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Vom Wüstenstrom-Projekt Desertec bleibt nur ein Beratungsunternehmen

Von der Wüstenstrom-Initiative Desertec, die vor fünf Jahren als eines der weltweit ehrgeizigsten Infrastrukturprojekte gestartet ist, bleibt künftig nur eine kleine Beratungsgesellschaft übrig. Der neuen Dii gehören nur noch drei der zuletzt 17 Gesellschafter an.

Berlin/Rom (afp) – Von der Wüstenstrom-Initiative Desertec, die vor fünf Jahren als eines der weltweit ehrgeizigsten Infrastrukturprojekte gestartet ist, bleibt künftig nur eine kleine Beratungsgesellschaft übrig. Die Desertec Industrial Initiative (Dii) werde mit neuer Ausrichtung weitergeführt, teilte die Projektgesellschaft am Dienstag nach einem Gesellschafter-Treffen in Rom mit. Sie werde sich auf Dienstleistungen für ihre Gesellschafter konzentrieren, die im Nahen Osten und Nordafrika zu konkreten Projektaktivitäten beitragen und deren Verwirklichung erleichtern. Der neuen Dii gehören demnach nur noch drei der zuletzt 17 Gesellschafter an.

Desertec war im Juli 2009 an den Start gegangen und galt damals als eines der ambitioniertesten Projekte zu erneuerbaren Energien: Nach den ursprünglichen Plänen sollten bis 2050 in Nordafrika und dem Nahen Osten große Solarkraftwerke und Windparks entstehen, um einen großen Teil des lokalen und 15 Prozent des europäischen Stromverbrauchs zu decken. Der Strom sollte über Hochspannungsnetze in die EU transportiert werden, die zum Teil über den Grund des Mittelmeers verlaufen sollten. Im Zuge des Desertec-Projektes wurde allerdings nie Strom nach Europa exportiert.

Insgesamt sollten bis 2050 rund 400 Milliarden Euro in das Projekt fließen, bei Gründung der Initiative war von möglichen Umsatzerlösen in Höhe von zwei Billionen Euro die Rede. Gesellschafter waren etwa die Deutsche Bank und Munich Re, der US-Solarmodulhersteller First Solar und der Projektentwickler Maurisolaire aus Mauretanien.

In der künftigen Beratungsgesellschaft bleiben hingegen nur noch RWE, die Energiefirma ACWA Power aus Saudi-Arabien und der chinesische Stromnetzbetreiber Stade Grid Corporation of China übrig. Mehrere deutsche Unternehmen waren schon früher wieder ausgestiegen – etwa Eon, Bilfinger und die HSH Nordbank.

Der Dii-Geschäftsführer Paul van Son zog mit Blick auf das neue Geschäftsmodell der Gesellschaft dennoch eine positive Bilanz der vergangenen Jahre. „Erneuerbare Energien haben beim Start von Dii vor fünf Jahren im Nahen Osten und Nordafrika kaum eine Rolle gespielt“, erklärte van Son in Rom. „Das ist heute völlig anders. Rund 70 Projekte sind inzwischen realisiert oder in der Umsetzung.“

Dii habe in dieser Zeit „tatkräftig mit Überzeugungsarbeit, Grundlagenstudien und konkreten Länderstrategien“ geholfen, unterstrich der Geschäftsführer. „Diese Phase ist jetzt abgeschlossen, und Dii stellt sich auf veränderte Anforderungen ein.“

Von Marokko bis hin zur Arabischen Halbinsel sei der Ausbau von erneuerbaren Energien spürbar in Gang gekommen und werde langsam zum Treiber einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung in der Region, erklärte die Initiative. Von rund 70 Megawatt im Jahr 2000 habe sich das Desertec-Projektvolumen bis auf drei Gigawatt im Jahr 2014 gesteigert. Für das Jahr 2020 erwartet Dii demnach 35 Gigawatt.

Die Umweltorganisation Greenpeace bezeichnete die Neuausrichtung von Desertec als einen „Schritt zu mehr Realismus“. „Solare Großkraftwerke in Nordafrika haben für Europa an Attraktivität verloren – kleinere, dezentrale Anlagen gewinnen an Boden“, erklärte der Greenpeace-Energieexperte Andree Böhling in Hamburg. „Die Desertec-Industrie-Initiative ist Opfer ihres eigenen PR-Erfolges geworden.“ Sie habe den hohen öffentlichen Erwartungen nicht gerecht werden können. Zudem hätten sich die Gesellschafter über ihre unterschiedlichen Interessen zerstritten.

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