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Wenn Investoren Armut bekämpfen

Neben den klassischen Instrumenten der Entwicklungsförderung haben sich in den vergangenen Jahren Mischformen, die die Grenze zwischen philanthropischer Hilfe und gewinnorientierter Investition verwischen, etabliert. Drei dieser neuen Ansätze werden in einer aktuellen Studie des Südwind-Instituts analysiert. Die kommt zu dem Schluss, dass diesen neuen Formen der Entwicklungsfinanzierung zwar eine zukunftsweisende Rolle zukommt, es aber auch gilt, Hürden und Fallstricke zu überwinden.

Bonn (csr-news) > Neben den klassischen Instrumenten der Entwicklungsförderung haben sich in den vergangenen Jahren Mischformen, die die Grenze zwischen philanthropischer Hilfe und gewinnorientierter Investition verwischen, etabliert. Drei dieser neuen Ansätze werden in einer aktuellen Studie des Südwind-Instituts analysiert. Die kommt zu dem Schluss, dass diesen neuen Formen der Entwicklungsfinanzierung zwar eine zukunftsweisende Rolle zukommt, es  aber auch gilt, Hürden und Fallstricke zu überwinden.

Die in der Studie mit dem Titel „Jenseits von Mikrokrediten. Geldanlagen und Entwicklungsförderung“ vorgestellten Formen dieser Finanzierungsmöglichkeiten sind allesamt Anlagemodelle, die in den vergangenen Jahren rasante Steigerungsraten verzeichnen konnten. Dazu gehören die sogenannten Mikrofinanzen, die Impact Investments und die immer beliebteren Green und Social Bonds. Mit rund 38 Mrd. US-Dollar tragen diese neuen Finanzierungsinstrumente bisher allerdings nur in verschwindend geringem Maße zur Entwicklungsfinanzierung bei. Dennoch zeigen alleine die Zuwachsraten bei den grenzüberschreitenden Investitionen in Mikrofinanzorganisationen das Potenzial. Lagen diese 2007 noch bei rund 15 Milliarden US-Dollar waren es 2011 bereits 25 Milliarden. Und diese Entwicklung wird wohl zunächst weitergehen, denn immer mehr institutionelle Investoren suchen nach neuen Möglichkeiten, ihr Kapital unter Berücksichtigung ihrer finanztechnischen Regeln nachhaltig zu investieren. Angesichts der Tatsache, dass weltweit über 200 Billionen US-Dollar in Aktien, Anleihen oder Krediten investiert sind, aber gleichzeitig Milliardensummen für die Armutsbekämpfung und den Klimaschutz fehlen, kommt diesen neuen Formen der Entwicklungsfinanzierung eine zukunftsweisende Rolle zu. Aber funktionieren sie auch?

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Quelle: „Jenseits von Mikrokrediten. Geldanlagen und Entwicklungsförderung“

So wurde beispielsweise die Wirkung von Mikrokrediten in zahlreichen Studien untersucht. Die Ergebnisse aus über 3.000 einzelnen Untersuchungen sind inzwischen in vier Metastudien zusammengefasst. Die meisten Studien vergleichen, möglichst zufällig, die Lebensverhältnisse von Haushalten, in denen ein Mikrokredit aufgenommen wurde, mit Haushalten, in denen es keinen solchen Kredit gab. Insgesamt ergeben die Studien kein klares Bild. In manchen werden Belege für die Wirksamkeit von Mikrokrediten gefunden, in anderen das genaue Gegenteil. Tatsächlich scheinen sie manchmal zu helfen, Menschen aus der Armut zu holen, es gibt aber auch Beispiele, bei denen die Armut durch Überschuldung noch verstärkt wurde. Zwar ergibt sich aus diesem Ergebnis keine klare Handlungsorientierung, für die Südwind-Autorin Antje Schneeweiß ergibt sich deren Berechtigung aber schon aus der Tatsache, dass Mikrokredite zumindest in einigen Fällen zu einer Verbesserung der Lebensumstände geführt haben. „Aus ethischer Sicht ist es unabdingbar für die Bewertung der Mikrokredite, diese Perspektive der erfolgreichen Mikrokreditnehmer zu berücksichtigen“, schreibt Schneeweiß. Die Probleme sind bekannt und man sucht inzwischen nach Lösungen. Im Zentrum der Überlegungen steht eine bessere Regulierung der Mikrofinanzwirtschaft. So soll der Aufbau von Schuldenregistern die Gefahreiner Mehrfachverschuldung und damit die drohende Überschuldung eindämmen. Ein Insolvenzrecht soll überschuldete Privatpersonen vor ihren Gläubigern schützen und es gibt Ansätze, die Zinshöhe von Mikrokrediten zu deckeln.

Im Vergleich zu Mikrokrediten haben wirkungsbezogene Unternehmensbeteiligungen, die Impact Investments den Vorteil, dass die Investoren stärker am Risiko beteiligt sind. Die Auswahl und Begleitung der Investition respektive der Kleinbetriebe wird entsprechend sorgfältiger sein. Die Unternehmen wachsen mit Hilfe der „Impact-Investoren“ idealerweise zu einer Größe, die eine philanthropisch gefärbte Investition unnötig macht“, schreibt Schneeweiß, „weil sich rein kommerziell orientierte Akteure für sie interessieren und die Kapitalbeschaffung damit auf konventionellen Wegen gelöst werden kann“. Und sie nennt Beispiele, etwa das Pharmaunternehmen „Shely´s“ aus Tansania, das später von dem südafrikanischen Generikaproduzenten „Aspen Pharma“ gekauft wurde. Oder das Telekommunikationsunternehmen „airtel“ mit heute 24 Mio. Kunden in 14 afrikanischen Ländern. Solch positive Unternehmensentwicklung seien aber nur möglich, wenn die staatlichen Rahmenbedingungen dazu passen, räumt Schneeweiß ein. „In Konfliktregionen und Staaten mit hoher Korruption, schlechter Regierungsführung und unzureichend gesicherten Eigentumsrechten sind die erwünschten Wirkungen von Unternehmensbeteiligungen weniger wahrscheinlich“. Weil derartige Unternehmen mit der Zeit auch verstärkt die Wünsche mittelständischer Konsumenten bedienten, sind sie nur bedingt zur Armutsbekämpfung geeignet. „Eine Starthilfe zum Aufbau eines unternehmerischen Mittelstands ist damit nicht die alleinige Lösung zur Armutsreduzierung, wohl aber einer von vielen Bausteinen, die benötigt werden, um Armut zu überwinden”, so Schneeweiß.

Insgesamt warnt die Studie davor, dass es nicht ausreicht, Investitionsgelder aus dem Norden in den Süden fließen zu lassen. Missstände wie Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen und Hungerlöhne könnten die Folge sein. Entscheidend ist, dass messbare entwicklungspolitische Impulse gesetzt werden. Die Ergebnisse dieser neuen Ansätze, so Antje Schneeweiß, müssen deshalb einer externen Evaluation unterzogen werden. Nur dies kann die Gewissheit liefern, dass die intendierten positiven Folgen für Mensch und Natur tatsächlich eingetreten sind. „Die Integration der Regeln institutioneller Investoren in die Finanzierung von Entwicklungsprojekten ist mühsam und manchmal auch gefährlich, weil das damit verbundene Streben nach Rendite den Hilfscharakter konterkariert. Mit einer grundsätzlichen Ablehnung würde man jedoch auf wichtige Kapitalquellen verzichten, die in vielen Bereichen nutzbringend eingesetzt werden können“. Schneeweiß plädiert deshalb dafür, die Chancen zu sehen anstatt die neuen Instrumente abzulehnen. „Vielleicht werden hier zukunftsweisende neue Wege einer Ökonomie beschritten, die soziale Hilfe mit tragfähigen Geschäftsmodellen verbindet, indem am Gewinn ausgerichtete Verhaltensweisen mit philanthropischem Kapital und sozialem Engagement kombiniert werden“, schreibt sie.

Die Studie „Jenseits von Mikrokrediten. Geldanlagen und Entwicklungsförderung“ zum Download.