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Von der Kloake zum Biotop: Industrialisierung und Gewässerschutz an der Wupper

Die Wupper bietet ein gutes Beispiel dafür, wie Bevölkerungswachstum und Industrialisierung einem Fluss zum Verhängnis wurden – und wie der Gewässerschutz eine stinkende Kloake wieder zu einem Wasserbiotop werden lässt. Im Jahr 1904 gab der Fluss dem sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Philipp Scheidemann Anlass zu einem mehrdeutigen Witz: „Die Wupper ist tatsächlich so schwarz, dass, wenn sie einen Nationalliberalen darin untertauchen, sie ihn als Zentrumsmann wieder herausziehen können.“ Heute erobern die Lachse dieses Gewässer zurück, das der Stadt Wuppertal ihren Namen gab.

Wuppertal (csr-news) – Die Wupper bietet ein gutes Beispiel dafür, wie Bevölkerungswachstum und Industrialisierung einem Fluss zum Verhängnis wurden – und wie der Gewässerschutz eine stinkende Kloake wieder zu einem Wasserbiotop werden lässt. Im Jahr 1904 gab der Fluss dem sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Philipp Scheidemann Anlass zu einem mehrdeutigen Witz: „Die Wupper ist tatsächlich so schwarz, dass, wenn sie einen Nationalliberalen darin untertauchen, sie ihn als Zentrumsmann wieder herausziehen können.“ Heute erobern die Lachse dieses Gewässer zurück, das der Stadt Wuppertal ihren Namen gab.

Noch Anfang des 19. Jahrhunderts war der „Bergische Amazonas“ so reich an Lachsen, dass eine Verordnung regelte: Dienstboten darf dieser Fisch höchstens fünfmal pro Woche vorgesetzt werden. Der vorerst letzte Lachs wurde 1841 aus dem Fluss gezogen und Anfang der 1970er Jahre galt die Wupper neben Elbe und Rhein als einer der am stärksten verschmutzten Flüsse Europas. Metall-, Farben- und Textilindustrie hatten sich an ihren Ufern angesiedelt und den Fluss für ihre Produktion genutzt: Wasserräder trieben die Schleifkotten an und Textilfärber breiteten ihre Garne zum Bleichen an den Ufern aus und befeuchteten sie mit Wupperwasser. Die wirtschaftliche Entwicklung ließ die Städte rasant wachsen. Industrie- und Haushaltsabwässer verseuchten die Wupper, Flora und Fauna starben. Eine Vielzahl an Wehren und Staustufen sowie Uferbefestigungen und Flusseinfriedungen taten ein Übriges zur Vertreibung der Fische.

Den „Bergischen Amazonas“ wiedererwecken

Heute kehren die ersten Lachse in die Wupper zurück und Graureiher nisten in ihren Randzonen. „Wir haben inzwischen wieder einen beachtlichen Artenreichtum in dem Fluss“, sagt der Vorstand des Wupperverbandes, Georg Wulf. Der Verband ist für die Wasserwirtschaft im Einzugsgebiet der Wupper verantwortlich, betreut zwölf Talsperren und betreibt elf Kläranlagen. Letztere sowie ein 1990 erlassener „Bewirtschaftungsplan untere Wupper“ trugen wesentlich zu der verbesserten Wasserqualität bei. „Der Blickwinkel der Planung hat sich verändert“, sagt Wulf. „Die Frage lautet heute: Was wollen wir für die Wupper erreichen? und nicht: Was kann die Wupper noch verkraften?“ Planungsziel ist die Rückversetzung der Wupper in einen möglichst naturnahen Zustand, den Maßstab bildet der Zustand unbeeinträchtigter Mittelgebirgsflüsse. Zu den planerischen Maßnahmen gehört, dass durch den Rückbau von Befestigungen und Staustufen eine Strömungsdiversität wiederhergestellt wird und Fische in den strömungsarmen Bereichen Ruhe- und Laichplätze finden. Seit dem Jahr 2000 fordert die Europäische Wasserrahmenrichtlinie den „guten Zustand„ für alle „Wasserkörper“, der spätestens bis zum Jahr 2027 zu erreichen ist.

Entzündungshemmer im Trinkwasser

Reicht das an der Wupper Erreichte? Oder müssen weitere Spurenstoffe im Wasserkreislauf reduziert werden, um Mensch und Natur zu schützen? Denn auch das auf den ersten Blick saubere Wasser ist nicht rein von anthropogenen Spurenelementen. „Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir mit unseren Kläranlagen alle Mikroschadstoffe aus dem Wasserkreislauf fernhalten können“, sagt Wulf. Deutschlandweit findet in den meisten Kläranlagen ein dreistufiger Reinigungsprozess Anwendung, der mechanische, biologische und chemische Verfahren kombiniert. Manche Verunreinigungen lassen sich damit jedoch nicht ausfiltern, etwa die aus Körperpflegemitteln stammenden Mikroplastikteilchen, sogenannte Peeling-Mittel. Oder Arzneimittel wie der Entzündungshemmer Diclofenac: 90 Tonnen dieses Wirkstoffes werden in Deutschland jährlich verbraucht, zu 70 Prozent verlässt er den Körper unverändert. Mit dem Urin gelangt das Diclofenac ins Abwasser, passiert die Kläranlagen ungehindert und gelangt über die Oberflächengewässer ins Trinkwasser und zurück in den menschlichen Körper. Ist also eine kostenintensive vierte Reinigungsstufe erforderlich, die solche Mikroschadstoffe und Arzneimittelrückstände durch Ozonierungsanlagen und Aktivkohlefilter auffängt?

Mit modernen analytischen Verfahren lassen sich Spurenelemente in kleinsten Mengen feststellen: „Wir können in der Großen Dhünn-Talsperre einen einzelnen Zuckerwürfel nachweisen“, so der Wupperverbandsvorstand, in dessen Zuständigkeitsbereich die Trinkwassertalsperre Große Dhünn mit einem Stauvolumen von 81 Millionen Kubikmetern liegt. Allerdings sagt der Nachweis einer Substanz noch nichts darüber, wie diese auf die Natur und den Menschen wirkt. Hier fehlen weiterreichende Forschungsergebnisse. Und: Angesichts der Vielzahl alltäglich verwendeter Chemikalien wird in den Gewässern längst noch nicht nach den Einträgen aller dieser Stoffe gesucht. Klar ist: Mit der Einführung einer vierten Reinigungsstufe in Kläranlagen kämen erhebliche Mehrkosten auf Industrie und private Haushalte zu. Wulf: „Wir brauchen dazu eine politische Entscheidung.“

Unternehmen und Verbraucher beteiligen

Aber auch über einen anderen Ansatz zur Verbesserung der Wasserqualität müsse diskutiert werden, sagt Wulf: Die Vermeidung von Schadstoffeinträgen. „Da lässt sich noch einiges tun.“ So könnten Peeling-Mittel in Körperpflegeprodukten durch biologisch abbaubare Alternativen ersetzt werden. Und Bürger könnten eine höhere Sensibilität für Wasserprobleme entwickeln und dafür gewonnen werden, Arzneimittelreste nicht einfach über die Toilette oder den Spülstein zu entsorgen. Wulf: „Ich glaube, dass wir die Verbraucher da noch nicht ausreichend mitgenommen haben.“

Und auch die Unternehmen sollten einbezogen werden – etwa durch die Weiterentwicklung ihrer Fertigungstechniken. Ein Beispiel bietet das Kompetenznetzwerk Oberflächentechnik (www.netzwerk-surface.net): In den metallverarbeitenden Betrieben der Wupper-Region spielt die Oberflächenbehandlung eine besondere Rolle. Beim Beizen, Galvanisieren, Lackieren oder anderen Verfahren werden stark toxische Chemikalien verwendet und Metalle freigesetzt. Das Kompetenznetzwerk bündelt Wissen und Ressourcen in der Branche und widmet sich umweltrelevanten Themen wie Energie, Entsorgung – und Abwasser.

>> Ein Video und eine Bildreportage zu dem Text erscheinen am 27. Juni.