in einer konzertierten, langfristig angelegten strukturellen Vorgehensweise versucht, die Arbeitssicherheit der Beschäftigten in Bangladesch durch die umfassende Implementierung von Brandschutz-, Gebäude- und Elektrosicherheitsstandards in mehr als 3000 Produktionsstätten (von mehr als 5000) des Landes zu verbessern. Das ist bereits eine Herkulesaufgabe, aber deckt nur einen geringen Teil der insgesamt geforderten sozialen und ökologischen Standards ab. Dabei verlassen die Vertreter der Zivilgesellschaft die weitgehend von ihnen bis dato eingenommene Rolle der bloßen Kritiker der nach ihrer Meinung unzulänglichen Bemühungen der Handelsunternehmen und stellen sich selber der Aufgabe, ihre Forderungen aktiv in die Realität umzusetzen. Der Ansatz hat durchaus Potential, da sie zum ersten Mal direkten Zugriff auf die meisten Produktionsunternehmen erhalten und, mit der wirtschaftlichen Nachfrage- und Durchsetzungsmacht des Textilhandels im Rücken und auf Basis des Privatrechts , Veränderungen auch durchsetzen können. Das bedingt aber auch die Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln.

Allerdings sind selbst bei positiver Grundhaltung und Unterstützung aller Beteiligten erhebliche Widerstände in der rauen Wirklichkeit der Bekleidungsproduktion zu überwinden. Es wird dabei auf einige wichtige Faktoren ankommen, nämlich insbesondere, ob es gelingt, bei den lokalen Parteien tatsächlich einen nachhaltigen Bewusstseinswandel herbeizuführen und bleibende Strukturen zu implementieren. Dieses wird nur dann funktionieren, wenn man alle diejenigen, die mit dieser für Bangladesch existentiell wichtigen Industrie verbunden sind, in diesen Prozess einbindet und die Notwendigkeit und Berechtigung dieser Maßnahmen als eigene Überzeugung übernommen wird. Das setzt größtmögliche Transparenz der Maßnahmen, Sensibilität für das eigene Handeln und Pragmatismus voraus. Außerdem mag es sinnvoll sein, dort aufzusetzen, wo der Handel in der Vergangenheit bereits Vorarbeit geleistet und funktionierende Vorbilder geschaffen hat. Wenn es nicht gelingt, die Menschen und Entscheidungsträger vor Ort einzubinden und sie nur zum Objekt der eigenen Überzeugungen macht, wird das Vorhaben nicht nachhaltig sein. Stereotypen wie „böse“ Arbeitgeber und „gute“ Arbeitnehmer oder politisches Gutmenschentum helfen letztlich nicht weiter und ein pragmatisches und realitätsnahes Vorgehen der Vorzug vor jedweden ideologisch begründeten Schuldzuweisungen zu geben.

Als eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein Gelingen des Projektes ist es deshalb notwendig, die gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Kontexte des Landes zu kennen, den erhobenen Zeigefinger wegzustecken und auf dieser Basis die Menschen in das Projekt weitestgehend einzubinden, so dass es zum Bestandteil der eigenen Überzeugung wird. Die Aufgabe ist vor dem Hintergrund der sozialen Situation in Bangladesch immens und bekanntermaßen sind die westlichen Rezepte, selbst bei allem guten Willen, nicht immer erfolgreich. Der Erfolg wird sich daran messen, ob es den Menschen in Bangladesch hernach nachhaltig wirtschaftlich besser geht. Eine bemerkenswerte Initiative die sich genau mit diesen Fragen der strukturellen Einflussmöglichkeit des Handelns internationaler Unternehmen auf die weltweite Entwicklungspolitik beschäftigt, hat sich jüngst mit der Organisation „Global Value“ gegründet.

Es handelt sich hier um einen in der Geschichte in dieser Dimension einmaligen Feldversuch, in dem die Kräfte des Marktes unter Beteiligung der Zivilgesellschaft genutzt werden, um zum Ziel einer dauerhaften strukturellen Veränderung zu kommen. Man würde damit im Erfolgsfall etwas erreichen, woran bisher oftmals internationale Abkommen und Konventionen mangels einer realen Durchsetzungsmöglichkeit gescheitert sind. Wesentlich größere Durchschlagskraft ließe sich erzielen, wenn der Verbraucher tatsächlich sein Kaufverhalten für Mode primär darauf abstellt. Andererseits könnte ein Misslingen für das Land Bangladesch, dessen weitere Entwicklung erheblich von der Bekleidungsproduktion abhängt, volkswirtschaftlich und entwicklungspolitisch erhebliche negative Folgen haben. Wenn es aber gelingt, kann das Konzept durchaus Leitfunktion für ein ähnliches Vorgehen in anderen Ländern und anderen Branchen haben. Dazu bedarf es aber Augenmaß und Realitätssinn!

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