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Kinderbetreuung – Herausforderung auch für Unternehmen

Der Kitausbau geht mit hohem Tempo voran, ließ vor wenigen Wochen das Bundesfamilienministerium verlauten. Inzwischen würden mehr als 660.000 Kinder unter drei Jahren betreut. Also alles prima? Schließlich gibt es seit einem Jahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für die Kleinen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sieht hingegen weiteren Handlungsbedarf, unzureichende Betreuungsangebote würden betriebliche Abläufe einschränken.

Berlin (csr-news) > Der Kitausbau geht mit hohem Tempo voran, ließ vor wenigen Wochen das Bundesfamilienministerium verlauten. Inzwischen würden mehr als 660.000 Kinder unter drei Jahren betreut. Also alles prima? Schließlich gibt es seit einem Jahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für die Kleinen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sieht hingegen weiteren Handlungsbedarf, unzureichende Betreuungsangebote würden betriebliche Abläufe einschränken.

Tatsächlich räumt auch das Ministerium ein, dass der tatsächliche Bedarf noch nicht gedeckt ist. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig: „Klar ist, wir brauchen mehr Kitaplätze“ und „wir werden in dieser Legislatur eine Milliarde für den weiteren Ausbau zur Verfügung stellen“. Der Rechtsanspruch hat zu einer leichten Entspannung geführt, räumt DIHK-Geschäftsführer Martin Wansleben gegenüber dem Handelsblatt ein. „Bis zu einem bedarfsgerechten Betreuungsangebot sei es jedoch noch ein gutes Stück Weg“. Er beruft sich auf eine Umfrage des DIHK unter 1.625 Unternehmen. Demnach berichten sechs von zehn Unternehmen, dass ihre Beschäftigten und damit ihre betrieblichen Abläufe durch ein unzureichendes Betreuungsangebot eingeschränkt würden. „Das größte Problem sind die Betreuungszeiten“, betonte Wansleben. „Sie sind nach wie vor zu unflexibel und berücksichtigen zu wenig die Bedürfnisse berufstätiger Eltern“. Gemeint sind damit natürlich auch die Bedürfnisse der Unternehmen, von denen mehr als 80 Prozent eine Lösung von der Politik erwarten. Klar ist, dass Kinderbetreuung ein wesentliches Merkmal der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist. Besonders betroffen sind davon immer noch die Frauen, auch wenn dieses Ziel von immer mehr Männern als wesentlich erachtet wird. Fast die Hälfte der erwerbstätigen Frauen in Deutschland sind teilzeitbeschäftigt. Gäbe es bessere Betreuungsangebote, so könnten die Frauen ihre Beschäftigung ausdehnen. Auf bis zu 1,2 Millionen Mütter trifft dies nach Angaben des DIHK zu. Könnten sie umfangreicher am Erwerbsleben teilnehmen, wäre dies auch ein wichtiger Beitrag zur Fachkräftesicherung.

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Quelle: IHK-Unternehmensbarometer zur Kinderbetreuung 2014

„Das größte Problem sind die Betreuungszeiten“, betont Wansleben. „Sie sind nach wie vor zu unflexibel und berücksichtigen zu wenig die Bedürfnisse berufstätiger Eltern“. Es gibt beispielsweise zu viele Kindertageseinrichtungen, die nur bis Mittag geöffnet sind, aber auch die festen Öffnungszeiten können zum Problem werden ebenso wie die Betreuung in den Ferien, denn dann haben viele Kitas für einige Wochen geschlossen. Aufgrund fehlender Ganztagesangebote müssten in zwei Drittel der befragten Betriebe, Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten reduzieren. Das kann betriebliche Abläufe stören, wenn diese trotzdem Öffnungs-, Service- oder Maschinenlaufzeiten garantieren müssen. Immerhin 51 Prozent der Unternehmen haben damit ihre Schwierigkeiten. Auf der anderen Seite ist das auch ein klarer Karrierekiller, meist für Frauen, denn wichtige Geschäftstermine oder auch Aufgaben einer Führungskraft lassen sich meist nicht nur am Vormittag erledigen. Zwar ist rund ein Drittel der Unternehmen diesbezüglich offen und bietet auch Führungskräften flexible Arbeitszeitmodelle an. „Eine traditionelle Halbtagsstelle am Vormittag ist mit Führungsverantwortung jedoch selten vereinbar“, heißt es in der DIHK-Studie. In der Folge ist es für mehr als die Hälfte der Unternehmen auch schwierig, Führungspositionen mit Müttern zu besetzen, 15 Prozent nennen hier sogar erhebliche Schwierigkeiten. Betroffen sind davon alle Branchen, auch wenn die Probleme im Dienstleistungsunternehmen etwas häufiger auftreten, weil dort mehr Frauen beschäftigt sind. Und, die Probleme hören nicht auf, wenn die Kinder das dritte Lebensjahr erreichen, sondern sie reichen weit in die Schulzeit hinein. Gleiches gilt für Ferienzeiten, die in immerhin 63 Prozent der Unternehmen zu dem Problem führen, die Urlaubswünsche der Beschäftigten mit den betrieblichen Notwendigkeiten in Einklang zu bringen. Entsprechend klar sind die Forderungen der Unternehmen an die Politik. Die reichen von längeren Öffnungszeiten der Kitas (90 Prozent) über flexiblere Betreuungszeiten (79 Prozent) bis hin zu mehr Hortstellen und Ganztagsschulen (80 Prozent).

Unternehmen mit eigenen Lösungen

So richtig darauf verlassen wollen sich viele Unternehmen aber nicht und versuchen lieber selber Lösungen anzubieten. Wansleben: „Inzwischen bieten fast 90 Prozent der Betriebe flexible und familienfreundliche Arbeitszeiten an.“ In vielen Unternehmen könnten die Mitarbeiter bei Bedarf auch mal von zu Hause aus arbeiten oder die Kinder mit an den Arbeitsplatz bringen. In diesem Bereich hat sich in den vergangenen Jahren sehr viel getan, größere Unternehmen bieten praktisch alle flexible Arbeitszeitmodelle an. Aber auch in kleinen Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten, für die mehr Flexibilität ungleich schwieriger ist, sind es inzwischen 80 Prozent. In immer mehr Betrieben wird auch gelegentliche Heimarbeit zugelassen, wenn die Kinderbetreuung dies erfordert. Selbst im Handel, mit der hohen Notwendigkeit der persönlichen Anwesenheit, können inzwischen in jedem vierten Unternehmen die Mitarbeiter vorübergehend zu Hause arbeiten. Aber der Einsatz der Unternehmen beschränkt sich nicht nur auf entsprechende Arbeitszeitmodelle. Rund 64 Prozent unterstützen ihre Mitarbeiter direkt bei der Kinderbetreuung. Längst haben sich diese Angebote als entscheidender Vorteil bei der Suche nach qualifizierten Kräften erwiesen. Die Angebote reichen von sogenannten Eltern-Kind-Büros, die nicht nur einen Schreibtisch, sondern auch einen Wickeltisch oder eine Spielecke beherbergen. Manche Unternehmen unterstützen bei der Notfallversorgung, halten Informationen parat oder leisten finanzielle Unterstützung. Bis hin zur Ferienbetreuung reichen die Angebote, die sogar von mehr als der Hälfte der großen Unternehmen angeboten werden. „Unternehmen werden besonders da aktiv, wo es an einer ausreichenden Betreuungsinfrastruktur noch fehlt“, heißt es in der Studie. Das kann auch das konkrete Angebot von Betreuungsplätzen sein. Jedes dritte Unternehmen mit mehr als zwanzig Mitarbeitern sorgt durch eine eigene Kita, Kooperationen oder Belegplätze für die Unterbringung der Kinder. Jedes sechste Unternehmen nutzt zum Beispiel die Möglichkeit, Belegplätze in bestehenden Einrichtungen zu buchen und beteiligt sich im Gegenzug an Investitions- oder Betriebskosten. Eine eigene Kita zu betreiben ist dagegen sehr aufwendig, teuer und erfordert einen nachhaltigen Bedarf. Dennoch nutzen auch immer mehr Unternehmen diese Möglichkeit. Nach Angaben des „Europäischen Unternehmensmonitors Familienfreundlichkeit“ betreiben etwa 2,4 Prozent der Unternehmen hierzulande eine eigene Kindertagesstätte. Von den DAX-Unternehmen unterhalten inzwischen fast alle ein eigenes Betreuungsangebot. Auch an dieser Stelle werden Forderungen an die Politik gestellt, beispielsweise durch eine Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen. So sollten Fördergelder nicht vom Wohnort der Eltern abhängen, sondern unabhängig davon vergeben werden, damit Eltern ihre Kinder auch in der Nähe der Arbeitsstätte betreuen lassen können. Zudem wünschen sich die Unternehmen weniger bürokratische Hürden bei der Gründung von Betriebskindergärten. Auch wenn die Unternehmen ihr Engagement ausweiten, vor allem aus Eigennutz, so sehen sie dennoch die Politik in der Verpflichtung. „Die Betriebe machen hier die Hausaufgaben der Politik“, kritisierte Martin Wansleben. „Für ein passendes Betreuungsangebot zu sorgen, ist nicht die Aufgabe der Unternehmen“.

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Quelle: IHK-Unternehmensbarometer zur Kinderbetreuung 2014

Zum Download:

„Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Am Ball bleiben – Kinderbetreuung flexibilisieren und ausbauen, Das IHK-Unternehmensbarometer zur Kinderbetreuung 2014“.

Unternehmen Kinderbetreuung – Praxisleitfaden für die betriebliche Kinderbetreuung

 

 

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