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Darf’s ein bisschen mehr sein? – CSR in der Lebensmittelwirtschaft

Wenn mal wieder irgendwo ein Lebensmittelskandal auftaucht, dann sind die Schuldigen meist schnell gefunden. Die Branche fühlt sich dann meist zu Unrecht an den Pranger gestellt, wehrt sich und bemüht den Einzelfall, auf keinen Fall ein systematisches Versagen. Im vergangenen Jahr hat sich deshalb der Verein Lebensmittelwirtschaft gegründet, dessen Ziel die Aufklärung über die Herstellung von Lebensmitteln ist. Gestern präsentierte der Verein seine Vorstellung von CSR und Nachhaltigkeit.

Berlin (csr-news) > Wenn mal wieder irgendwo ein Lebensmittelskandal auftaucht, dann sind die Schuldigen meist schnell gefunden. Die Branche fühlt sich dann meist zu Unrecht an den Pranger gestellt, wehrt sich und bemüht den Einzelfall, auf keinen Fall ein systematisches Versagen. Im vergangenen Jahr hat sich deshalb der Verein Lebensmittelwirtschaft gegründet, dessen Ziel die Aufklärung über die Herstellung von Lebensmitteln ist. Gestern präsentierte der Verein seine Vorstellung von CSR und Nachhaltigkeit.

Schon die Begriffe bieten breiten Interpretationsspielraum, wie soll dann eine so vielfältige Branche wie die Lebensmittelwirtschaft ein gemeinsames Verständnis von CSR und Nachhaltigkeit haben? Die Themen sind zahlreich und reichen vom biologischen Anbau bis hin zur Achtung von Menschenrechten auf Plantagen in anderen Teilen der Welt. „In der Lebensmittelwirtschaft begegnen wir einem Paradoxon“, führt Stephan Becker-Sonnenschein, Geschäftsführer des Vereins „Die Lebensmittelwirtschaft“, ins Thema ein. „Lebensmittel sind per se auf Konsum, meist sogar den schnellen Verbrauch angelegt. Das aber ist nun alles andere als nachhaltig. Kann es also einen nachhaltigen Verbrauch geben, oder kann sich die Nachhaltigkeit nur auf die Herstellung und bäuerliche Produktion von Lebensmitteln beziehen?“

Michael Miersch, Ressortleiter beim Focus, plädiert für eine zukunftsfähige Landwirtschaft, jenseits von idyllischen Illusionen. Für ihn ist die moderne Landwirtschaft eine der effektivsten Umweltschutzmaßnahmen überhaupt. Als einen Grund nennt Miersch den enormen Flächenbedarf, den eine vollständig biologische Landwirtschaft benötigen würde, und das, obwohl schon heute 40 Prozent der eisfreien Fläche unseres Planeten landwirtschaftlich genutzt werden. „Fläche ist eine der knappsten Ressourcen überhaupt“, so Miersch. „Deshalb sollten wir uns Gedanken darüber machen, wie wir die industrielle Landwirtschaft nachhaltiger gestalten können“. Miersch hält Bio nicht für die Lösung, auch wenn sich einzelne Betriebe vorbildlich für den Naturschutz engagieren. Gleichwohl war der Bio-Boom ein wichtiger Treiber, der in der Landwirtschaft viele Impulse gesetzt hat.

Statt von Nachhaltigkeit spricht Prof. Joachim Schwalbach lieber von Unternehmensverantwortung. Er sieht Unternehmen ganz klar in der Pflicht, zu erklären, warum sie ein wertvoller Teil der Gesellschaft sind. Dabei sei die Entwicklung klar, die Anforderungen nähmen zu, vor allem in der Lieferkette. „Der Druck der Stakeholder wird hoch bleiben“, so Schwalbach. „Es hat lange gedauert, bis die Unternehmen erkannt haben, dass Probleme in der Lieferkette auch ihre eigenen Probleme sind“. Inzwischen hätten die meisten großen Unternehmen diesen Zusammenhang erkannt, dennoch erfordere CSR ein klares Bekenntnis des Top-Managements. Schwalbach fordert auch mehr Gestaltungswillen der Politik. „Bislang wird die Politik von der Entwicklung getrieben“, wirkliche Impulse setzt sie nicht. Dabei wäre genau das bei Themen wichtig, die nur zögerlich auf die Tagesordnung kommen, wie etwa der Einhaltung der Menschenrechte entlang der Lieferkette.

Doch mit sozialen Standards lassen sich keine Verkaufserfolge erzielen, erläutert Markus Löning (FDP), ehemaliger Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung. Unabhängig davon sieht Löning eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Die Missachtung von Menschenrechten könne enorme Reputationsschäden anrichten. „Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist CSR in diesem Sinne unternehmerische Risikovorsorge“. Löning appelliert an die Unternehmen, die Menschenrechtsproblematik zeitnah in ihrem Handeln zu integrieren. „Jetzt können sie noch zu den First Movern gehören und bei den Verbrauchern punkten“.

Franz Möllenberg, ehemaliger Gewerkschafter und Vorstandsmitglied von „Die Lebensmittelwirtschaft“, ist allerdings der Meinung, dass manche Unternehmen immer noch nicht begriffen hätten, worum es beim Thema CSR geht. „So verkünden sie stolz, wie sie den lokalen Fußballverein unterstützen, und missachten gleichzeitig elementare soziale Standards in ihrer unternehmerischen Tätigkeit“. Und soziale Standards seien weit mehr als die Einhaltung eines Mindestlohns, betont Möllenberg.

Nachhaltigkeit und CSR werden die Lebensmittelwirtschaft in Zukunft begleiten, soviel ist sicher. Die Verbraucher werden weiter Fragen stellen und den Druck auf die Unternehmen erhöhen. Gleichwohl scheint häufig der Verbraucher die Schuld zu tragen. Er fordert, aber er ist nicht bereit, mehr zu zahlen. Fairtrade oder Bio tragen ihren Teil am Umsatz bei, sind aber nach wie vor Nischenprodukte. Also ein weiter so – und ab und an mal den Kopf einziehen? Ein Beitrag aus dem Plenum von einem Verantwortlichen des Deutschen Kaffeeverbands könnte dies nahelegen: „Solange ein Skandal nicht auf die Titelseite der Bild-Zeitung kommt, lässt er sich in den Verkaufszahlen nicht belegen“.

Foto: (v.l.) Michael Miersch, Prof. Joachim Schwalbach, Stephan Becker-Sonnenschein, Markus Löning, Franz-Josef Möllenberg

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