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Quadratisch, praktisch und nicht mehr mangelhaft: Sieg von Ritter Sport dürfte Folgen für Stiftung Warentest haben

Unter tausenden Produkten, die die Stiftung Warentest in ihrer 50-jährigen Geschichte geprüft hat, erscheint die Ritter Sport Voll-Nuss-Schokolade mit ihrem Preis von nicht mal einem Euro nicht besonders bedeutend. Doch für die zukünftigen Tests könnte die quadratische Schokotafel wegweisend werden. Denn nach der Pleite im Schoko-Streit mit Hersteller Ritter dürfte die Stiftung Warentest künftig genauer auf Formulierungen in ihren Tests achten.

München (afp) – Unter tausenden Produkten, die die Stiftung Warentest in ihrer 50-jährigen Geschichte geprüft hat, erscheint die Ritter Sport Voll-Nuss-Schokolade mit ihrem Preis von nicht mal einem Euro nicht besonders bedeutend. Doch für die zukünftigen Tests könnte die quadratische Schokotafel wegweisend werden. Denn nach der Pleite im Schoko-Streit mit Hersteller Ritter dürfte die Stiftung Warentest künftig genauer auf Formulierungen in ihren Tests achten.

Von Ralf Isermann

Die Stiftung Warentest hatte in der Dezember-Ausgabe ihres Test-Hefts zu Beginn des Weihnachtsgeschäfts insgesamt 26 Nuss-Schokoladen unter die Lupe genommen. Die von Ritter hätte nicht schlecht abgeschnitten, hätten sich die Tester nicht an einem Zusatzstoff gestoßen: dem Vanillearoma Piperonal. Während Ritter seinen Kunden ein natürliches Aroma verspricht, gingen die Warentester davon aus, dass es chemisch hergestellt sein müsse. Sie verpassten der quadratischen Tafel ein vernichtendes “Mangelhaft”.

Die Behauptung, dass Ritter kein natürliches Aroma benutze, darf die Stiftung Warentest nach ihrer Niederlage vor dem Oberlandesgericht München nun nicht mehr aufstellen. Ritter-Sprecher Thomas Seeger erinnerte im Gerichtssaal daran, was der Test für das mittelständische Unternehmen bedeutet habe: Um neun Uhr morgens habe er nach der Testveröffentlichung den ersten Anruf einer Handelskette mit der Drohung bekommen, bis mittags die Ritter-Schokolade aus den Regalen zu räumen, sollte das Unternehmen den Vorwurf nicht entkräften können.

Den finanziellen Verlust wollte Seeger zwar nicht beziffern. Er verwies aber auf den Imageverlust: Vor dem Test sei Ritter in Umfragen unter allen deutschen Unternehmen auf Rang zwei gelistet worden – danach aber aus den Top Ten gerutscht. “Die Reputation hat empfindlich gelitten.”

Diese große Macht der Warentester stellte auch Richterin Eva Spangler in dem Verfahren voran. Die Warentester müssten sich daran messen lassen, ihre Worte genau zu wägen, sagte Spangler – dies sei bei dem “unglaublichen Gewicht” der Prüfergebnisse zwingend. Im Fall von Ritter hatten die Tester die Worte nach Auffassung des Gerichts überspitzt.

“Wir haben den chemischen Aromastoff Piperonal nachgewiesen”, stand in dem Bericht. Doch die Stiftung Warentest hat nur Piperonal nachgewiesen, nicht aber, dass es chemisch produziert wurde. Der Aromastoff kann auch natürlich hergestellt werden. Dass er im Fall Ritter chemisch produziert worden sein soll, schlussfolgerte Warentest lediglich.

Holger Brackemann, Chef-Tester der Verbraucherschützer, hob am Rande des Verfahrens hervor, dass sich das Gericht ja gar nicht mit der Bewertung des Aromastoffs auseinandergesetzt habe. Allerdings hatte die Richterin auch gesagt, dass dies auch gar keine Rolle spiele: Denn zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Tests habe die Stiftung keinen Beweis für die chemische Herstellung gehabt, und das sei entscheidend.

Die Richterin wird ihr Urteil nun schriftlich verfassen – und könnte damit auch festschreiben, wie die Stiftung Warentest in Zukunft ihre Testberichte aufbaut. Brackemann sagte, die Stiftung werde sich genau ansehen, welche Formulierungen in dem Text das Gericht kritisiere und daraus Konsequenzen für künftige Tests ableiten. Womöglich bekommen die Leser des Test-Hefts künftig einen tieferen Einblick in die Rechercheergebnisse und chemischen Tests, denn das Gericht hatte auch bemängelt, dass die Recherche zwar umfassend gewesen, in dem Bericht davon aber nicht viel aufgetaucht sei.

Obwohl die Stiftung Warentest regelmäßig schlechte Noten vergibt, sind für die Verbraucherschützer juristische Niederlagen bislang äußerst selten. Ritter-Sprecher Seeger sagte, von in Tests kritisierten Unternehmen wünsche sich die Stiftung Warentest das Eingeständnis von Fehlern. “Ich hätte mir gewünscht, dass die Stiftung in diesem Fall selber mal Fehler einräumt.”