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Transparenz in der Lebensmittelwirtschaft – Verbraucher würden lieber vertrauen

Studien über das Informationsbedürfnis der Verbraucher zur Herkunft von Lebensmitteln gab es schon einige. In dieser Woche ist eine weitere von Prof. Achim Spiller von der Universität Göttingen dazugekommen. Nach Lesart des Auftraggebers, dem Verein „Die Lebensmittelwirtschaft“, sind demnach Konsumenten kaum an Transparenz interessiert. Für die Verbraucherorganisation Foodwatch ist das eine völlig verzerrte Darstellung der Studienergebnisse.

Berlin (csr-news) > Studien über das Informationsbedürfnis der Verbraucher zur Herkunft von Lebensmitteln gab es schon einige. In dieser Woche ist eine weitere von Prof. Achim Spiller von der Universität Göttingen dazugekommen. Nach Lesart des Auftraggebers, dem Verein „Die Lebensmittelwirtschaft“, sind demnach Konsumenten kaum an Transparenz interessiert. Für die Verbraucherorganisation Foodwatch ist das eine völlig verzerrte Darstellung der Studienergebnisse.

„Die Studie zeigt deutlich, dass es nur eine Minderheit ist, die aktiv mehr Transparenz fordert, während die Mehrheit die zur Verfügung gestellten Informationen gar nicht oder kaum nutzt“, so Stephan Becker-Sonnenschein, Geschäftsführer des Vereins, bei der Vorstellung der Studie. Nach seiner Auffassung geht die Diskussion um zusätzliche Transparenz bei Lebensmitteln am Verbraucher vorbei. Immerhin würde 38 Prozent der Befragten spontan nichts zum Transparenzbegriff im Zusammenhang mit Lebensmitteln einfallen. „Deshalb müssen sich die Akteure die Frage stellen, ob ein Mehr an Detailinformationen eigentlich zu mehr Transparenz oder zu mehr Verunsicherung beiträgt. Transparenz sollte komplexe Zusammenhänge erklären und Sinn und Vertrauen stiften“, so Becker-Sonnenschein. Tatsächlich können immerhin 62 Prozent mit dem Begriff spontan etwas anfangen. Am häufigsten mit rund 24 Prozent wird dann die Herkunft der Lebensmittel genannt, gefolgt von der Zusammensetzung der Lebensmittel – von 19 Prozent genannt. Allerdings lassen diese Zahlen noch keine Rückschlüsse auf das Informationsbedürfnis der Verbraucher zu. An dieser Stelle zeigt die Studie Widersprüche zwischen Präferenzen und tatsächlichem Verhalten auf. „Die Mehrheit der Verbraucher möchte gerne Informationen über Herkunft, Inhalte, Zusatzstoffe und ähnliche Aspekte von Lebensmitteln erhalten können. Gleichwohl werden die bereits vorhandenen Informationen von der Mehrheit der Verbraucher nicht genutzt oder als entscheidungsrelevant für den Einkauf wahrgenommen“, erläutert Prof. Achim Spiller. „Eigentlich würde man lieber vertrauen“, schreibt Spiller. „Verbraucher sind hier ziemlich abgeklärt und sich ihrer Widersprüche zumeist bewusst. Das macht es der Anbieterseite nicht ganz leicht“.

Rund 77 Prozent der Konsumenten würden keine zusätzlichen oder umfangreicheren Informationen erwarten und geben dafür unterschiedliche Gründe an. Entweder fühlen sie sich bereits ausreichend informiert, sind vom bestehenden Informationsangebot überlastet, weil es zu unverständlich und verwirrend ist, oder sie haben überhaupt kein Interesse. Der regelmäßige Einkauf von Lebensmitteln basiert scheinbar in vielen Fällen auf Erfahrung. Denn beim Ersteinkauf eines Produktes achten die Verbraucher sehr wohl auf die ihnen angebotenen Informationen. Fast zwei Drittel der Verbraucher lesen sich die Informationen auf der Verpackung vor dem ersten Kauf immer oder fast immer durch und fast ebenso viele machen dies, wenn ein Produkt bereits durch einen Lebensmittelskandal betroffen war. Sehen Verbraucher ihre Transparenzanforderungen nicht erfüllt, reagiert fast die Hälfte mit einem Wechsel des Produkts. Digitale Lösungen wie etwa QR-Codes werden dagegen selten genutzt. Die Studie zeigt zudem, dass Verbraucher Transparenz sehr unterschiedlich definieren und ihre Informationsbedürfnisse stark voneinander abweichen. „Generell gilt: Verbraucher wollen nicht mehr Informationen, sondern ein besseres Verständnis komplexer Prozesse und Vorgänge, das zu einem tatsächlichen Wissenszuwachs führt“, so Becker-Sonnenschein. Bei knapp der Hälfte der Deutschen richtet sich der Transparenzwunsch vor allem auf Produkte tierischer Herkunft wie Fleisch, Eier, Fisch und Milchprodukte.

transparenzstudie

Quelle: Studienergebnisse „Transparenz und Verbraucher – Ein Missverständnis“

Für die Branche gibt es weiterhin einiges zu tun, denn das Vertrauen der Konsumenten genießt sie nicht. Nur 3,3 Prozent der Befragten geben an, der Branche voll und ganz zu vertrauen. Spitzenreiter beim Vertrauen sind mit 23,5 Prozent der Nennungen die Verbraucherzentralen. Fragt man die Organisation Foodwatch, dann trägt die Studie bzw. ihr Umgang damit nicht zu einer Verbesserung bei. Die Verbraucherschützer lesen die Ergebnisse der Studie anderes und werfen dem Verein „Die Lebensmittelwirtschaft“ eine stark verzerrte Darstellung der Ergebnisse vor. Die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Maria Flachsbarth, rief indes die Branche dazu auf, sich stärker an den Bedürfnissen der Kunden auszurichten: “Immer mehr Menschen interessieren sich nicht nur für den Preis und die Qualität der Lebensmittel. Die Art und Weise der Herstellung, die Herkunft und der Produktionsprozess sowie die wahrhaftige und verständliche Vermarktung spielen eine immer stärkere Rolle. Die Lebensmittelbranche müsse diesen Fragen und Bedürfnissen mit einem hohen Maß an Transparenz begegnen“. Ein schwieriges Unterfangen, aus einer Position des niedrigen Basisvertrauens, erfolgreich zu kommunizieren, so Schiller. Er empfiehlt der Branche öfter den ersten Schritt in Debatten zu machen, offen und respektvoll die Bereitschaft zum Dialog zu signalisieren, um das verloren gegangene Vertrauen zu erwerben, statt es zu bewerben.

Weitere Informationen:

Die Studie „Transparenz und Verbraucher – Ein Missverständnis“

Die Studienpräsentation von Prof. Spiller

Eine Studie der Verbraucherorganisation Foodwatch zum Thema