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Moral ist ansteckend

Köln (csr-news) > Die politische Haltung hat keine starke Auswirkung auf das eigene moralische Verhalten. Ein Ergebnis aus einer großen, internationalen Studie zur alltäglichen Moral, die der Kölner Psychologe Wilhelm Hofmann gemeinsam mit internationalen Kollegen durchgeführt hat. Die Ergebnisse werden in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Science veröffentlicht. Es ging unter anderem um die Frage ob die politische Haltung oder Religionszugehörigkeit Einfluss auf das eigene moralische Handeln haben. Tatsächlich ist ihr Einfluss eher gering, viel größer wird er durch eigene Erlebnisse. Waren die Versuchsteilnehmer an einem Tag Ziel einer moralischen Tat, so steigerte dies die Wahrscheinlichkeit, dass sie selbst danach auch eine moralische Tat vollbrachten. Oder anders ausgedrückt: „Gutes tut, wem Gutes widerfährt“. Am Glücklichsten im jeweiligen Moment waren die Teilnehmer, wenn sie selbst die Adressaten der moralischen Taten anderer waren. Dagegen verliehen die eigenen moralischen Taten den meisten Sinn.

Die politische Einstellung hatte dagegen keinen starken Einfluss auf die Betonung moralischer Inhalte. Zwar gibt es Unterschiede in den politischen Lagern, diese sind aber eher gering und würden die in der amerikanischen Moralforschung verbreitete These infrage, dass Menschen mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen mit völlig andersartigen moralischen „Brillen“ durchs Leben gehen, in Frage stellen. Unterscheide zeigten sich am ehesten in der Wahrnehmung von Moral im Alltag. Menschen des linken Spektrums reagieren eher auf Fairness und Aufrichtigkeit, Anhänger des rechten Spektrums eher auf Loyalität und Reinheit. Auch die These, dass religiöse Menschen mehr moralische Taten vollbringen als nicht-religiöse, werden durch die Studie nicht bestätigt. So fanden die Forscher keinerlei Unterschiede in der durchschnittlichen Häufigkeit begangener moralischer oder unmoralischer Taten zwischen religiösen und nichtreligiösen Teilnehmern.

Um moralisches Verhalten und Empfinden im Alltag möglichst nahe am Geschehen zu messen, rekrutierten die Forscher über 1200 Erwachsene in den USA und Kanada und schickten den Teilnehmern drei Tage lang je fünf Kurznachrichten. Mit jeder SMS wurden die Teilnehmer aufgefordert, in einem Onlinefragebogen Auskunft zu geben über etwaige in der letzten Stunde begangene oder beobachtete moralische bzw. unmoralische Handlungen. Insgesamt rund 13.000 Antworten wurden auf diese Weise gesammelt. Etwa 30% davon handelten von moralisch relevanten Ereignissen, in den restlichen 70% fiel laut Auskunft der Teilnehmer nichts moralisch Relevantes vor. Inhaltlich am häufigsten waren Ereignisse, die mit Fürsorge bzw. Schädigung zu tun hatten – die wichtigste Grunddimension moralischen Verhaltens und Urteilens. Aber auch weitere Grunddimensionen bestimmten den moralischen Alltag der Teilnehmer, wie etwa Fairness bzw. Unfairness (ob es bei der Aufteilung von Gütern „gerecht“ zugeht), Aufrichtigkeit bzw. Unaufrichtigkeit (ob die Wahrheit geachtet wird), Loyalität bzw. Illoyalität (ob man der Eigengruppe/nahe stehenden Personen treu ist), oder Reinheit bzw. Unreinheit (ob etwas besonders „Reines“ oder „Unreines“, „Unanständiges“ getan wird).

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