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Alle Jahre wieder „Führungskräftebefragung“: Sechs Werte auf Kommission…

Wie macht man eine Führungskräftebefragung zu Werten? – Richtig: Man befragt Führungskräfte. Gezielt und per Zufallsauswahl aus einem Pool von deutschlandweit vorhandenen Adressen in einem angemessenen Umfang…. Ein Kommentar zur Führungskräftebefragung der „Wertekommission“ von Harald Bolsinger

Würzburg (csr-news) – Wie macht man eine Führungskräftebefragung zu Werten? – Richtig: Man befragt Führungskräfte. Gezielt und per Zufallsauswahl aus einem Pool von deutschlandweit vorhandenen Adressen in einem angemessenen Umfang….

Ein Kommentar zur Führungskräftebefragung der „Wertekommission“ von Harald Bolsinger

Wie alle Jahre wieder hat die „Wertekommission“ eine Führungskräftebefragung durchgeführt. Vor allem im Handelsblatt als frei zugänglicher Link für Jedermann im April verbreitet und im Newsletter des Handelsblattes beworben. Vor dem Hintergrund, dass die „Wertekommission – Initiative Werte Bewusste Führung e.V.“ schon 2013 in ihrer offenen Umfrage eine Beteiligung von 230 Führungskräften gehabt haben soll, sind die aktuellen 2014er-Zahlen zur Beteiligung an der Umfrage sehr positiv ausgefallen: 350 Manager sollen sich diesmal beteiligt haben. Warum diesmal so viele? Verspüren normalerweise stark engagierte Führungskräfte tatsächlich so viel Langeweile – wenn sie denn überhaupt von der Befragung erreicht werden, dass Sie an einer offenen Umfrage über einen Internetlink aus dem Handelsblatt teilnehmen. Kann man mit der Methode wirklich von sich behaupten, den „deutschen Wirtschafts-Werte-Pulsschlag“ zu messen?

Ich habe die Handelsblattmeldung vom 10.4.2014 zur Teilnahme an der Umfrage in meinen Vorlesungen an der FHWS Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt thematisiert. Zuerst in den Vorlesungen zu PR-/Marketing- & Journalismus-Ethik, dann in der Wirtschaftsethik im Medienmanagement und schlussendlich in der an unserer Fakultät für Betriebswirte verpflichtenden Unternehmensethik. Zusammengenommen wurde von über 300 Studierenden die Studie analysiert und diskutiert. Sehr fraglich erschien, dass die Befragung nur eine Selbsteinordnung in Top-, mittleres und unteres Management zulässt. An der Befragung teilnehmende Nicht-Führungskräfte können sich demnach gar nicht erkennbar machen. Auch die begrenzte Auswahl von sechs scheinbar willkürlich ausgewählten Werten gefiel den Studierenden gar nicht, da fundamentale Werte aus deren Sicht in der Befragung völlig fehlen. Dadurch würde nicht abgebildet, was die Studie vorgibt eigentlich untersuchen zu wollen: den „deutschen Wirtschafts-Werte-Pulsschlag“.

Was ist eigentlich eine Kommission? – Laut Duden: „Ein Ausschuss von Beauftragten.“ Gutes Beispiel sind die Enquetekommissionen des Bundestages, die beauftragt werden, um bestimmte gesellschaftsrelevante Fragen diskursethisch zu klären. Eine zur PR-Arbeit selbstermächtigte kleine Gruppe von Menschen „aus der Wirtschaft“ zum Thema Werte – mit einigen Unternehmensberatern darunter – ist nicht das, was man sich unter einer deutschen Wertekommission vorstellt. Diese Gruppe von Meinungsmachern ist keine Moralinstanz! Hier wird – so das Fazit in den Vorlesungen – versucht, einen offiziellen Charakter zu erzeugen, der aber in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Der Verein behauptet selbst, ein Markenzeichen im Diskurs um Werte zu sein (siehe z.B. Studie von 2013). Wenn der Diskurs um Werte auf die lächerliche Bandbreite von sechs willkürlich erscheinend ausgewählten Werten begrenzt sein soll, mag das vielleicht stimmen – nicht aber, wenn die ganze kulturelle Bandbreite von wirtschaftsrelevanten Werten aus Grundgesetz, EU- und UN-Menschenrechtscharta und weiteren Wertequellen Relevanz besitzt. Eine Studentin aus der PR-Ethik fand es bezeichnend, dass es der für viele Führungskräfte extrem wichtige Wert „Ehrlichkeit“ nicht ins geschlossene Portfolio der „Studien“ des Vereins geschafft hat.

In meinen Vorlesungen wurde eruiert, wie eine belastbare und qualitativ hochwertige sowie repräsentative Führungskräftebefragung aus Sicht der Studierenden aussehen sollte und wie Werte wirklich untersucht werden können. Es wurde vielen Studierenden schnell klar, dass im vorliegenden Fall evtl. PR-Gründe im Vordergrund der Befragungsaktivität stehen könnten. Nicht wenige Studierende haben sich den Spaß gemacht und die Umfrage al-gusto durchgeklickt – „Integrität“ war in der Diskussion in meinen Vorlesungen ein großer Favorit… Kürzlich erhielt ich von meinen Studierenden Antworten wie diese, nach dem Hinweis auf die Veröffentlichung der Studienergebnisse: „ja ich habe an der Studie teilgenommen. Allerdings mehr aus Spaß. Meine Antworten waren daher auch nicht immer ganz ernst gemeint. Teilweise waren die Aussagen auch schlicht erfunden, da ich dazu ja eigentlich keine korrekte Antwort abgeben konnte (zB. Betriebszugehörigkeit oder Managementebene).“

Die Befragung der Wertekommission zeigt aus meiner Sicht bezüglich der Wertevorstellungen von Führungskräften schon aus methodischen Gründen rein gar nichts auf. Die darauf aufbauenden Behauptungen sind deswegen eher unter Marketing einzuordnen und können schon gar nicht als Maßstab und Hinweisgeber für die Gestaltung von Werte- & Compliancemanagementsystemen dienen. Der Kodex der ICC zur Praxis der Werbe- und Marketingkommunikation wäre zur Beurteilung dieser Aktivität angemessen. Die Ergebnisse erscheinen aus meiner Sicht als ärmliches Zufallsprodukt wenn man die Reichweite des Handelsblattes mit 475.000 Lesern und der Handelsblatt-Website mit rund 2.750.000 Nutzern zum Publikationszeitpunkt der Meldung heranzieht. Auch vor dem Hintergrund, dass sich laut Handelsblatt 1.500 Manager in der Initiative organisiert haben, scheint die Zahl der Befragungsteilnehmer noch in einem fragwürdigen Licht. Vor allem wenn die Möglichkeiten der Vorstandsvorsitzenden der in der Initiative organisierten Großunternehmen in Betracht gezogen werden. Alleine die gezielte Rundmail eines einzigen Vorstandes in seinem Großunternehmen würde bereits eine Rückmeldungsanzahl ergeben, die ein Vielfaches über den bisher gezeigten Ergebnissen liegen.

Wer sich für Werte interessiert, beschäftigt sich besser mit dem World Values Survey und lässt getrost künstlich aufgeblasene Internetumfrageergebnisse von Unternehmensberatern links liegen. Wir alle wissen, den eigenen Bekanntheitsgrad zu steigern, um bessere Geschäfte zu machen, ist Teil des PR-Spiels… Für meine Studierenden bleibt es ein Rätsel, wie selbst professionelle Medien und Top-PR-Manager sowie erfahrene Journalisten bei diesem Spiel mitmachen können ohne klare Aussagen zur Repräsentativität und Qualität der „Studie“ mitzuliefern. Es hätte schon gereicht von einem „nicht repräsentativen Schlaglicht“ zu schreiben. Stattdessen soll laut Handelsblatt „das Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung und Corporate Governance (RMI) der Universität Witten/Herdecke [..] für die Studie mehr als 350 Führungskräfte aller Altersgruppen und Unternehmensgrößen aus Deutschland befragt.“ haben. Das hat schon fast den Charakter einer Comedy Show. Aber für den Autor des Werbeartikels im Handelsblatt zur Studienteilnahme ist es ja auch schwer vereinbar „ökonomisch rational und ethisch richtig zu handeln“… 😉

Prof. Dr. Harald J. Bolsinger
lehrt Volkswirtschaftslehre & Wirtschaftsethik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt
Harald.Bolsinger@fhws.de