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Von „mäuselndem“ Sekt und Pickel machender Gesichtscreme: Stiftung Warentest wird 50 Jahre alt

Knapp 30 Jahre ist es her, da sorgte die Stiftung Warentest nicht mit „mangelhaft“, sondern mit „mäuselnd“ für helle Aufregung im Handel. Weil die Tester einen bei Aldi angebotenen Sekt als „leicht mäuselnd“ – nämlich durch Bakterien unangenehm schmeckend – beschrieben, nahm der Discounter das Produkt kurzerhand aus den Regalen und schickte 250.000 Flaschen an den verantwortlichen Lieferanten zurück.

München (afp) – Knapp 30 Jahre ist es her, da sorgte die Stiftung Warentest nicht mit „mangelhaft“, sondern mit „mäuselnd“ für helle Aufregung im Handel. Weil die Tester einen bei Aldi angebotenen Sekt als „leicht mäuselnd“ – nämlich durch Bakterien unangenehm schmeckend – beschrieben, nahm der Discounter das Produkt kurzerhand aus den Regalen und schickte 250.000 Flaschen an den verantwortlichen Lieferanten zurück.

Von Ralf Isermann

Die Episode mit dem Aldi-Sekt ist eine von vielen, die den Einfluss der vor fünfzig Jahren von der Bundesrepublik Deutschland als Stifterin gegründeten Stiftung Warentest beschreibt. Dass Schauspielerin Uschi Glas nach einem vor zehn Jahren veröffentlichten Test mit der Überschrift „Uschi Glas‘ macht Pickel“ die nach ihr benannte Gesichtscreme nicht mehr verkaufen konnte, eine weitere: Das für 33 Euro je 50 Milliliter verkaufte vermeintliche Schönheitsmittel hatte bei sieben Testerinnen zu roten Flecken, Pusteln oder Schuppen geführt.

Uschi Glas zog gegen das „Mangelhaft“ für ihre Creme vor Gericht – und verlor. So erging es mit Ausnahme von Ritter Sport, die in diesem Herbst endgültig das „Mangelhaft“ für ihre Vollnuss-Schokolade tilgen konnten, fast allen Klägern im Kampf gegen unliebsame Testergebnisse.

Wäre es nach den Herstellern gegangen, hätte es solch eine einflussreiche Stelle wie die Stiftung Warentest mit ihren bis heute über 92.000 getesteten Produkten nie gegeben. Der Bundesverband der Deutschen Industrie etwa klagte vor der Stiftungs-Gründung am 4. Dezember 1964, die Verbraucher würden doch schon „in ausreichendem Maße“ über Anzeigen und Werbung über die Eigenschaften und Verwendbarkeit der Geräte informiert. Der Einwand war scheinheilig – denn zuvor hatte die Industrie die von einem privaten Verleger erfolgreich betriebene Testzeitschrift „DM“ mit Prozessen kaputt gemacht.

Die Idee einer vom Bund finanzierten Stiftung entstand unter Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), voran getrieben von seinem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard. Der Verbraucher solle sich „nicht so benehmen wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, sondern soll erkennen lassen, dass er Widerstand leistet“, wünschte sich der Wirtschaftswunder-Minister.

Zwei Millionen D-Mark jährlich spendierte der Bund zunächst. An sich sollte die Stiftung Warentest binnen kürzester Zeit ohne Subventionen auskommen. Doch mit ihren von Werbung freien Publikationen – allen voran die Zeitschrift „test“ – kommt die Stiftung bis heute nicht ohne staatlichen Zuschuss aus. Rund 90 Prozent ihres Etats erwirtschaften die in Berlin ansässigen Verbraucherschützer selbst – etwa 5,5 Millionen Euro schießt der Bund zu.

Über die Jahrzehnte kam neben zahlreichen Tests viel gekaufter und gängiger Produkte auch manch heute skurril wirkender Test zustande. 1974 wurden Schreckschusswaffen als Mittel gegen „Gauner und Ganoven“ getestet – bis auf eine fielen alle durch. 1984 prüften die Tester professionelle Ehevermittler. Eine Testerin inserierte für einen „soliden, ehrlichen Nichtraucher“ – und bekam Dates mit Alkoholikern, Rauchern und sogar Ehemännern vermittelt.

Dass heute Singlebörsen in unzähligen Internetforen bewertet werden, Fernseher und Fotoapparate im Internet kostenlos zugängliche Verbrauchertests bekommen, beunruhigt die Stiftung Warentest laut Sprecherin Heike van Laak nicht. Dies sei keine Konkurrenz, sondern eine „gute Ergänzung“ zu den Warentests – ersetzen könne es einen im Labor gemachten, komplexen Test aber nicht.

Doch nach der Kritik des Landgerichts München am Test der Ritter-Sport-Schokolade will sich die Stiftung Warentest modernisieren. „Wir sind vielleicht noch nicht transparent genug“, sagt van Laak. In Zukunft sollten die Leser der Tests noch mehr Informationen bekommen, wie die Stiftung zu einer Bewertung gekommen ist.

Foto: Die erste Ausgabe des test-Heftes erscheint am 26. März 1966. Die ersten beiden Tests sind die von Nähmaschinen und Handrührgeräten.

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