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AfB: „Leistung im Mittelpunkt und nicht die Behinderung“

Eine Belegschaft, die zur Hälfte aus Menschen aus Menschen mit Behinderungen besteht, und hochwertige IT-Dienstleistungen – das passt zusammen. Mit 200 Mitarbeitern ist die gemeinnützige AfB GmbH an 10 Standorten in Europa aktiv. Unter anderem in Wien. Dort fragte CSR NEWS Jens Misera nach dem Konzept und den Erfahrungen der integrativen und zugleich marktorientierten Arbeit.

Wien (csr-news) – Eine Belegschaft, die zur Hälfte aus Menschen aus Menschen mit Behinderungen besteht, und hochwertige IT-Dienstleistungen – das passt zusammen. Mit 200 Mitarbeitern ist die gemeinnützige AfB GmbH an 10 Standorten in Europa aktiv. Unter anderem in Wien. Dort fragte CSR NEWS Jens Misera nach dem Konzept und den Erfahrungen der integrativen und zugleich marktorientierten Arbeit.

CSR NEWS: Wie und wann entstand die Idee zu dem gemeinnützigen IT-Systemhaus?

Jens Misera: Alles begann 2003 mit der Frage eines potentiellen Kunden an den Gründer und Geschäftsführer der AfB, Paul Cvilak, ob er eine Datenlösch-Dienstleistung in Deutschland zu einem wettbewerbsfähigen Preis anbieten könne. Er hatte Kontakt zu einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und hat mit dieser einen Praxis-Versuch unternommen, der sehr erfolgreich war. Die Teilnehmer im Projekt waren stolz, mit IT-Geräten arbeiten zu dürfen. 2004 gründete er dann in Ettlingen bei Karlsruhe AfB – Arbeit für Menschen mit Behinderung – und sah eine besondere Herausforderung darin, ein Unternehmen im Bereich der hochwertigen IT-Dienstleistungen aufzubauen, das sich konkurrenzfähig am Markt behaupten kann, dabei aber gesellschaftlichen Erfolg erzielt. Wachstum sollte auf Basis sozialer Verantwortung ermöglicht werden. Der Bedarf von großen Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen an hochwertigen Dienstleistungen im Zusammenhang mit dem Austausch ihrer IT-Geräte und der Wunsch nach professioneller, sicherer Datenlöschung waren vorhanden. Solche Arbeiten wurden aufgrund hoher Kosten häufig in Billiglohnländern erbracht; Datensicherheit und allgemein anerkannte Arbeitsnormen waren hier jedoch kaum gewährleistet. Zudem war Paul Cvilak stets bewusst, dass es in unserer Gesellschaft viele Menschen gibt, die aufgrund eines Handicaps keine berufliche Perspektive besitzen, obwohl sie durchaus leistungsbereit sind. In sozialer Hinsicht wollte er sich daher vor allem darauf konzentrieren, Menschen mit Handicap, die am ersten Arbeitsmarkt bis dato kaum eine Chance hatten, ins berufliche Leben zu integrieren.

Welche Behinderungen tragen manche Ihrer Mitarbeiter und womit werden sie konkret beschäftigt?

Die Behinderungen der Mitarbeiter sind sehr verschieden und reichen von körperlichen Einschränkungen bis zu psychischen Beeinträchtigungen. Die Vielfalt der Aufgaben bei AfB macht es uns einfach, Personen mit unterschiedlichen Fähigkeiten diesen entsprechend einzusetzen. Das Zerlegen defekter Geräte in ihre Bestandteile eignet sich beispielsweise sehr gut für Mitarbeiter, die einfachere Tätigkeiten vorziehen oder als Einstieg im Rahmen eines Praktikums, um sich im Arbeitsprozess erst mal einzugewöhnen. Andere haben vielleicht eine rein körperliche Einschränkung, sind aber absolute Computerprofis, die man direkt im Reparaturbereich einsetzen kann. Bei all dem ist uns sehr wichtig, dass wir keine Werkstatt sind, sondern ein ganz normales IT-Unternehmen, das sich im Wettbewerb um seine Kunden mit allen andern „normalen“ Mitbewerbern misst.

Wie ist – zahlen- und beziehungsmäßig – das Verhältnis von behinderten zu nicht-behinderten Menschen in Ihrem Unternehmen?

Zahlenmäßig hat von unseren knapp über 200 Mitarbeitern etwa die Hälfte eine Behinderung. Unsere Unternehmenskultur und die Beziehungen der Mitarbeiter untereinander sind von der Wertschätzung der unterschiedlichen Fähigkeiten jeder einzelnen Mitarbeiterin und jedes einzelnen Mitarbeiters geprägt. Bei uns steht die Leistung im Mittelpunkt und nicht die Behinderung. Das macht uns sowohl wirtschaftlich, als auch integrativ erfolgreich.

Finanzieren Sie sich ganz aus ihren Umsätzen – oder auch aus staatlichen Transferleistungen?

Im Grunde funktionieren wir wie ein typisches Wirtschaftsunternehmen. Wir finanzieren uns hauptsächlich über den Verkauf der aufbereiteten IT-Geräte. Wie andere Unternehmen, die Menschen mit einem Handicap beschäftigen, erhalten auch wir eine so genannte Integrationspauschale, die den Mehraufwand eines Unternehmens oder auch die Minderleistung behinderter Mitarbeiter im Vergleich zu nicht behinderten Kollegen decken soll. Wir arbeiten mit den zuständigen Stellen hier sehr gut zusammen. Der große Unterschied, der die Gemeinnützigkeit ausmacht, liegt darin, dass wir unsere Gewinne in das Unternehmen, also in weitere Standorte und in unsere Infrastruktur, reinvestieren, sie aber nicht ausschütten dürfen.

Was können konventionelle Unternehmen zur Unterstützung Ihrer Arbeit tun – vielleicht auch über den Einkauf bei Ihnen hinaus?

Um den gesellschaftlichen Erfolg in sozialer und ökologischer Hinsicht auch zukünftig weiter voranzutreiben suchen wir nach weiteren Firmen und öffentlichen Einrichtungen, die ihre nicht mehr benötigte IT-Hardware zur Aufbereitung bereitstellen. Abgesehen von der Unterstützung, die unsere Partner uns dadurch zukommen lassen, können sie aber auch ihren eigenen Aufwand beim Austausch der Hardware erheblich reduzieren, weil wir den Transport der Altgeräte und die Löschung der an uns überlassenen Datenträger übernehmen. Unser Prozess ist nach ISO 9001 vom TÜV zertifiziert und unser Datenlöschprozess ist zusätzlich von der DEKRA abgenommen. Für Unternehmen hat das Thema Datensicherheit in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen und wir sind hier ein absolut kompetenter Partner. In unserem eigens für AfB programmierten Warenwirtschaftssystem haben die Partnerfirmen dann per Web-Log-in Zugriff auf Löschberichte und den Bearbeitungsstatus ihrer Geräte. Neben Computern, Monitoren und Druckern übernehmen wir auch gebrauchte Mobiltelefone und Smartphones und löschen die vorhandenen Daten ebenfalls mit zertifizierter Software. Auch die Mitarbeiter der AfB-Partnerfirmen reagieren beispielsweise auf Handysammelaktionen sehr positiv und stellen ihre alten Handys, die zu Hause meist schon in Vergessenheit geraten, gerne zur Verfügung. Sie können zudem grundsätzlich zu besonders günstigen Konditionen in unserem Online-Shop oder in den Niederlassungen einkaufen. Nach Wunsch veranstalten wir auch Vor-Ort-Verkäufe auf dem Firmengelände der Partner.

Unternehmen können die Partnerschaft mit AfB und den dadurch erzielten sozialen sowie ökologischen Erfolg sehr gut in ihre CSR-Strategie einbinden und beispielsweise in ihrer Nachhaltigkeitsberichterstattung die eingesparte Menge an Treibhausgasen und natürlichen Ressourcen aufzeigen. Wenn sich Firmen für eine Kooperation mit uns entscheiden und die Menge der überlassenen Geräte ausreichend ist, richten wir im regionalen Umfeld der Firmen einen weiteren Standort ein und die Firmen tragen maßgeblich dazu bei, dass Arbeitsplätze für behinderte Menschen entstehen. So wollen wir das erklärte Ziel erreichen, 500 Arbeitsplätzen für behinderte Menschen in der IT-Branche zu schaffen.

Entwickeln sich für behinderte Mitarbeiter durch die Tätigkeit bei Ihnen berufliche Perspektiven?

Ja, viele Mitarbeiter schaffen bei uns beispielsweise durch ein Praktikum den Weg aus der Werkstatt für Menschen mit Behinderung auf den ersten Arbeitsmarkt. Sie können sich bei uns intern weiterentwickeln und neue Fähigkeiten erlernen, so dass sie auch in anderen Unternehmen Chancen haben, mit anspruchsvollen Arbeiten im IT-Bereich betraut zu werden. Darüber hinaus sehen wir vor allem im Ausbildungsbereich großes Potential. Gemeinsam mit der IHK-Aachen und dem Landschaftsverband Rheinland haben wir im Rahmen des WAB-Projektes das anerkannte Berufsbild Fachpraktiker/-in für IT-Systeme geschaffen. Der Name WAB, Werkstatt – Ausbildung – Beruf, verdeutlicht eine Reihenfolge. Menschen mit einem Handicap arbeiten in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Von dort aus wechseln sie zu ihrem Ausbildungsbetrieb, der AfB oder einem anderen Unternehmen, das diese Ausbildung anbietet. Das Schulungskonzept orientiert sich an dem bestehenden Ausbildungsberuf „PC-Fachkraft“, angepasst an die Fähigkeiten und Unterstützungsbedarfe von Menschen mit Behinderung. Allgemeine Inhalte wie der Umgang mit Microsoft Office und Warenwirtschaftssystemen gehören zum praktischen Lehrinhalt. Darüber hinaus erfahren die Auszubildenden alles über die Arbeit eines IT-Systemhauses und das Kerngeschäft der AfB, wie Wareneingang, Reparatur, Aufbereitung, zertifizierte Datenlöschung, aber auch Verkauf und Recycling von gebrauchter IT-Hardware. Theoretische Kenntnisse werden an ein bis zwei Werktagen im WAB-Schulungszentrum in Düren vermittelt. Für die theoretische, praktische und psychosoziale Betreuung stehen geschulte Vollzeitkräfte zur Verfügung. Nach erfolgreichem Abschluss werden die Auszubildenden bei uns oder einer unserer Partnerfirmen, die eine Patenschaft für die Ausbildungsplätze übernehmen können, unbefristet eingestellt.

Vielen Dank für Ihre Antworten!

Weitere Informationen im Internet:
www.afb-group.at