Agenturmeldung Nachrichten

Textil-Bündnis von Minister Müller startet mit Problemen

Unterbezahlte Arbeiterinnen, die in einsturzgefährdeten Fabriken Kleider für den deutschen Markt nähen – das soll es nach dem Willen von Entwicklungsminister Gerd Müller nicht mehr geben. Der CSU-Politiker gründete am Donnerstag ein Bündnis für nachhaltige Textilien. Ziel ist es, in der gesamten Produktions- und Handelskette, vom Baumwollfeld bis zum Kleiderbügel, soziale und ökologische Mindeststandards einzuführen. Doch das ambitionierte Vorhaben startet holprig.

Berlin (afp) – Unterbezahlte Arbeiterinnen, die in einsturzgefährdeten Fabriken Kleider für den deutschen Markt nähen – das soll es nach dem Willen von Entwicklungsminister Gerd Müller nicht mehr geben. Der CSU-Politiker gründete am Donnerstag ein Bündnis für nachhaltige Textilien. Ziel ist es, in der gesamten Produktions- und Handelskette, vom Baumwollfeld bis zum Kleiderbügel, soziale und ökologische Mindeststandards einzuführen. Doch das ambitionierte Vorhaben startet holprig.

Von Michael Rebmann

Das Bündnis soll ab Januar 2015 zunächst ein Verbraucherportal starten. Dort sollen sich Interessierte über Qualitätsigel in der Textilbranche informieren können. Viele Unternehmen nutzen bereits eigene Siegel, die aber meist nicht unabhängig kontrolliert werden. In einem weiteren Schritt will das Bündnis Unternehmen mit hohen ökologischen und sozialen Standards selbst mit dem „grünen Knopf“ auszeichnen. Prangt dieser in Zukunft an einem Kleidungsstück, könnten Käufer sicher sein, dass es fair produziert wurde, erklärte Müller in Berlin.

Ursprünglich hatten sich über 60 Organisationen, Konzerne und Verbände an dem Bündnis beteiligt – von Greenpeace über H&M, Adidas bis zum Handelsverband Deutschland (HDE). Beigetreten sind am Donnerstag jedoch nur 30 von ihnen. Alle großen Textilkonzerne unterschrieben die Beitrittserklärung nicht. Mit dabei sind noch Nichtregierungsorganisationen – wie die Kampagne für saubere Kleidung und Oxfam – und mittelständische Unternehmen wie Vaude und Trigema. Kritiker bemängeln, dass Müllers Bündnis ohne die großen Konzerne nicht schlagkräftig ist.

In den vergangenen Tagen hatte sich in der Wirtschaft Widerstand gegen Müllers Bündnis geregt. Das Vorhaben sei zu ambitioniert, lautete der Tenor der Kritik. So bezeichnete der HDE Müllers Bündnis als „unrealistisch“ und der Arbeitgeberverband (BDA) bemängelte, dass für Unternehmen die geforderte Kontrolle ihrer Zulieferer „nicht zu leisten“ sei. Auch die Umweltorganisation Greenpeace ging von Bord, weil „Standards für eine giftfreie Kleidungsproduktion“ zu wenig berücksichtigt worden seien.

Minister Müller gab sich von den „kurzfristigen Absagen“ am Donnerstag „überrascht“. Er sei jedoch zuversichtlich, dass die großen Firmen bald seinem Bündnis beitreten würden: Die Branchengrößen bewegten sich nun einmal „schwerfällig“, sagte der Minister. Kein Konzern könne aber Interesse daran haben, seine Produkte weiter für Hungerlöhne fertigen zu lassen.

Die Grünen-Fraktion kritisierte die Textil-Initiative als „Luftnummer“. Müllers Bündnis sei „gut gemeint aber schlecht gemacht“, erklärte der entwicklungspolitische Sprecher Uwe Kekeritz. Die Unternehmen würden den Minister nicht erst nehmen. Der Entwicklungsexperte der Linksfraktion, Niema Movassat, forderte eine gesetzliche Lösung. Das Konzept der freiwilligen Selbstverpflichtung sei gescheitert.

Die problematischen Bedingungen in der Textilindustrie in einigen Ländern sind seit Langem bekannt. Immer wieder gibt es schwere Unglücke und Arbeitsunfälle; enormer Leistungsdruck, schlechte Bezahlung und Arbeitsrechtsverletzungen gehören zum Alltag vieler Näherinnen. Für weltweite Schlagzeilen sorgte der Einsturz des Rana-Plaza-Fabrikkomplexes in Bangladesch, bei dem im April 2013 mehr als 1100 Menschen starben. Zahlreiche westliche Firmen hatten in dem Gebäude Kleider nähen lassen.

Hintergrund: Die schwierige Suche nach ethisch korrekter Kleidung – Wo Verbraucher fündig werden können

Wer in Deutschland sozial nachhaltig produzierte Kleidung kaufen will, hat es nicht einfach. Es gibt zwar heute schon Siegel, die versprechen, dass die Jeans oder das T-Shirt zu fairen Löhnen und arbeitsrechtlich korrekt produziert wurde – doch eine übergeordnete Kennzeichnung fehlt. Viele Unternehmen verpflichten sich bereits selbst, gewisse Mindeststandards einzuhalten, doch oft mangelt es an unabhängigen Kontrollen.

Was will die Bundesregierung ändern?

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) will für die Verbraucher Licht ins Dunkel bringen. Dafür startete er am Donnerstag ein Bündnis für nachhaltige Textilien. Beteiligt sind daran bislang rund 30 Organisationen, Unternehmen und Behörden. Anfang des kommenden Jahres soll zunächst ein Online-Portal an den Start gehen, das Interessierte über bereits existierende Textilsiegel informiert. In einem zweiten Schritt wollen die Bündnis-Partner dann ein eigenes Siegel entwickeln, den „grünen Knopf“. Er soll besonders fair produzierte Kleidung kennzeichnen. Das Bündnis selbst überprüft die Unternehmen, deren Produkte in Zukunft den „grünen Knopf“ tragen.

Wo finde ich heute schon Informationen?

Einen Überblick über unterschiedliche Siegel gibt bereits das von der Bundesregierung geförderte Internet-Portal Label-Online. Es ist im Unterschied zum Vorhaben des Ministers sehr weit gefasst und nicht auf den Textilbereich spezialisiert. Dennoch werden Verbraucher auf der Suche nach nachhaltiger Kleidung dort fündig.

Welche Siegel gibt es?

Label-Online stellt zum Beispiel das Siegel „Cotton made in Africa“ vor. Die Organisation dahinter hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensbedingungen afrikanischer Baumwollbauern zu verbessern. Sie kooperiert mit großen Textilkonzernen wie der Otto Group, Puma oder S.Oliver.

Ein weiteres Siegel ist der Global Organic Textile Standard (G.O.T.S.). Ziel von G.O.T.S. ist es, nachhaltige Herstellung von Textilien über die gesamte Handelskette zu gewährleisten. In Deutschland bieten die Drogeriekette DM und der Übergrößenspezialst Ulla Popken Kleidung mit diesem Siegel an.

Das Portal Label-Online:
label-online.de

Hinterlassen Sie einen Kommentar