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Erfolgsfaktoren für das Unternehmensengagement in Afrika

Die gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung in Afrika braucht den Anschluss des Kontinents an die Weltwirtschaft. Die Bundesregierung und Verbände werben insbesondere im Mittelstand um ein wirtschaftliches Engagement auf diesem Kontinent. Über dessen Risiken und Chancen sprach CSR NEWS mit dem Afrikaexperten und Buchautor Volker Seitz, der u.a. als deutscher Botschafter in Kamerun tätig war.

Berlin (csr-news) – Die gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung in Afrika braucht den Anschluss des Kontinents an die Weltwirtschaft. Die Bundesregierung und Verbände werben insbesondere im Mittelstand um ein wirtschaftliches Engagement auf diesem Kontinent. Über dessen Risiken und Chancen sprach CSR NEWS mit dem Afrikaexperten und Buchautor Volker Seitz, der u.a. als deutscher Botschafter in Kamerun tätig war.

CSR NEWS: Herr Seitz, der DIHK und andere preisen Afrika als den Chancenkontinent für wirtschaftliches Engagement aus Deutschland an und verweisen auf die kontinuierlichen Wirtschafts-Wachstumsraten, die junge Bevölkerung und eine erstarkende Mittelschicht. Teilen Sie diesen Optimismus?

Volker Seitz: Chancen allein reichen nicht aus. Sie müssten auch genutzt werden. Bis dahin bleibt das politische und wirtschaftliche Gewicht weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Nach den „asiatischen Tigern“ ist jetzt die Rede von den „afrikanischen Löwen oder Elefanten“. Argumente sind günstige Konjunkturprognosen und eine kleine Mittelschicht, denen mehr als 3000 Dollar pro Jahr zur Verfügung stehen. Letztere würden einen riesigen Konsummarkt eröffnen.

Die großen Märkte existieren zweifellos, aber oft sind Zugang und Entwicklung verbarrikadiert. Es liegt immer an den politischen Akteuren. Es gibt zwar gute Wirtschaftsdaten, aber weder Wohlstand noch die Entwicklung werden gefördert. Wirtschaftsboom ist in vielen Ländern die Angelegenheit eines festgefügten, familiär und finanziell verbundenen Leitungspersonals, das von der breiten Bevölkerung abgeschirmt ist. Afrika wird erst dann ein Hoffnungskontinent wenn es ernsthafte wirtschaftliche Reformen, eine Öffnung der innerafrikanischen Märkte, bessere Investitionsgesetze, Verbesserungen im Bildungs- und Gesundheitssystem gibt. Einige afrikanische Staaten bleiben Länder der Ungleichheit, solange privilegierte Eliten die Regeln zu ihrem eigenen Vorteil und dem ihrer Anhänger verdrehen, das Volksvermögen rauben und ins Ausland transferieren.

Differenzierter gefragt: Gibt es Regionen und Länder in Afrika bzw. gibt es einzelne Branchen, in denen Sie Chancen für deutsche Unternehmen sehen?

Es gibt durchaus vielversprechende Entwicklungen – vor allem in kleinen Ländern wie Ruanda, Botswana, Mauritius, Sambia, Senegal, Ghana, Namibia. Das sind Länder, die gezielt daran arbeiten, die Rahmenbedingungen für Investoren zu verbessern. Ich sehe Geschäftschancen für beratende Ingenieurbüros, für Lieferungen und Investitionen in den Infrastruktursektor, im Energiesektor, in der Landwirtschaft unter anderem für Landmaschinen, Wasser und Abwasser, Medizintechnik und Nahrungsmittel. Einige Unternehmen – wie beispielsweise das Bauunternehmen Bilfinger, Maschinenhersteller wie Liebherr oder Ingenieursbüros wie Lahmeyer – sind bereits seit Jahrzehnten erfolgreich in Afrika aktiv.

Einige afrikanische Staaten machen gerade die ersten schlechten Erfahrungen mit chinesischen Anlagen, die vor einigen Jahren installiert wurden. In Botswana funktioniert z.B. das Kraftwerk in Morupule nicht .Der chinesische Betreiber musste gehen .Durch eine internationale Ausschreibung erhielt nun der deutsche Kraftwerksbetreiber STEAG den Zuschlag. STEAG soll es nun richten.

In der öffentlichen deutschen Unternehmenszusammenarbeit wird Unternehmen eine wichtige Rolle zugewiesen. Welchen Beitrag für die Entwicklung Afrikas können Unternehmen leisten – und wo sind Grenzen bzw. wo sind andere Akteure gefragt?

Das Bruttosozialprodukt ist ein irreführender Indikator für die Wirtschaftsleistung oder gar den sozialen und politischen Fortschritt eines Landes. Fünf Sterne Luxushotels und Prachtstraßen in den afrikanischen Metropolen bedeuten noch nicht den Aufstieg Afrikas. Tatsächlich hat das rapide Wirtschaftswachstum etwa auch in Mozambique oder Angola bislang nicht zu einer „aufblühenden Mittelschicht“ und vielen neuen Arbeitsplätzen geführt. Viele auswärtige Investoren vermissen eine befriedigende rechtliche Basis, eine Begrenzung der Korruption oder Bürokratieabbau. Wo Willkür und Rechtsbeugung gegenüber afrikanischen Bürgern an der Tagesordnung sind, können ausländische Investoren nicht sicher sein, ob eine neue Regierung die Geschäftsvereinbarungen nicht nachverhandeln will. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ist so auf Dauer kaum möglich. Die sehr geringe Kaufkraft der Bevölkerung, die unzulängliche Energie -und Verkehrsinfrastruktur und das morsche Gebälk der afrikanischen Institutionen sprechen noch gegen größere Direktinvestitionen.

38 der 54 Länder Afrikas sind in die höchsten Risikoklassen eingestuft. Nur etwa ein Dutzend haben ein Anrecht auf eine Hermes-Bürgschaft des Bundes. Mit diesen Staatsgarantien sichert die Bundesregierung Unternehmen ab, die sich in Entwicklungsländern engagieren. Es gibt zwar Risiken, die liegen in der Natur eines Versicherungsgeschäfts, aber in den letzten Jahren wurden eher Gewinne erzielt.

Ein größerer Teil der Entwicklungshilfe sollte als Staatsgarantie für mittelständische Unternehmen gegeben werden. Das würde viele Menschen in Afrika in Lohn und Brot bringen. Ich meine, die Bundesregierung sollte Mut beweisen und im Rahmen des Afrikaengagements entsprechende Risiken absichern. Daneben sollten mit mehr afrikanischen Ländern Doppelbesteuerungsabkommen abgeschlossen werden, vor allem mit Angola und Nigeria. Das Thema Investitionsschutz sollte auf europäischer Ebene aktiv aufgegriffen werden, um Verhandlungen über europäische Investitionsförderungs- und Schutzverträge aufzunehmen. Über die Verbände könnten die Unternehmer auf die Bundesregierung einwirken.

Welche Rahmenbedingungen braucht das wirtschaftliche Engagement deutscher Unternehmen in Afrika, damit dieses zum Erfolg führen kann?

Vor einem Engagement braucht ein Unternehmer eine unabhängige Risikoanalyse. Zuverlässiges und zugleich aktuelles Datenmaterial von offiziellen Quellen ist faktisch nur für wenige Länder und Branchen verfügbar. Ohnehin müssen Investoren oft Pionierarbeit leisten und brauchen Geduld. Es mangelt häufig noch an Rechtsstaatlichkeit und verantwortungsvoller Regierungsführung. Weitere Investitionshemmnisse sind meines Erachtens die Korruption, unzuverlässige Stromversorgung und fehlende qualifizierte Arbeitskräfte. Außer einigen seltenen Ausnahmen gibt es weder ein qualitativ hohe Bildungsstruktur noch ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, das eine erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung erst möglich macht. Wenn Mitarbeiter entsandt werden, schadet es nicht zu wissen, dass Luanda (Angola) und N’Djamena(Tschad) weltweit die höchsten Lebenshaltungskosten haben.

Wie bereitet sich insbesondere ein mittelständischer Unternehmer vor, der Chancen für seine Firma in Afrika eruieren will?

Ich hatte während meiner Zeit in Afrika oft mit Geschäftsleuten zu tun, die es versäumt hatten, sich rechtzeitig über die Geschäftspartner und die vertraglichen Grundlagen kundig zu machen, was zu schwerwiegenden Konsequenzen führte. Wer investieren möchte, sollte nicht mit Schreibtischkenntnissen nach Afrika kommen. Ein möglicher Investor muss sich professionell bei Wahl der Geschäftspartner, bei der Vertragsgestaltung beraten lassen, eine Risikoanalyse erstellen lassen und sich Zeit nehmen, um gute Marktkenntnisse zu erwerben. Er braucht verlässliche Informationen über potenzielle Geschäftspartner. Es ist empfehlenswert, auf kurzfristige Vorteile und Abkürzungen zu verzichten. Sehr wichtig ist es, die Kundenbedürfnisse des Landes zu kennen, die sich erheblich vom Westen unterscheiden können. So spielt z.B. Design in Afrika eine geringe Rolle, wichtiger ist es, dass ein Gerät robust ist.

Wie beurteilen Sie die Situation in der (beruflichen) Bildung in Afrika? Sind in diesem Zusammenhang auch Unternehmen gefragt?

Hervorragend ist die Initiative der Deutschen Wirtschaft SIFRI vom Afrika Verein(AV), dem Bundesverband der Deutschen Industrie(BDI) und dem Deutschen Industrie-und Handelstag (DIHK), die im südlichen Afrika junge Unternehmer und Manager in moderner Unternehmensführung ausbilden. So werden die Verbesserung von Organisation und Leistung, unternehmerisches Know-how, Wettbewerbsfähigkeit und regionale Integration gefördert. Das Bildungssystem in Afrika südlich der Sahara ist oft schlecht. Das bedeutet, dass es auf allen Ebenen schwierig ist, Mitarbeiter mit den nötigen Fähigkeiten zu finden. Erfolgreiche ausländische Unternehmen haben ihr afrikanisches Mittelmanagement mit Führungsqualitäten selbst ausgebildet. Sie sind erfolgreich, wenn sie integre Personen gefunden haben, die motiviert jeden Morgen zur Arbeit kommen und verstehen, dass ihr Erfolg und der Erfolg der Firma das Gleiche sind.

Herzlichen Dank!

Volker Seitz, Jahrgang 1943, war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das Auswärtige Amt tätig, unter anderem bei der EU in Brüssel, in Japan und in mehreren Ländern Afrikas, und von 2004 bis zu seinem Ruhestand 2008 Leiter der Botschaft in Jaunde/Kamerun. Im September 2014 erscheint die 7.aktualisierte und erweiterte Auflage seines Buches „Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann

Die Septemberausgabe des CSR MAGAZIN beschäftigt sich zum Schwerpunkt „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ auch mit den Perspektiven auf dem afrikanischen Kontinent. www.csr-magazin.net

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