Nachrichten

Stickstoff – Ein drängendes ungelöstes Umweltproblem

Die Belastung der Umwelt mit reaktivem Stickstoff ist ein vielfach unterschätztes Problem und es gehört zu den großen ungelösten Umweltprobleme unserer Zeit. „Die Politik muss dieses bedeutende Umweltproblem entschiedener als bisher angehen“, sagte . Karin Holm-Müller, die stellvertretende Vorsitzende des Umweltrats. Sie übergab in dieser Woche ein Sondergutachten mit Lösungsstrategien an Bundesumweltministerin Barbara Hendricks.

Berlin (csr-news) > Die Belastung der Umwelt mit reaktivem Stickstoff ist ein vielfach unterschätztes Problem und es gehört zu den großen ungelösten Umweltprobleme unserer Zeit. „Die Politik muss dieses bedeutende Umweltproblem entschiedener als bisher angehen“, sagte . Karin Holm-Müller, die stellvertretende Vorsitzende des Umweltrats. Sie übergab in dieser Woche ein Sondergutachten mit Lösungsstrategien an Bundesumweltministerin Barbara Hendricks.

Der zu hohe Eintrag von reaktiven Stickstoffverbindungen in die Umwelt gefährdet die menschliche Gesundheit, die Gewässer, die Biodiversität und das Klima. Deshalb sei eine Stickstoffstrategie nötig, forderte Holm-Müller. Das Problem, auf der einen Seite ist Stickstoff ein unentbehrlicher Nährstoff für alle Lebewesen, auf der anderen Seite belasten Überschüsse die Ökosysteme, das Klima und auch die Biodiversität. Zum Beispiel beeinträchtigt die verminderte Vielfalt blühender Pflanzen auf Wiesen und Äckern die Ernährungsgrundlage von Bestäubern wie Bienen. Die Überdüngung der Meere führt zu verstärkter Algenbildung. Sichtbare Folge ist die Schaumbildung an den Stränden der Ost- und Nordsee. Zu hohe Stickstoffoxidkonzentrationen in der Luft gefährden die menschliche Gesundheit, Lachgasemissionen tragen zum Klimawandel bei. Und, wegen zu hoher Konzentrationen von reaktiven Stickstoffverbindungen in Luft und Gewässern verfehlt Deutschland vielfach die Vorgaben der europäischen Umweltpolitik.

Stickstoffkaskade

Stickstoff_kaskade

Quelle: UBA-Report „Reaktiver Stickstoff in Deutschland – Ursachen, Wirkungen, Maßnahmen“

„Der Mensch greift drastisch in den natürlichen Stickstoffkreislauf ein, insbesondere seit vor etwa einhundert Jahren ein industrielles Verfahren zur Herstellung von Düngemitteln entwickelt wurde“, heißt es im Sondergutachten. So hat sich seit Beginn der Industrialisierung die Freisetzung von reaktiven Stickstoffverbindungen fast verzehnfacht. Die wichtigsten Ursachen sind die Düngung in der Landwirtschaft, Massentierhaltung und Verbrennungsprozesse. Für Deutschland bedeutet dies beispielsweise teilweise stark beeinträchtigte Ökosysteme. 27 Prozent des Grundwassers befinden sich aufgrund einer zu hohen Nitratkonzentration in schlechtem chemischen Zustand, 48 Prozent der natürlichen und naturnahen Ökosysteme an Land sind von Eutrophierung, also einer in diesem Fall nicht gewünschten Nährstoffanreicherung betroffen. Und an etwa 70 Prozent der innerstädtischen, stark durch den Verkehr beeinflussten Messstationen wird der Langzeitgrenzwert für Stickstoffdioxid in der Luft von 40 μg/m3 überschritten. „Eine umweltpolitische Vorreiterrolle sieht anders aus“, so Prof. Heidi Foth, Mitglied des Umweltrats. Die Experten im Umweltrat gehen davon aus, dass mindestens eine Halbierung der Stickstoffeinträge in Deutschland und der EU notwendig wäre, um nationale und internationale Qualitätsziele zu erreichen. Um dem Thema ein angemessenes politisches Gewicht und eine deutlich höhere Aufmerksamkeit zu verleihen, empfiehlt der Umweltrat eine, gemeinsam von Bund und Ländern entwickelte, Stickstoffstrategie. Mehr als 40 konkrete Handlungsvorschläge haben die Ratsmitglieder in ihrem Sondergutachten aufgeführt. So schlagen sie eine Novellierung der Düngeverordnung vor, die die Ausbringung von Gülle oder Gärresten regeln soll. Denkbar wäre auch die Einführung einer Umweltabgabe auf Stickstoffüberschüsse aus der Landwirtschaft als Ergänzung zu ordnungsrechtlichen Vorgaben. Aber auch Europa muss mitziehen und darf die ursprünglich vorgeschlagenen strengeren Reduktionsziele für Ammoniak und Stickstoffoxide für 2030 nicht aufgeben. Letztlich ist aber auch der Verbraucher gefordert. So heißt es im Gutachten: „Die Einträge reaktiver Stickstoffverbindungen sind inzwischen so hoch, dass globale Tragfähigkeitsgrenzen überschritten werden. Eine effektive Reduktionspolitik wird über Effizienzmaßnahmen hinausgehen und auch unsere Lebensgewohnheiten ansprechen müssen, zum Beispiel bei der Ernährung“. Weil Konsummuster jedoch schwer zu beeinflussen sind, empfiehlt der Umweltrat eine Kombination von zielgruppenspezifischer Information und ökonomischen Instrumenten, die dafür sorgen, dass die Umweltkosten sich stärker im Preis von tierischen Produkten spiegeln. Soll heißen, das beispielsweise der reduzierte Mehrwertsteuersatz für Fleisch, Eier und Milchprodukte abgeschafft werden müsste.

Kritik gab es vom Deutschen Bauernverband. Deren Generalsekretär Bernhard Krüsken: „Zur Verringerung von Stickstoffeinträgen in die Luft, den Boden oder das Wasser existiert bereits eine Vielzahl von Regelungen und Instrumenten auf nationaler und europäischer Ebene. Damit hat eine weitere zusätzliche Stickstoff-Strategie keinen echten Mehrwert“. Gerade die Landwirtschaft hätte bereits einen erheblichen Beitrag geleistet, wie etwa die seit 1990 erfolgte Senkung der Ammoniak-Emissionen um 23 Prozent und die Reduktion der Nährstoffbilanz-Überschüsse um rund 30 Prozent seit den 80er Jahren. Zudem sei absehbar, dass die derzeit laufende Novelle der Düngeverordnung weitere scharfe Restriktionen bei der Düngung mit sich bringen werde, betonte Krüsken. Der DBV kritisiert zudem scharf die Vorschläge zur Steuerung des Lebensmittelkonsums der Verbraucher durch Mehrwertsteuererhöhungen für Milchprodukte, Eier und Fleisch. „Eine Veggie-Debatte 2.0 ist überflüssig“, kritisierte Krüsken die Vorschläge des Sachverständigenrates für Umweltfragen. „Eine pauschale Dämonisierung der Stickstoffdüngung sei nicht hilfreich. Es bestehe Einigkeit, dass Stickstoff als Düngemittel einen essenziellen Beitrag zur Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung gewährleiste“, betonte Krüsken. So schätze beispielsweise das Umweltbundesamt, dass heute fast die Hälfte der Weltbevölkerung ihre Ernährungsgrundlage dem Einsatz von mineralischem Stickstoffdünger verdanken. Etwa 30 bis 50 Prozent der landwirtschaftlichen Erträge sind auf die Nutzung mineralischer Dünger zurückzuführen. Zudem müssten Antworten auf bestehende Zielkonflikte geliefert werden, beispielsweise zwischen dem Emissionsschutz und dem Tierschutz bei der Freilandhaltung oder dem Emissionsschutz und der Forderung nach Kreislaufwirtschaft mit Wirtschaftsdüngern. Eine entsprechende Umweltabgabe hält der Bauernverband für ungeeignet.

Die Deutsche Umwelthilfe begrüßte dagegen die nationale Stickstoffstrategie des Sachverständigenrats für Umweltfragen und forderte von der Regierung Maßnahmen für den Agrar- und Verkehrssektor. Auch müssten die Verursacher der Stickstoffbelastung mehr zur Verantwortung gezogen werden. „Die Empfehlung des SRU, die verpflichtenden Maßnahmen weiter auszubauen, ist absolut richtig. Darüber hinaus brauchen wir jedoch dringend eine Abgabe, die am Stickstoffüberschuss des individuellen Betriebs ansetzt,“ so DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner. Ein solches ökonomisches Instrument schaffe über ordnungsrechtliche Vorgaben hinaus Anreize, die Gesamtemissionen zu senken. Gleichzeitig könnten die Einnahmen zu großen Teilen in den landwirtschaftlichen Sektor zurückfließen. Auch beim Verband kommunaler Unternehmen (VKU) gab es Zustimmung zu den Forderungen des Umweltrats. „Der VKU sieht sich durch die wissenschaftlichen Ausführungen der Gutachter einmal mehr bestätigt und fordert bei der laufenden Novelle der Düngeverordnung eine Nachschärfung im Sinne des Trinkwasserschutzes“, heißt es in einer Stellungnahme des Verbandes. Und was sagte die Ministerin? Hendricks: „Der Umweltrat bestätigt, dass wir im Düngerecht in die richtige Richtung gehen. Der Rat zeigt aber gleichzeitig auf, dass wir noch mehr tun können und noch mehr tun müssen.“ Mit dem SRU-Gutachten und dem kürzlich vom Umweltbundesamt (UBA) veröffentlichten Positionspapier „Reaktiver Stickstoff in Deutschland“ habe die Bundesregierung nun eine hervorragende, wissenschaftlich fundierte Grundlage, um dieses in der Tat „drängende Umweltproblem“ in den Griff zu bekommen“.

Überschreitung kritischer Belastungsgrenzen für Eutrophierung

Stickstoff

Quelle: Das Sondergutachten „Stickstoff – Lösungsstrategien für ein drängendes Umweltproblem“

 

 

Zum Download:

Das Sondergutachten „Stickstoff – Lösungsstrategien für ein drängendes Umweltproblem“

UBA-Report „Reaktiver Stickstoff in Deutschland – Ursachen, Wirkungen, Maßnahmen“