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Reparatur gegen Müllberge

Rund 15 Euro hat der elektrische Tacker vor drei Jahren gekostet. Jetzt ist er kaputt und wird an diesem Abend die größte Herausforderung für die Helfer im Repair Café in Berlin-Schöneberg. Die 41-jährige Büroangestellte Michaela Ulrich hat das Gerät mitgebracht, um sich „das schlechte Gewissen beim Wegwerfen“ zu sparen, wie sie sagt. Das Repair Café, vor wenigen Wochen eröffnet, ist eines von vielen in Deutschland. Ehrenamtliche Mitglieder reparieren in solchen Einrichtungen, was sonst auf dem Müll landet.

Berlin (afp) > Rund 15 Euro hat der elektrische Tacker vor drei Jahren gekostet. Jetzt ist er kaputt und wird an diesem Abend die größte Herausforderung für die Helfer im Repair Café in Berlin-Schöneberg. Die 41-jährige Büroangestellte Michaela Ulrich hat das Gerät mitgebracht, um sich „das schlechte Gewissen beim Wegwerfen“ zu sparen, wie sie sagt. Das Repair Café, vor wenigen Wochen eröffnet, ist eines von vielen in Deutschland. Ehrenamtliche Mitglieder reparieren in solchen Einrichtungen, was sonst auf dem Müll landet.

„Wir wollen die Nutzungsdauer der Geräte verlängern und den Menschen bewusst machen, dass oft nur ein einfacher Fehler dazu führt, dass ein Gerät nicht mehr benutzt werden kann“, sagt Daniel Affelt, einer der Organisatoren des Repair Cafés Schöneberg. Die Idee zu der Selbsthilfe-Initiative stammt aus den Niederlanden, seit gut zwei Jahren verbreiten sich die Cafés auch in Deutschland. Teils treffen sich die Teilnehmer in Büros von Umweltschutzgruppen, manche gründen sich auf Privatinitiative. Das Schöneberger Café ist an jeweils einem Abend im Monat in den Räumen der Umweltschutzorganisation Bund geöffnet, für die Affelt tätig ist. Er hat das Café mit einigen Mitstreitern auf die Beine gestellt.

Angeboten wird ein breites Spektrum an Reparaturen: Neben Elektrogeräten können klemmende Reißverschlüsse funktionstüchtig gemacht und Fahrradlichter geflickt werden. Die Reparaturen sind kostenlos, zum Überbrücken der Wartezeit werden Kaffee, Kuchen und Kaltgetränke angeboten. „So soll der Idee des Cafés Rechnung getragen werden, denn die Repair Cafés sind auch Orte der Begegnung“, erläutert Affelt. Für die Verpflegungskosten steht eine Spendenbox bereit. Auf dem großen Tisch im Hinterzimmer liegen an diesem Abend auf einer grauen Fleecedecke diverse Netzteile, ein tragbarer CD-Player, ein Kassettenrecorder aus den 70er Jahren und eine Sonnenbrille, der ein Bügel fehlt. Mehrere Reparateure begutachten mit den Besitzern die Ware. An dem defekten CD-Player versucht sich Softwareentwickler Ronny Schmidt. Der 38-Jährige hat erst vor kurzem entdeckt, dass er ein Händchen fürs Reparieren hat. „Mit einer elektrischen Zahnbürste fing es an, dann kam ein Staubsauger-Regler, danach der defekte CD-Player in einem Notebook.“

Jetzt macht Schmidt im Café mit. „Mich stören die Riesen-Müllberge“, fasst er seine Motivation zusammen. Die ehrenamtliche Arbeit sei sein Beitrag, diese zu vermeiden. Laut dem Umweltschutzverband Nabu landen in Deutschland jedes Jahr schätzungsweise 1,8 Millionen Tonnen Elektrogeräte auf dem Müll. Gegenüber von Schmidt sitzt der 51-jährige Gregor, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. Er ist Elektrotechniker und arbeitslos. Seine Reparatur-Geschichte begann in der Kindheit, als er den Wecker seiner Oma in Einzelteile zerlegte. Die Großmutter trug ihm auf, das Gerät wieder zusammenzusetzen. Seitdem bastelt Gregor für sein Leben gern. An diesem Abend setzt er aus drei Netzteilen ein neues zusammen, das das Keyboard eines Besuchers mit Strom versorgen soll.

Mitunter bekommen die Reparateure höchst ungewöhnliche Fundstücke zu sehen – wie vor wenigen Wochen: „Eine alte Dame kam mit einem Fön“, berichtet Gregor. Es handelte sich um ein Original von 1922. „Der Ein-Aus-Schalter war kaputt.“ Das wäre zu reparieren gewesen, doch der Elektrotechniker schickte die Frau ins Deutsche Historische Museum. „Dort geben sie Dir mit Sicherheit das Geld für einen nagelneuen“, sagte er – und hatte Recht. Der Tacker von Michaela Ulrich liegt derweil weiter zerlegt auf dem Tisch. Schon der dritte Experte versucht sein Glück, doch das Gerät verbeißt sich weiter im Papier, anstatt es zusammenzuheften. Ulrich überlegt, dem Tacker an einem anderen Abend im Repair Café noch eine Chance zu geben. Aber vielleicht landet er doch im Müll.