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Autoindustrie: Herausforderungen und Lösungen für eine nachhaltige Rohstoffbeschaffung

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland fast 5,5 Millionen Automobile produziert. Noch beachtlicher wird die Zahl, wenn man die insgesamt von deutschen Herstellern produzierten Fahrzeuge nimmt, dann sind es mehr als 14 Millionen, rund 20 Prozent aller weltweit produzierten Autos. Da erscheint es logisch, dass der Rohstoffbedarf der Automobilindustrie immer weiter zunimmt. Welche ökologischen und sozialen Risiken sind damit verbunden? Eine Studie des Südwind-Instituts gibt Antworten.

Siegburg (csr-news) > Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland fast 5,5 Millionen Automobile produziert. Noch beachtlicher wird die Zahl, wenn man die insgesamt von deutschen Herstellern produzierten Fahrzeuge nimmt, dann sind es mehr als 14 Millionen, rund 20 Prozent aller weltweit produzierten Autos. Da erscheint es logisch, dass der Rohstoffbedarf der Automobilindustrie immer weiter zunimmt. Welche ökologischen und sozialen Risiken sind damit verbunden? Eine Studie des Südwind-Instituts gibt Antworten.

Deutschland verfügt nur über geringe eigene Metallvorkommen und ist daher auf Importe angewiesen. Im Fokus der Studie stehen daher Metalle mit besonders gravierenden sozialen und ökologischen Einflüssen auf die Umwelt. „Deutsche Automobilunternehmen arbeiten in einem komplexen Umfeld und das Management ihrer Lieferketten stellt eine enorme Herausforderung dar. Durch technologische Verschiebungen – etwa aufgrund der Elektromobilität – werden zudem verstärkt Metalle benötigt, deren Förderung erhebliche soziale und ökologische Missstände hervorrufen kann”, sagt Friedel Hütz-Adams, Rohstoffexperte beim Südwind-Institut. Die gemeinsam verfasste Studie von Südwind, dem Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production (CSCP) und dem Global Nature Fund (GNF) zeigt, dass noch erheblicher Handlungsbedarf besteht, die Wertschöpfungsketten nachhaltiger zu gestalten. Probleme gibt es allerdings nicht nur bei metallischen Rohstoffen. „Autoreifen werden auch heute noch größtenteils aus Naturkautschuk hergestellt, für dessen Produktion große Plantagen angelegt werden. Viele dieser Plantagen werden in ökologisch äußerst sensiblen Gebieten und häufig unter Missachtung von Umweltgesetzen angelegt”, so Sascha Liese, Mitautor der Studie und Projektmanager beim GNF.

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Quelle: Südwind-Studie „Nachhaltige Rohstoffe für den deutschen Automobilsektor – Herausforderungen und Lösungswege“

Die Ursachen für den steigenden Rohstoffbedarf liegen nicht nur in den gestiegenen Produktionszahlen. Ein wesentlicher Grund liegt im Gesamtgewicht der Fahrzeuge, dass durch immer größere Karossen sowie mehr Sicherheitstechnik und Komfort verursacht wird. So hat sich beispielsweise das Gewicht eines typischen Deutschen Mittelklassewagens vom Typ Opel Kadett/Astra oder VW Golf seit Anfang der 1970er Jahre von etwa 700 Kilogramm auf rund 1.300 Kilogramm fast verdoppelt. Außerdem haben Nachfrageverschiebungen in den Modellpaletten einen zusätzlichen Bedarf verursacht. Alleine in den letzten Jahren ist insbesondere die Nachfrage nach Fahrzeugen der oberen Mittelklasse, der Oberklasse und nach SUVs deutlich gestiegen, sie haben inzwischen einen erheblichen Anteil an der deutschen Produktion. Wohin die Reise geht, lässt sich allerdings nur schwer prognostizieren. Die zukünftige Materialnutzung hängt von verschiedenen Faktoren ab, beispielsweise der technischen Entwicklung, von gesetzlichen Rahmenbedingungen aber auch von sich ändernden Kundenpräferenzen. Sollte beispielsweise der Elektromobilität in den nächsten Jahren der Durchbruch gelingen, so könnte der Bedarf bei einigen Metallen sprunghaft ansteigen, heißt es in der Studie. Prognosen zufolge gilt dies insbesondere für Kupfer, Aluminium und Nickel. Hinzu kommt, die Automobilindustrie ist nicht alleine, sie konkurriert bei der Rohstoffbeschaffung mit zahlreichen anderen Branchen. Die weltweite jährliche Rohstoffnutzung stieg von weniger als 10 Mrd. Tonnen im Jahr 1900 über mehr als 30 Mrd. Tonnen im Jahr 1975 auf derzeit rund 60 Mrd. Tonnen an. Ein Großteil davon sind metallische Rohstoffe, etwa Eisenerz. Und der Bedarf soll in den nächsten 15 bis 20 Jahren weiter zunehmen. Alleine die Nachfrage nach Aluminium könnte sich bis zum Jahr 2030 nahezu verdoppeln. Ein wichtiger Rohstoff im Automobilbau, der alleine 2012 rund ein Drittel des hierzulande verwendeten Aluminiums benötigte.

Doch die Herausforderungen bestehen nicht alleine in der Beschaffung der Rohstoffe, sondern ebenso in der Berücksichtigung ökologischer und sozialer Risiken beim Abbau und der Aufbereitung. „Problematisch für die Automobilindustrie ist, dass sie als wichtiger Rohstoffabnehmer und im Sinne des Vorsorgeprinzips eine hohe Mitverantwortung trägt, gleichzeitig jedoch nicht immer einen Überblick über die genaue Herkunft der von ihr verwendeten Metalle hat“, heißt es in der Studie. Gleichwohl gibt es in der Branche vielversprechende Ansätze, diesen Herausforderungen zu begegnen. Gerade in der Automobilbranche spielt die Qualität der Materialien eine bedeutende Rolle. So prüfen beispielsweise Gießereien von Aluminium-Bauteilen sehr genau die Qualität der ihnen gelieferten Rohstoffe. Sie befürchten Materialfehler aufgrund von Verunreinigungen der von ihnen verwendeten Metalle oder Legierungen, die teilweise erst nach Jahren zu Schäden am Automobil führen können. Für einen mittelständischen Betrieb kann das jedoch den Ruin bedeuten. Fehlerhafte Bauteile führen zu Rückrufaktionen, deren Kosten Automobilunternehmen an Zulieferer weiterzugeben versuchen, die wiederum versuchen, ihre Zulieferer haftbar zu machen. Dies ist aber nur dann möglich, wenn Geschäftsbeziehungen und Materialflüsse nachvollzogen werden können, schreiben die Autoren der Studie. Die Automobilindustrie arbeitet mit verschiedenen Systemen, um Transparenz in der Wertschöpfungskette zu schaffen, etwa die Datenbank wie „IMDS – Internationales Material-DatenSystem“. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) hat eigens Leitlinien entwickelt, um die Abstimmung der Systeme aufeinander zu erleichtern. Doch diese Systeme sind in erster Linie auch Qualitätskriterien ausgerichtet und umfassen in der Regel noch nicht die ersten Stufen der Wertschöpfungskette. „Doch sie könnten als Vorbild dienen, um entsprechende Systeme auch für die Bewertung der Nachhaltigkeit aufzubauen, die vorgelagerte Stufen der Wertschöpfungskette umfassen“, so die Autoren. Anhand der wichtigsten Rohstoffe (Eisen, Stahl, Kupfer, Aluminium, Platin, seltenen Erden, Kobalt und Naturkautschuk) hat die Studie die ökologischen und sozialen Herausforderungen beispielhaft erläutert. Dies reicht von Auseinandersetzungen bei der Umsiedlung von Menschen in den Abbaugebieten, schlechten Arbeitsbedingungen in den Minen und Raffinerien, unzureichender Bezahlung von Minenarbeitern, sozialen Unruhen bis hin zu massiven Umweltverschmutzungen und deren Folgeschäden.

In der Studie werden jedoch nicht nur die bestehenden Herausforderungen aufgezeigt, sondern auch Lösungsansätze dargelegt. Dabei spielt der ordnungspolitische Rahmen eine große Rolle. Jan Per Bethge vom CSCP ist überzeugt: „Die ökologischen und sozialen Bedingungen in vielen Abbaugebieten könnten sich deutlich verbessern, wenn alle beteiligten Akteure bestehenden Gesetzen folgen. Zudem ist Ressourcenschonung ein großer Hebel für die Automobilbranche. Autos müssten so konstruiert sein, dass sie leichter sind und weniger kritische Rohstoffe enthalten. Auch innovative Mobilitätskonzepte können zu einer Verringerung des Autoverkehrs und damit der Nachfrage nach kritischen Rohstoffen beitragen.“

Die Studie „Nachhaltige Rohstoffe für den deutschen Automobilsektor – Herausforderungen und Lösungswege“ zum Download.

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