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Fehlende Transparenz – Hochschulen erhalten immer mehr Drittmittel aus der Wirtschaft

An deutschen Hochschulen kommt es zu immer stärkeren Verflechtungen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Von den rund 6,7 Milliarden Euro, die Hochschulen 2012 an Drittmitteln eingeworben haben, stammen gut 20 Prozent aus der Wirtschaft. Mehr als 1,3 Milliarden Euro fließen so aus der gewerblichen Wirtschaft jedes Jahr an deutsche Hochschulen – doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Ein Problem ist die fehlende Transparenz. Nach zweijähriger Tätigkeit hat das Internetportal Hochschulwatch heute Bilanz gezogen.

Berlin (csr-news) > An deutschen Hochschulen kommt es zu immer stärkeren Verflechtungen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Von den rund 6,7 Milliarden Euro, die Hochschulen 2012 an Drittmitteln eingeworben haben, stammen gut 20 Prozent aus der Wirtschaft. Mehr als 1,3 Milliarden Euro fließen so aus der gewerblichen Wirtschaft jedes Jahr an deutsche Hochschulen – doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Ein Problem ist die fehlende Transparenz. Nach zweijähriger Tätigkeit hat das Internetportal Hochschulwatch heute Bilanz gezogen.

Mehr als 10.000 Verbindungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft hat Hochschulwatch in den vergangenen zwei Jahren zusammengetragen. Darunter alleine mehr als 900 Stiftungsprofessuren, sowie Daten zu allen Unternehmen, die über ihre Vertretung in Hochschulräten über Hochschulpolitik mitentscheiden. An der Hochschule Kempten sitzen beispielsweise sieben Vertreter von Unternehmen im Hochschulrat, die gleichzeitig auch den Namen eines Hörsaals gesponsert haben. Drittmittelverträge von Hochschulen mit Förderern aus der Wirtschaft müssen in der Regel in Deutschland nicht veröffentlicht werden. Dass es auch anders geht, zeigt das geplante Transparenzgesetz in Rheinland-Pfalz. Dortige Hochschulen müssen laut Gesetzentwurf bald Informationen über Drittmittelgeber offenlegen. Die Transparenz von Sponsoringverträgen mit Hochschulen ist in nur fünf Bundesländern sichergestellt. Beispielsweise in Niedersachsen sind Hochschulen neuerdings verpflichtet, fortlaufend Sponsoringberichte zu veröffentlichen. Hochschulwatch hat sich diese fehlende Transparenz zur Aufgabe gemacht. Zu den Initiatoren gehören Transparency International, die taz und die bundesweite Studierendenvertretung fzs (freier Zusammenschluss von StudentInnenschaften). Anna Lehmann, Bildungsredakteurin der taz: „Die Zahl der Stiftungsprofessuren hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Für Unternehmen sind sie ein beliebtes Mittel, um Einfluss zu nehmen, auf welchen Gebieten geforscht wird“. Als Beispiel führt sie die Fachhochschule Flensburg an, die beispielsweise mit dem Verband der norddeutschen Wirtschaft einen Vertrag über die Einrichtung einer Stiftungsprofessur für Windenergie geschlossen hat. „Der dazugehörige 16köpfige Beirat, der über das von den Stiftern zur Verfügung gestellte Geld entscheidet, wird allerdings von den Stiftern und weiteren Branchenvertretern dominiert, die Fachhochschule stellt selbst nur eine Vertreterin. Ein klares Indiz dafür, dass die Freiheit von Forschung und Lehre durch wirtschaftsgeleitete Interessen gefährdet ist“, so Lehmann. Mit Auswirkungen auch auf den Lehrbetrieb. Isabella Albert, fzs: „Hochschulen werden immer weiter zu Produzenten von Arbeitskräften degradiert. Ein Studium ist keine Berufsausbildung und kann in keinem Fall nur die Interessen eines bestimmten Unternehmens bedienen. Die Drittmittel an unseren Hochschulen führen aber genau dazu.“ Es sei also notwendig, die Hochschulen zur Transparenz zu zwingen. Edda Müller, Vorsitzende von Transparency Deutschland: „Wir fordern eine Veröffentlichungspflicht aller Kooperationsverträge zwischen Wirtschaft und Wissenschaft sowie regelmäßige Sponsoringberichte aller Hochschulen“.

hochschulwatch

Screenshot Hochschulwatch

Die Website Hochschulwatch bietet einen detaillierten Einblick in die Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, ergänzt um Informationen über gesetzliche Maßnahmen in den einzelnen Bundesländern. So wird über die Auswahl Hochschule angezeigt, wie hoch die eingeworbenen Drittmittel sind, woher sie stammen und welche Stiftungslehrstühle es gibt. Es ist aber auch möglich, sich direkt die Verbindungen von 4.780 Unternehmen, Stiftungen oder privaten Förderern anzeigen zu lassen. Einige interessante Beispiele mit besonders vielen Verbindungen sind nach Angaben von Hochschulwatch: Bayer, Volkswagen, Siemens, Vattenfall, Bosch, Continental und PricewaterhouseCoopers.