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Europaweit erste Fairnesszertifizierung im Ratenkreditmarkt: Lässt sich Unmögliches ermöglichen?

Im Dezember 2013 vergab die DQS GmbH das europaweit erste Fairnesszertifikat an den Ratenkreditanbieter easyCredit auf Basis von Prüfkriterien des institut für finanzdienstleistungen Hamburg (iff). Starke Bedenken zu diesem Zertifizierungsverfahren äußerte der Würzburger Wirtschaftsethiker Prof. Harald Bolsinger heute in Hamburg bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der internationalen iff-Konferenz und begründet diese im folgenden Gastbeitrag für CSR NEWS.

Würzburg (csr-partner) – Im Dezember 2013 vergab die DQS GmbH das europaweit erste Fairnesszertifikat an den Ratenkreditanbieter easyCredit auf Basis von Prüfkriterien des institut für finanzdienstleistungen Hamburg (iff). Starke Bedenken zu diesem Zertifizierungsverfahren äußerte der Würzburger Wirtschaftsethiker Prof. Harald Bolsinger heute in Hamburg bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der internationalen iff-Konferenz und begründet diese im folgenden Gastbeitrag für CSR NEWS:

„In der – nicht zertifizierbaren – Norm ISO 26000 sind Konsumentenanliegen, Verbraucherbildung und Sensibilisierung sowie faire Geschäftspraktiken schon lange fester Bestandteil. Dazu zählt die Pflicht, „dass beim Anbahnen und Abwickeln von Verträgen Fairness waltet.“ Dies kann durch die Bereitstellen von sachlich korrekten Informationen und eine Informationsvermittlung geschehen, die „nicht irreführend oder verzerrend ist.“ In der Ratenkreditbranche besteht hier ein eklatanter Nachholbedarf – auch bei als „fair“ zertifizierten Ratenkreditprozessen, die derzeit von der DQS GmbH in Anlehnung an ISO 9001 begutachtet werden.

Gesellschaftliche Akzeptanz braucht Multistakeholderforum

Die Definition fairer Kreditkonditionen oder eines fairen Beratungsgebarens darf nicht der Branche oder einem Qualitätszertifizierer überlassen werden. Wertefragen im Umfeld von Gerechtigkeit und Seriosität müssen stattessen in einem Multistakeholderforum diskursethisch im Kontext geklärt werden. Beispiele für solche Fragen sind: „Ist es fair, doppelt so hohe Zinsen zu verlangen wie der Wettbewerbsdurchschnitt?“ und „Ist es fair, den Kunden mit Aussagen zu Tageskosten seines Kredites bzw. entsprechender Restschuldversicherungen zum Abschluss zu überreden?“. Nur mit einem Multistakeholderforum lässt sich die gesellschaftliche Akzeptanz für spezifisches Geschäftsgebaren wirksam belegen.

Transparenz verbessern: Abbildung als Dashboard

Die Punktvergabe durch die DQS-Auditoren bei dem Versuch, Wertvorstellungen zu zertifizieren, hat den Hang zur Willkür und bleibt angreifbar. Genauso verhält es sich mit Gewichtungsfaktoren für Fairnessaspekte: Diese sind – wenn es um Werte gehe – individuell von der Wahrnehmung des Urteilenden abhängig. Deswegen ist hier auch keine Aggregation auf einen Schlusswert zulässig. Doch genau das passiere am Markt immer wieder: Mittels Aggregation werden einzelne unfaire Punkte verschleiert – z.B. die Überteuerung -, die dem individuell Urteilenden unter Umständen sehr wichtig sind.

Eine faire Fairnessgraddarstellung kann nur in Form eines Dashboards aller relevanten Aspekte erfolgen, die es dem Adressaten der Fairnesskommunikation selbst erlaubt, eine individuelle Einstellung der Gewichtungsfaktoren vorzunehmen. Dies können nicht die DQS oder scheinbare Fairnessauditorinnen aus der Wissenschaft leisten, soll der eigentliche Adressat nicht entmündigt werden. Die inhaltliche Gestaltung des Dashboards ist in einem diskursethisch bestimmten Prozess zu bestimmen – nicht aber lediglich vom iff, der DQS oder gar der Branche selbst“. Dazu bedarf es eines neutral moderierten Multistakeholderforums, das beispielsweise vom Bundesministerium für Verbraucherschutz getragen werden kann.

Berichterstattungsqualität sichtbar machen

Zertifizierungen sind dennoch möglich – allerdings auf Managementsystemebene: etwa dazu, ob die Aussagen und präsentierten Werte im geforderten Dashboard tatsächlich der Realität entsprechen! So wie es sich derzeit darstellt, kann die von der DQS angebotene Zertifizierung aus diskursethischer Sicht nicht mehr oder weniger Gültigkeit beanspruchen, wie die unzähligen bereits vorhandenen Siegel, die nur einen Zweck haben – mehr zu verkaufen.

Allerdings würde glaubwürdiger Berichterstattung über die Fairness von Ratenkreditprodukten Vorschub geleistet, wenn sich ein breit akzeptierter Kriterienkatalog zur Beurteilung von Fairness durchsetzen könnte. Dieser kann jedoch nicht im Elfenbeinturm der Wissenschaft und/oder der Branche selbst aufgestellt werden, um im Nachgang ein gutes Geschäft mit einer neuen Form von vermeintlich objektivem Siegel für diese spezielle Finanzdienstleistung zu machen. Die vom iff 2013 vorgelegte >> Studie sowie die exemplarische >> Untersuchung von Natalie Hirschbiegel an der FHWS Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt bieten sich als Einstieg für ein neutral moderiertes Multistakeholderforum aus Konsumenten, Verbraucherschutz, Finanzdienstleistern, Wissenschaftlern und Politik an.

Integration von Fairnessbestrebungen in bestehende Managementsysteme durch Transparenz und Inklusivität aller Stakeholder im Dialog kann dafür sorgen, dass Fairness glaubwürdig wahrnehmbar wird. Dazu ist es aber notwendig, sich von der Einbahnstraße eines Zertifikates zu verabschieden und sich im Prozess einer kontinuierlichen Verbesserung von der Öffentlichkeit beurteilen zu lassen.“

Prof. Dr. Harald J. Bolsinger lehrt an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt

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