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Fahrzeugbauer vernachlässigen Lieferkette: Praktiker diskutieren auf EBEN-Konferenz

Automobilhersteller haben die Umwelt- und Arbeitsstandards bei der Gewinnung ihrer Rohstoffe bisher kaum in den Blick genommen. Das sagte die Vorstandssprecherin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), Tanja Gönner (CDU), am Freitag in Berlin. In Zukunft könnte aber der Nachweis eines nachhaltigen Rohstoffbezuges wichtig werden für den Verkauf klimafreundlicher Autos. Die GIZ-Chefin sprach auf der Jahrestagung des europäischen Wirtschaftsethiknetzwerks EBEN.

Berlin (csr-news) – Automobilhersteller haben die Umwelt- und Arbeitsstandards bei der Gewinnung ihrer Rohstoffe bisher kaum in den Blick genommen. Das sagte die Vorstandssprecherin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), Tanja Gönner (CDU), am Freitag in Berlin. Die Fahrzeugbauer hätten sich auf die CO2-Reduzierung als Nachhaltigkeitsthema konzentriert. Ihren Einfluss auf die Lieferketten beschrieben sie als sehr begrenzt und verwiesen auf die Verantwortung der globalen Rohstoffkonzerne. In Zukunft könnte aber der Nachweis eines nachhaltigen Rohstoffbezuges wichtig werden für den Verkauf klimafreundlicher Autos. Gönner weiter: „Ein systematischer Dialog und die Beteiligung der Stakeholder sind ein Schlüssel.“ Die GIZ-Chefin sprach auf der Jahrestagung des europäischen Wirtschaftsethiknetzwerks EBEN.

Wer keine Verantwortung für seine Lieferkette übernehme, setze sich drei Risiken aus, sagte Gönner weiter: einem verringerten Zugang zu Rohmaterialien – was der Kakao-Sektor jüngst erlebt habe, einem fehlenden Marktzugang – wie etwa der US-amerikanische Dott-Frank-Act in Bezug auf Konfliktmineralien zeige, sowie Reputationsrisiken. Die GIZ unterstützt Unternehmen unterschiedlicher Branchen seit 15 Jahren bei der Integration von Nachhaltigkeit in ihren Lieferketten, auch die Textilindustrie. „Alle in der Zulieferkette, einschließlich uns Konsumenten, haben erkannt, dass diese Zulieferketten zu intransparent geworden sind“, so Gönner. Eine Herausforderung sei etwa die wasserintensive Baumwollproduktion, die in Indien teilweise in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion stehe. Gönner: „Vor uns liegt noch ein langer Weg hin zu sauberen Textilien.“

Nachhaltiges Kupfer darf nicht teurer sein

Von einer steigenden Nachfrage in Bezug auf nachhaltiges Kupfer berichtete in einem Konferenz-Roundtable der Leiter der Berliner Repräsentanz des Kupferverarbeiters Aurubis, Andreas Möller. Kupfer stecke „im Mobiltelefon ebenso wie im BMW“. Auf dem Kupfermarkt herrsche mit nur wenigen Rohstofflieferanten eine starke Konzentration und Abnehmer seien mit langfristigen Verträgen gebunden. Diese Rohstoffmärkte seien Verkäufer- und keine Käufermärkte. Die Implementierung von Nachhaltigkeit „braucht etwas mehr Zeit als im B2C-Sektor“, sagte Müller. Und während einerseits nachhaltiges Kupfer angefordert werde, seien die Industrien nicht bereit, dafür mehr zu bezahlen. Aurubis stelle sich den Nachhaltigkeitsforderungen. „Wir fokussieren auf dieses Ziel, und wir suchen dazu Kooperationen.“ Möller sprach sich dafür aus, Menschenrechte nicht nur in Anforderungen an Unternehmen, sondern auch in bilateralen Handelsverträgen zu verankern.

NSA-Krise als Veränderungschance

Die CSR-Verantwortliche bei Microsoft Deutschland, Inger Paus, bezeichnete „Krisen als eine Chance, das Unternehmen zum Besseren zu verändern“. Das gelte auch für die aktuelle Vertrauenskrise aufgrund der Diskussionen um die Datenabschöpfung durch die NSA. Die Sicherheit persönlicher Daten sei von großer Wichtigkeit für Microsoft. Allerdings gebe es unterschiedliche Auffassungen zur Privatheit in den USA und Europa. „Wir werden Teil der Debatte sein, die Privatheit auf eine neue Ebene hebt“, kündigte Paus an. Das Unternehmen wolle insgesamt führend in der Entwicklung von Technologien sein, die Menschenrechte sichern. „Menschenrechte rücken immer stärker ins Zentrum“, so die CSR-Managerin.

Mit seinen gesellschaftsbezogenen Programmen will sich der Softwarekonzern auf einen Bereich konzentrieren, in dem er die größten Gestaltungsmöglichkeiten sieht: die Förderung der nächsten Generation. Unter der Bezeichnung „YouthSpark“ organisiert Microsoft globale Programme, die Schule und Ausbildung, aber auch die Ingenieurbildung fördern, so Paus. Dabei könnten die Landesgesellschaften regionale Schwerpunkte für ihr Engagement setzen. In Deutschland zählten dazu etwa die Schlaumäuse, eine Bildungsinitiative zur Vermittlung von Sprachkompetenz bei Kindern im Vorschulalter. „Technologie verändert die Welt“, sagte Paus zur Motivation von Microsoft. „Sie kann Menschen helfen, ihre Potentiale zu entfalten.“

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Podiumsdiskussion mit (von links) Inger Paus (Microsoft), Prof. CB Bhattacharya (ESMT) und Aiko Bode (Fenix Outdoor)

„Schweden reden nicht – sie handeln“

Die Herausforderungen bei der Implementierung von Nachhaltigkeit in einem mittelständischen Unternehmen beschrieb Aiko Bode, Chief CSR-Officer bei Fenix Outdoor. Das schwedische Unternehmen, zu dem Marken wie Fjällräven und Hanwag gehören und das eine 20%-Beteiligung an Deutschlands führendem Outdoor-Händler Globetrotter hält, ist mit etwa 770 Mitarbeitern global tätig. Seine Nachhaltigkeitsstrategie hat der Outdoorspezialist in dem Handbuch „The Fenix Way“ zusammengestellt. „The Fenix Way“ sei allerdings „nicht nur ein Management-Tool, um Sustainability zu managen, es ist unser einziges Management-Tool“, sagte Bode. Die Nachhaltigkeitsstrategie könne in den verschiedenen Unternehmensbereichen angepasst werden. „Jede Einheit hat ihre eigene Identität und will sie behalten“, so der CSR-Manager. Um Nachhaltigkeitsaspekte in den hinzugekauften Unternehmenseinheiten zu verankern und eine gemeinsame Kultur zu schaffen, sei manchmal viel Überzeugungsarbeit notwendig.

Seit einer NGO-Kampagne gegen Dauen aus der Lebendtierrupf im Jahr 2009 stehe das Tierwohl im Zentrum der Nachhaltigkeitsbemühungen. Wie Bode weiter sagte, habe das Unternehmen seine Lieferkette völlig umgestellt und arbeite heute nur mit einem Dauenlieferanten zusammen. Derzeit erhebe Fenix Outdoor Nachhaltigkeitskennzahlen in allen Unternehmenseinheiten. Bode: „Wir sind Schweden, wir sind demütig, wir reden nicht, wir handeln.“

„Keine gesichtslosen Einheiten“

Für die Integration von Nachhaltigkeit in das unternehmerische Kerngeschäft warb der Gastgeber der Konferenz, CB Bhattacharya, Professor für Corporate Responsibility an der European School of Management and Technology (ESMT). Das Vertrauen der Gesellschaft in Unternehmen „befindet sich in einem Allzeittief“, so Bhattacharya. Mit zunehmender Größe der Unternehmen schwinde das Vertrauen in diese. Als eine Ursache nannte Bhattacharya: „Persönliche Verantwortung wurde von unternehmerischer Verantwortung getrennt.“ Um Vertrauen zurückzugewinnen, sollten sich Unternehmen stärker für Gemeingüter engagieren und im Dialog mit der Gesellschaft eine neue Rolle übernehmen. Dazu sollten sie über ihre Funktion in der und ihre Ziele für die Gesellschaft nachdenken Der CR-Professor weiter: „Unternehmen bestehen aus Menschen und müssen deshalb keine gesichtslosen Einheiten sein.“

Die Jahrestagung von EBEN und dem Deutschen Netzwerk Wirtschaftsethik (DNWE) vom 12. bis 14. Juni stand unter dem Thema „Business Ethics in a European Perspective. A Case for Unity in Diversity?” Plenarveranstaltungen und Workshops wurden von etwa 200 Dauerteilnehmern besucht, davon etwa die Hälfte aus dem Ausland. Das im Mai 1993 gegründete Deutsche Netzwerk Wirtschaftsethik vereinigt etwa 500 persönliche und institutionelle Mitglieder aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Verbänden und Kirchen. Es will den Austausch über ethische Fragen des Wirtschaftens fördern und zu einer ethischen Orientierung wirtschaftlichen Handeln beitragen. Vorstandsvorsitzender ist der Wirtschaftsethiker Prof. Josef Wieland (Friedrichshafen).

Weitere Informationen im Internet:
www.dnwe.de

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