Nachrichten

Das CSR-Engagement der Wirtschaft sichtbar machen: Interview mit NRW-Staatssekretär Günther Horzetzky

Industrie und Mittelstand, Ballungsgebiete und Hinterland, Landwirtschaft und Kohleförderung: die Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen deckt einen weiten Spannungsbogen ab. Mit dem Staatssekretär im Düsseldorfer Wirtschaftsministerium, Günther Horzetzky, sprach CSR MAGAZIN darüber, welche Rolle CSR dabei spielt. Für Horzetzky ist CSR kein neues Thema; er gestaltete den Start der CSR-Strategie der Bundesregierung als Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium mit. Das Gespräch führte Achim Halfmann.

Düsseldorf (csr-news) – Industrie und Mittelstand, Ballungsgebiete und Hinterland, Landwirtschaft und Kohleförderung: die Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen deckt einen weiten Spannungsbogen ab. Mit dem Staatssekretär im Düsseldorfer Wirtschaftsministerium, Günther Horzetzky, sprach CSR MAGAZIN darüber, welche Rolle CSR dabei spielt. Für Horzetzky ist CSR kein neues Thema; er gestaltete den Start der CSR-Strategie der Bundesregierung als Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium mit. Das Gespräch führte Achim Halfmann.

CSR MAGAZIN: Eine Förderung von CSR haben die Regierungsparteien in Nordrhein-Westfalen bereits in ihrem Koalitionsvertrag verankert. Welche Themenfelder sind Ihnen dabei besonders wichtig?

Dr. Günther Horzetzky: In unserem Land wird die ganze Bandbreite von CSR-Themen abgebildet und es hängt von den Unternehmen ab, welche Themen sie für sich prioritär aufgreifen. Unser Job ist es, das sichtbar zu machen und andere zur Nachahmung anzuregen. Gerade im Bereich Energie- und Ressourceneffizienz liegt der Nutzen – die Kostenersparnis – auf der Hand. Deshalb machen die Unternehmen das von sich aus. Auch der Fachkräftenachwuchs ist für viele ein Oberthema. Akut ist der Fachkräftemangel in den Unternehmen noch nicht angekommen. Perspektivisch wird es aber gerade für Unternehmen in ländlichen Regionen immer schwieriger, Fachkräfte zu gewinnen. Da müssen die Firmen gegenüber Wettbewerbern etwas Besonderes, einen Mehrwert anbieten und CSR kann ein solcher Mehrwert sein.

Mittelständler nehmen häufig für sich in Anspruch, per se nachhaltig zu handeln. Konzerne verweisen auf ihre CSR-Berichte. Wie sehen Sie die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch die Unternehmen in NRW?

Sehr viele Merkmale von kleinen und mittleren Unternehmen decken sich mit Aspekten von CSR. Der „ehrbare Kaufmann“ gehört zum Selbstverständnis des Mittelstands. Kleine und mittlere Unternehmen kümmern sich um ihre Beschäftigten, um die Kunden und um die Standorte, an denen sie tätig sind. Große Unternehmen stehen dagegen eher mit Compliance-Themen im Blickpunkt der Öffentlichkeit und der Anteilseigner. Sie arbeiten sehr strukturiert daran, alle gesetzlichen und betriebsinternen Regeln zu befolgen. Die meisten großen Unternehmen produzieren dazu Hochglanzbroschüren, die CSR-Berichte. Sie zeigen den Fortschritt im Bereich CSR; vieles in diesen Berichten ist Beleg für die Arbeit an diesen Themen aus Überzeugung.

Mittelständler erstellen solche Berichte nicht. Sie spüren aber, dass sie sich – etwa im Blick auf das Anwerben neuer Fachkräfte – anders darstellen müssen als nur über den von ihnen gezahlten Tariflohn. Für Mittelständler ist zugleich das Ansehen ihres Unternehmens vor Ort ein ganz wichtiger Aspekt. Beispielsweise im Konsumgüterbereich: Man geht lieber zu einem Bäcker, der ein gutes Image hat, als zu jemandem anderen.

Nun ist auch die öffentliche Hand Arbeitgeber. Sollten Unternehmen mit staatlichen Anteilseignern Vorbild in Sachen CSR sein – und sind sie es auch?

Die Unternehmen der öffentlichen Hand müssen sich denselben Ansprüchen stellen wie alle anderen Unternehmen. Da gilt es, dass öffentliche Anteilseigner dazu ihre Einflussmöglichkeiten ausschöpfen. Es gibt aber gewisse Grenzen und man kann nicht alle Unternehmen über einen Kamm scheren. Wir erleben das gerade in der Debatte um die Energiepolitik: Unternehmen, die für die Daseinsvorsorge in den Kommunen zuständig sind, unterliegen einem politischen Einfluss. Wenn Parlamente beschließen, mehr Einnahmen für den Stadtsäckel zu generieren, dann bleibt einem öffentlichen Unternehmen weniger Freiheit, etwa Sozialleistungen für die Mitarbeiter zu finanzierten. Im Grundsatz aber müssen sich die Unternehmen der öffentlichen Hand denselben CSR-Kriterien stellen wie andere Unternehmen.

Wie kann eine Landesregierung CSR in Unternehmen fördern? Durch gesetzliche Vorgaben oder durch andere Anreize?

Als nordrhein-westfälische Landesregierung haben wir uns gemeinsam mit anderen Landesregierungen an der Konsultation der EU zur nicht-finanziellen Berichterstattung beteiligt. In unserer Stellungnahme wird das Kriterium der Freiwilligkeit herausgestellt. Dahinter steckt die Idee: Wir müssen nur das regulieren, was allgemein beachtet werden soll. Ich denke etwa an den Arbeitsschutz. Das kann man nicht auf die Freiwilligkeit der Arbeitgeber schieben, sondern man muss es vorschreiben und mit Sanktionen versehen.

Bei CSR geht es aber um das freiwilligen Engagement über gesetzliche Vorgaben hinaus: Was macht das Unternehmen freiwillig, um seine gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen? Die Normierung von CSR führt nicht weiter. Wir würden lediglich eine Zertifikate-Industrie schaffen und die Unternehmen würden sich dann nur noch nach den engen Kriterien dieser Zertifikate ausrichten. Stattdessen sollten sie darüber nachzudenken, wie sie ansonsten im Kerngeschäft verantwortlich handeln können. Die Möglichkeit, sich für ein bestimmtes verantwortliches, nachhaltiges Verhalten selbst entscheiden zu können, möchte ich den Unternehmen weiterhin sichern.

Bei CSR geht es zudem um die Wahrung von Menschenrechten in weltweiten Lieferketten – die sich mit nationalen Gesetzen nicht sichern lässt.

Auch da denke ich, dass Unternehmen für sich selber entscheiden müssen, wo sie sich engagieren und in welchem Umfang. Ich erzähle gerne das Beispiel einer ILO-Norm für Plantagenarbeiter, um die wir in Genf gerungen und zu der wir eine schöne Konvention entwickelt haben. Die Norm ist auch in fast allen Ländern mit Plantagen ratifiziert worden, aber die Umsetzung tendierte gegen Null. Das können wir in Deutschland auf nationaler Ebene kaum ändern. Aber eine öffentliche Debatte darüber, dass zum Beispiel in der Lieferkette von Tee Arbeitsrechte eingehalten werden müssen, wenn ein Produkt hier verkauft wird, die bewirkt tatsächlich Veränderungen. Mit der Debatte über Normen und Standards und durch unser Kauf- und Nachfrageverhalten üben wir Druck auf Unternehmen aus und können dadurch das Verhalten von Menschen auf anderen Erdteilen ändern. Deshalb liegt eine große Chance von CSR darin, dass sich Unternehmen – über gesetzliche Regeln hinaus und mit dem Blick auf solche Debatten – für das Wohl von Menschen in der Lieferkette engagieren.

Wie fördert Ihre Regierung CSR konkret?

In der vergangenen Förderperiode konnten wir etwa 20 CSR-Projekte unterstützen, insbesondere aus Bundesmitteln. Unser wichtigster Job dabei ist, sichtbar zu machen, was die Wirtschaft im Sinne von CSR leistet. Daneben haben wir uns darum bemüht, mit den Hochschulen ins Gespräch zu kommen. Wir haben die wirtschaftswissenschaftlichen Fachbereiche angeschrieben, nach Düsseldorf eingeladen und sie gefragt: Was bietet ihr den Absolventen eurer Studiengänge als CSR-Rüstzeug an? Inzwischen gibt es eine Vielzahl von CSR-Angeboten in Forschung und Lehre. Mit den Hochschulen sind wir nach wie vor im Gespräch, auch zu der Frage, was die Hochschulen den Unternehmen anbieten können. Der CSR-Hochschulkreis trägt zudem zur Vernetzung und Kooperation der an CSR interessierten Professoren an den Hochschulen bei.

Voraussichtlich werden wir im nächsten Jahr fünf regionale CSR-Kompetenzzentren in Nordrhein-Westfalen gründen. Die Ausschreibung ist Ende Oktober erfolgt. Wir erhoffen uns von den Organisationen der Wirtschaft bzw. von Trägernetzwerken, zu denen auch Hochschulen gehören können, Vorschläge, wie sie CSR in der jeweiligen Region voranbringen wollen. Das werden wir aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) unterstützen. Das ist erneut ein Angebot: Sagt uns bitte, was ihr vor Ort machen wollt – und wir helfen euch bei dem, was ihr euch ausdenkt. Wir werden nicht vorschreiben, wie CSR in einer Region aussehen soll.

Welchen Beitrag kann CSR für die Zukunft des Wirtschaftsstandorts NRW leisten?

Einer meiner perspektivischen Wünsche wäre: Nordrhein-Westfalen ist die Heimat von sozial verantwortlich agierenden Unternehmen. Die Unternehmer leben das selber und wir als Regierung machen es sichtbar.

In einigen für unser Land wichtigen Branchen führen wir etwas intensivere Gespräche und moderieren zwischen Unternehmern, Arbeitnehmervertretern und Wissenschaftlern. Beim Import von Steinkohle sind wir mit hiesigen Unternehmen im Gespräch, um herauszufinden: Was tun die Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette, um die Einhaltung von ILO-Arbeitsnormen und die Einhaltung von Umweltstandards sicherzustellen? Dieser Dialogprozess ist nicht formalisiert, das Thema wird in informellen Runden vorangebracht. Bei Initiativen wie etwa Better Coal fragen wir danach, warum einzelne Unternehmen vor Ort sich nicht beteiligen. Ich habe drei Konzerne in Kolumbien vor Augen, von denen sich zwei auf die Einhaltung der internationalen Standards festlegen. Wenn der dritte Konzern sich diesen nicht anschließt, müssen wir mit unseren hiesigen Importeuren sprechen, ob sie von diesem Unternehmen weiterhin Steinkohle beziehen wollen. Im September fand in Kolumbien eine Konferenz zu den Arbeitsstandards in der Kohleförderung statt, an der ein Mitarbeiter unseres Hauses teilgenommen hat. Wir wollen wissen, was da aus Kolumbien zu uns nach Nordrhein-Westfalen kommt. Bei dieser Konferenz saßen erstmals auch die kolumbianischen Ministerien mit am Tisch; denn bei CSR muss auch die Politik ein Partner sein und mit auf die Einhaltung von internationalen Standards dringen.

CSR wollen Unternehmen verstärkt gemeinsam mit Partnern wahrnehmen. Wie sehen Sie die Bedeutung solcher Verantwortungsnetzwerke?

Unternehmen kooperieren mit der Zivilgesellschaft sowohl im eigenen wie auch im gesellschaftlichen Interesse. Ich denke an eine Veranstaltung mit jungen Akademikern und Vertretern von Dax-Konzernen, die sich intensiv über das Thema CSR ausgetauscht haben. Was mich wirklich überrascht hat: Das waren alles BWL-Studenten, die früher im Anzug herumliefen und Dollar-Zeichen im Auge hatten, und die sich heute über ganz andere Dinge unterhalten haben. Die Studenten wollten wissen, wie sich die Dax-Unternehmen gegenüber ihren Kunden und Importeuren verhalten, das war eine hoch spannende Diskussion. Unternehmen ist heute bewusst: Sie bekommen keine guten Manager, wenn sie solche Verantwortungsfragen nicht beantworten können. Da gibt es Kooperationen zwischen Hochschulen, den Personalchefs der Unternehmen, den Compliance-Verantwortlichen und anderen. Aber die Unternehmen nehmen auch gemeinsam mit anderen in den Regionen Verantwortung etwa für Bildung wahr, weil sie gemeinsam mehr bewegen können. Das ist sehr positiv zu bewerten.

Ist CSR ein Modethema?

Wenn man sich die Mega-Trends der Welt anschaut – Ressourcen-Mangel, Umweltbelastungen, Menschenrechtsfragen – bin ich ganz sicher: Diese Verantwortungsthemen werden auch in zehn Jahren ganz oben auf der Agenda stehen. Ob diese Diskussion dann noch unter dem Label CSR laufen wird, dazu wage ich keine Prognose. Aber dass sich die Gesellschaft weiter mit diesen Fragen auseinandersetzen wird, davon bin ich überzeugt.

Eine letzte Frage: Lesen Sie CSR-Berichte?

CSR-Berichte haben eine wichtige Funktion für die Unternehmen, weil sie ihnen verlässliche Kennzahlen geben. Nach außen brauchen wir zusätzliche Informationsinstrumente. Wenn CSR-Berichte auf meinen Schreibtisch kommen, schaue mir das eine oder andere Kapitel etwas näher an, etwa Informationen zu Compliance-Regelungen und zur Einbeziehung des Betriebsrats. Aber ich weiß auch: Diese Berichte sind nicht nur vom Management geschrieben, sondern da war meistens eine PR-Agentur eingeschaltet, die ein Unternehmen optisch und sprachlich in besonderer Weise darstellen kann. Diese Brille muss man beim Lesen von Nachhaltigkeitsberichten aufhaben.

Herzlichen Dank für das Gespräch!