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Vertrauen als entscheidende Währung: Unternehmerisches Engagement in Afrika

Stabile wirtschaftliche Wachstumsraten, eine aufstrebende junge Generation und eine wachsende Mittelschicht: Afrika gilt als lohnendes Ziel für wirtschaftliche Investitionen. CSR MAGAZIN sprach mit dem Persönlichen Afrikabeauftragten der Bundeskanzlerin, Günter Nooke (CDU), über die Rahmenbedingungen für das unternehmerische Engagement auf diesem Kontinent.

Berlin (csr-news) – Stabile wirtschaftliche Wachstumsraten, eine aufstrebende junge Generation und eine wachsende Mittelschicht: Afrika gilt als lohnendes Ziel für wirtschaftliche Investitionen. CSR MAGAZIN sprach mit dem Persönlichen Afrikabeauftragten der Bundeskanzlerin, Günter Nooke (CDU), über die Rahmenbedingungen für das unternehmerische Engagement auf diesem Kontinent.

CSR MAGAZIN: Herr Nooke, die Bundesregierung wirbt für das Engagement deutscher Unternehmen in Afrika. Welche Branchen sind dort besonders gefragt?

Günter Nooke: Die Frage nach den Branchen hängt natürlich von den jeweiligen Ländern ab. So kann es in einigen Ländern Nischen geben, an die weder Sie noch ich jetzt denken. Unternehmer sollten sich sehr speziell vor Ort nach dem erkundigen, was sie speziell dort beitragen wollen. Es gibt Firmen, die mit einer Geschäftsidee nach Afrika gehen und scheitern – und dann mit einer ganz anderen Idee erfolgreich sind. Und es gibt ganz untypische Beispiele: Im Südosten des Kongo habe ich zwei junge Männer getroffen, die ihre Computerfirma in Deutschland verkauft haben und mit ein bisschen Geld in die Demokratische Republik Kongo gegangen sind. Dort betreiben sie Landwirtschaft, bauen Gurken, Tomaten und anderes Gemüse an und verkaufen es auf dem lokalen Markt. Die waren von Haus aus keine Bauern, sondern Computerfachleute, und es funktioniert offensichtlich, weil sie sich auf ein paar Rahmenbedingungen dort einlassen.

Grundsätzlich gibt es ein großes Interesse an landwirtschaftlichen Investitionen. Von Seiten der Bundesregierung sind wir daran interessiert, dass landwirtschaftliche Produkte in Afrika selbst weiterverarbeitet und als Säfte oder Konserven exportiert werden, was bisher kaum der Fall ist. Über das große Potential des Rohstoffsektors haben wir bereits gesprochen. Ein damit verbundener Bereich ist die Infrastrukturentwicklung. Hier sind besonders deutsche und europäische Entwickler gefragt, die Großprojekte bis zu Ausschreibungsplanung vorbereiten und die Bauausführung überwachen könnten. Auf den europäischen und nordamerikanischen Devisenmärkten werden Anlagemöglichkeiten in Milliardengröße gesucht und da kommt man sehr schnell darauf, dass in Afrika nirgends eine flächendeckende Energieversorgung existiert. Ebenso fehlen Wasser-, Straßen- und Telekommunikations-Infrastrukturen. Für ausländisches Engagement sind dabei Investitionsschutzabkommen wichtig, die den beteiligten Firmen Sicherheit und Verlässlichkeit bieten.

Als letzten Bereich möchte ich die Informations- und Kommunikationstechnologien benennen. Wo ein schnelles Internet vorhanden ist, werden bald Geschäftsmodelle für Smartphones und Tablets auf der Basis neuer Apps entwickelt werden. Afrikanische Entwickler werden mit diesen neuen Technologien Lösungen entwickeln, die wir nicht finden würden. Geschäftsmodelle werden darauf beruhen, dass die Menschen für fünf oder auch für fünfzig Cent an Lösungen teilhaben, die ihnen in ihrem Alltag weiterhelfen.

Wie finden interessierte Unternehmer Zugang zu den dortigen Märkten?

Die Handels-und Handwerkskammern bieten gute Möglichkeiten, sich zu informieren, ebenso Internetseiten wie „Germany Trade and Invest“ oder der Legatum Prosperity Index, den ich ganz ausgewogen finde. Auch bei den Wirtschaftsverbänden kann man sich ganz gut beraten lassen. Wir haben vom BMZ sogenannte EZ-Scouts, Berater für Außenwirtschaftsförderung und Entwicklungszusammenarbeit, an den Kammern finanziert. Das System funktioniert ganz gut, da ist auch schon in der vergangenen Legislaturperiode einiges geleistet worden.

Welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sollte ein Unternehmer kennen, der sich in Afrika engagieren will?

Das lässt sich bei einem Kontinent wie Afrika mit 54 Ländern nicht pauschal sagen. Vieles hängt an der Sicherheit, die Rechtssysteme in diesen Staaten bieten. Und da unterscheidet sich Südafrika von Ländern wie beispielsweise Simbabwe oder Liberia. Für einen Mittelständler mit 50 Mitarbeitern ist es schwierig, einen Mitarbeiter ein Jahr lang nur dafür abzustellen, sich um die Geschäftsbeziehungen zu Angola zu kümmern, Portugiesisch zu lernen, das ganze Jahr dort unten zu sein und ohne am Ende wirklich Geld mit nach Hause zu bringen. Bei großen Firmen stehen eher die Compliance- und Reputationsrisiken im Vordergrund. Ein Vertreter einer großen international tätigen Bank sagte mir: Wir können in Afrika gar nicht so viel verdienen, wie uns eine negative Schlagzeile von dort an Geschäft in Europa oder anderswo kostet. Bei diesen Herausforderungen kommt dem Wechselspiel zwischen guter Regierungsführung und Korruptionsbekämpfung eine wichtige Rolle zu.

In vielen Ländern wachsen zudem die Chancen, Geschäfte unmittelbar von privat zu privat abzuschließen. Die meisten Unternehmen denken, sie bräuchten immer die Begleitung der Politik und müssten über den Präsidenten oder die Minister ins Afrika-Geschäft einsteigen. Das ist oft richtig und persönliche Kontakte sind wichtig. Aber in Kenia und einigen anderen Ländern besteht bereits die Möglichkeit, mit privaten Geschäftsleuten vor Ort Geschäfte abzuschließen. Da muss man niemanden in der Politik fragen und die Rahmenbedingungen sind nicht völlig anders als in Deutschland. Die entscheidende Frage ist natürlich: Vertraut der Afrikaner Ihnen und vertrauen Sie der Afrikanerin oder dem Afrikaner, wenn Sie Ihr Geld dorthin mitbringen?

Wie steht es um den Bildungssektor in Afrika, insbesondere um die Qualität der beruflichen Bildung?

Die Bundesregierung betont in Afrika – wie auch in Deutschland – besonders den Wert der berufspraktischen Bildung. Es muss nicht jeder hinter dem Schreibtisch und hinter dem Computer sein Geld verdienen. Deutsche Erfolgsrezepte sind die über Jahrhunderte entstandenen Zünfte und Handwerksbetriebe, aus denen unser heutiger Mittelstand hervorging. In Bezug auf die Bildung an Grundschulen und weiterführenden Schulen gibt es aus meiner Erfahrung unterschiedliche Strategien: Das reicht von immensen Anstrengungen, die einzelne Länder im Bildungssektor unternehmen, über ein Land wie Simbabwe, mit einem guten Bildungssystem selbst unter Präsident Mugabe, wo kaum jemand so etwas erwartet, bis zur ehemals deutschen Kolonie Kamerun, dessen Abitur bei uns anerkannt wird.

Auch in Marokko gibt es innerhalb der gesellschaftlichen Elite ein relativ hohes Bildungsniveau. Marokko gehört andererseits zu den Ländern mit der höchsten Analphabetenrate. In der nigerianischen Hauptstadt Abuja berichtete mir ein Imam einmal von der Schwierigkeit, die Provinzgouverneure für bessere Bildungsprogramme zu gewinnen. Denn ein ungebildetes Volk lasse sich leichter regieren als ein gebildetes.

In Bezug auf die Bildung zeigt Afrika also sehr unterschiedliche Facetten. Ich glaube, dass mit schnellen Internetverbindungen und preisgünstigen Tablets, die bald vielleicht aus Indien für nur noch 30 Dollar importiert werden können, interaktive Bildungsformen möglich werden, die gerade für die fragilen afrikanischen Länder völlig neue Möglichkeiten schaffen. Mit solchen Geräten werden für die Lernenden dort dieselben Informationen verfügbar wie für Professoren in Harvard. Das ist eine höchst spannende Perspektive und könnte auch für private Anbieter wie Schulbuchverlage und Universitäten ganz interessant werden.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

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