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Studie zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland

Gütersloh (csr-news) > Die Deutschen halten heute besser zusammen als noch zu Beginn der 90er Jahre. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung belegt, dass in Deutschland insgesamt der Gemeinsinn während der vergangenen zwei Jahrzehnte gewachsen ist. Hamburg nimmt im Gesamtindex eine deutliche Spitzenstellung ein. Neben den Stadtstaaten schneiden auch Baden-Württemberg, Bayern und das Saarland überdurchschnittlich gut ab. Schwerer tun sich die ostdeutschen Bundesländer: Zwar ist auch dort der Gemeinsinn heute stärker als direkt nach der Wende, allerdings ist der Abstand zu den westlichen Bundesländern 25 Jahre nach dem Mauerfall größer denn je. Das „Radar Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ untersucht die sozialen Beziehungen zu anderen Menschen, die emotionale Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und die Orientierung am Gemeinwohl anhand von 31 Indikatoren, die in neun Dimensionen zusammengeführt werden. In sieben Dimensionen belegen die ostdeutschen Bundesländer im Ländervergleich die hinteren Plätze. Das heißt allerdings keineswegs, dass die Gesellschaft dort immer weiter auseinander driftet. Denn auch im Osten hat sich der Zusammenhalt seit der Wiedervereinigung positiv entwickelt, nur offensichtlich langsamer als im Westen. In den ostdeutschen Bundesländern beobachten die Autoren, ein Forscherteam aus Sozialwissenschaftlern der privaten Jacobs University Bremen, durchaus Parallelen zu anderen ehemals sozialistischen Staaten. So ist das relativ geringe Vertrauen der Ostdeutschen in ihre Mitmenschen typisch für Länder, in denen zuvor eher Kontrolle das gesellschaftliche Klima bestimmt hatte. „Vertrauen in Menschen ist ebenso wertvoll wie zerbrechlich. Eine Vertrauensbasis ist schnell zerstört – sie wieder aufzubauen, erfordert Zeit und Geduld“, sagt Liz Mohn, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung.

Die Verteilungsgerechtigkeit beurteilen die Bürger im Osten deutlich schlechter als die Bürger im Westen. So sind in den ostdeutschen Ländern erheblich mehr Menschen der Meinung, die Regierung solle dafür sorgen, Einkommensunterschiede zu reduzieren. Dies spiegelt sich in einer relativ hohen Unzufriedenheit der Ostdeutschen mit dem eigenen Lebensstandard: Während im Westen seit 1990 durchgehend mehr als jeder zweite Bürger meint, einen gerechten Anteil am Wohlstand zu erhalten, sackte dieser Anteil in den meisten ostdeutschen Bundesländern nach einem Zwischenhoch wieder kräftig ab. Fast so niedrig wie direkt nach der Wende sind die Werte in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Dort empfindet nur noch jeder Fünfte seinen Lebensstandard als gerecht. „In vielen Regionen im Osten scheint der zwischenzeitliche Optimismus einer gewissen Ernüchterung gewichen zu sein“, sagt Kai Unzicker, Experte für gesellschaftliche Entwicklung in der Bertelsmann Stiftung. Die Akzeptanz von Vielfalt hat sich in Deutschland ambivalent entwickelt. Erheblich angestiegen ist in nahezu allen Bundesländern die Toleranz gegenüber Homosexuellen. Selbst in Bayern als dem in diesem Punkt am wenigsten tolerantem westdeutschen Bundesland herrscht relativ hohe Zustimmung zu der Aussage, Schwule und Lesben sollten ihr Leben führen können, wie sie möchten. Auch in den ostdeutschen Bundesländern hat sich die Akzeptanz gegenüber homosexuellen Lebensformen erhöht, liegt aber außer in Thüringen unterhalb des Bundesdurchschnitts. Zuwanderern begegnen viele Deutsche nach wie vor mit großer Skepsis. Zwar zeigen sie sich zu-nehmend offener für ein gesellschaftspolitisches Engagement von Ausländern, allerdings akzeptieren sie immer seltener, wenn diese in Deutschland ihren traditionellen Lebensstil pflegen. Diese nachlassende Akzeptanz von kultureller Vielfalt erscheint unbegründet, denn die Studie zeigt: In den Bundesländern mit den höchsten Ausländeranteilen halten die Bürger am engsten zusammen. „Offenbar empfinden noch immer viele Deutsche Zuwanderung als Bedrohung. Wir sollten statt-dessen Vielfalt als Chance begreifen“, sagt Liz Mohn, die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung. Mit ihrer Analyse, welche Einflussgrößen entscheidend sind für den Grad des Zusammenhalts in einer Gesellschaft, liefert die Studie auch Erklärungen, warum die ostdeutschen Länder den Abstand zu Westdeutschland noch nicht verringern konnten: „Je höher das Bruttoinlandsprodukt eines Bundeslandes, je niedriger das Armutsrisiko, je urbaner das Wohnumfeld und je jünger die Bevölkerung, desto höher der Zusammenhalt“, fasst Kai Unzicker zusammen. Damit bestätigt die Studie, dass Wirtschaftskraft und Wohlstand förderlich sind für das innere Gefüge einer Gesellschaft. Das war bereits das Ergebnis des letztjährigen Radars, das den Gemeinsinn in mehr als 30 Staaten untersucht hatte. Der innerdeutsche Vergleich zeigt nun zusätzlich, dass auch ein städtisches Umfeld und eine positive demographische Entwicklung helfen, eine Gesellschaft zusammenzuhalten.

Das „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ ist ein Index der Bertelsmann Stiftung, den ein Forscherteam unter der Leitung von Prof. Klaus Boehnke und Prof. Jan Delhey von der Jacobs University in Bremen erstellt hat. Bereits im Juli 2013 ergab ein internationaler Vergleich, dass die skandinavischen Staaten und die angelsächsischen Einwanderungsländer einen besonders hohen Zusammenhalt aufweisen. Deutschland landete hierbei im Mittelfeld der 34 untersuchten Länder, mit deutlichen Schwächen bei der Akzeptanz von Diversität. Für den innerdeutschen Vergleich der Bundesländer wurden verschiedene Befragungsstudien sowie Daten der amtlichen Statistik in einer sogenannten Sekundäranalyse zusammengeführt und ausgewertet. Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird durch 31 Einzelindikatoren in neun Dimensionen erfasst, die sich den drei Themenbereichen „Soziale Beziehungen“, „Verbundenheit mit dem Gemeinwesen“ und „Gemeinwohlorientierung“ zuordnen lassen.

Die Studie „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland 2014“ und die Länderreporte zum Download.

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