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Naturtextilwirtschaft – Ende des Nischendaseins

Berlin (csr-news) > Innerhalb der Textil- und Bekleidungsindustrie entwickeln sich vor allem die Hersteller von Naturtextilien überdurchschnittlich. Das war nicht immer so, in den 1970er bis hinein in die 80er Jahre bestand die Branche hauptsächlich aus wenigen aber überzeugten Pionieren. Erstmalig hat der Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) Zahlen für die vergangenen 15 Jahre vorgelegt, an denen sich die Entwicklung nachhaltiger Textilien ablesen lässt.

Die Umsätze sind in dieser Zeit durchschnittlich um etwa fünf Prozent pro Jahr gestiegen, in einzelnen Jahren wurden auch zweistellige Zuwachsraten erreicht. „Die Zahlen belegen, dass es sich lohnt, Textilien und Lederwaren umweltfreundlich und sozialverträglich herzustellen“, so IVN-Vorstand Jürgen Schweikradt um eines Pressegesprächs auf der Ethical Fashion Show in Berlin. Angefangen hat der IVN im Jahr 1999 mit 12 Unternehmen, allesamt Mitglieder im Arbeitskreis Naturtextil, der damit auch als Vorgänger des IVN gilt. Inzwischen gehören dem Verband 120 Unternehmen an und auch dies ist ein Zeichen für die Entwicklung dieser Branche. Die Gründe sind vielfältig und sind einerseits auf Veränderungen innerhalb der Branche zurückzuführen, vielmehr aber auf Marktereignisse. „In der Branche für nachhaltige Textilien hat sich ein Wandel vollzogen“, sagt IVN-Geschäftsstellenleiterin Heike Scheuer. Neue Gesetze wie die EU-Öko-Verordnung, die Chemikalienverordnung REACH oder das Sicherheitsabkommen Accord zwingen die Hersteller, auch die von Naturtextilien, zum Handeln. Gleichzeitig wird durch immer neue Skandale und Kampagnen sowie NGOs der Druck auf die Branche größer. Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt im Bekleidungssektor zunehmend an Bedeutung nicht zuletzt durch den Einstieg großer Textilketten und die Sportartikelindustrie. Da die immer größer werdende Anzahl nachhaltig produzierter Produkte eher Verwirrung stiftet, sollten Nachhaltigkeitssiegel für Orientierung sorgen. 120 verschiedene Siegel von mehr als 100 Standardgebern kennzeichnen heute ökologischer und sozialverträglicher hergestellte Mode. Scheurer: „Auch wenn die Vielzahl an Standards zur Verwirrung beim Verbraucher führt, so trägt sie doch dazu bei, dass das Thema Nachhaltigkeit für Bekleidung mehr und mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit findet“.

IVN

Spannend ist nun die Frage, wie sich der Markt für nachhaltige Textilien in den kommenden Jahren entwickeln wird. Der IVN sieht gute Chancen, dass Naturtextilien zu einem Massenmarkt werden können auch wenn sie einen hohen Anspruch an Umwelt- und Sozialstandards erfüllen. „Wenn Hersteller in der Lage sind innovative Produkte anzubieten, die sowohl beim Preis als auch bei modischen Aspekten mit konventionellen Produkten konkurrieren können, wird es gelingen aus der Nische vollständig herauszutreten“, so Scheurer. „Das diese Bedingungen erfüllbar sind, beweisen bereits heute weltweit zahlreiche Unternehmen, die bereits GOTS zertifiziert sind oder zum großen Teil nachhaltig wirtschaften“. Allerdings räumt der Verband ein, dass es nicht ohne Hindernisse gehen wird, dafür ist die Wertschöpfungskette bei Textilien zu lang, weit verzweigt und internationalisiert. Eine Rückverfolgbarkeit bis zum Rohstoff ist somit schwierig, sie ist aber zugleich Voraussetzung dafür, dass ein Unternehmen sicher sein kann, saubere Produkte herzustellen. „Es kann sicher nicht die Rede davon sein, dass die Ausbeutung von Menschen für die Herstellung von Bekleidung bald ein Ende haben wird“, so Scheurer. Denn, „auch wenn es spürbare Veränderungen gibt, so zieht der textile Wanderzirkus immer weiter“. Weitere Herausforderungen sieht der IVN einerseits in der globalen Flächenknappheit und andererseits in der Endlichkeit des nichterneuerbaren Rohstoffs für Synthetikfasern. Zudem wird textiler Müll ein immer größeres Thema werden. Berge an textilem Sondermüll sind zu bewältigen, aber auch Abfälle die während der Produktion entstehen oder Kleinstpartikel von Synthetikfasern die ins Abwasser gelangen, werden nach Einschätzung des IVN zukünftig große Probleme bereiten. Die Zeichen für den nachhaltigen Modemarkt stehen also gut. Der IVN rechnet deshalb mit weiter steigenden Umsatzzahlen und einem Zugewinn an Marktanteilen. „Die Ereignisse der vergangenen 15 Jahre und nach unserer Einschätzung der bevorstehenden Entwicklung stimmen uns optimistisch. Sie zeigen, dass die nachhaltige Modebranche in den kommenden Jahren große Wachstumspotenziale hat. Gleichzeitig werden Politik, Wirtschaft, Verbände und Institutionen vor hochkomplexe Aufgaben gestellt“, so das Fazit von Jürgen Schweikardt. Vor allem für die Hersteller sieht der IVN Veränderungen. War bisher eher der Handel involviert wenn es um Verantwortung ging, so sorgt der, sicher auch in Zukunft steigende, öffentliche Druck dafür, dass sich auch Hersteller und Marken intensiver und transparenter mit ihrer Wertschöpfungskette beschäftigen müssen.

 

 

 

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