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Cocoa Barometer 2015 – Bestehende Nachhaltigkeitsinitiativen reichen nicht

Der Marktanteil zertifizierten Kakaos ist in den vergangenen fünf Jahren von 2 Prozent auf 16 Prozent gestiegen. Das ist die erfreuliche Nachricht des aktuellen Cacao Barometers. Dieses wird alle zwei Jahre von einem Netzwerk europäischer NGOs herausgegeben und bilanziert die Entwicklungen der bestehenden Nachhaltigkeitsinitiativen. Ein weiteres Ergebnis ist, dass sich für die Kakaobauern nur wenig geändert hat, sie können immer noch nicht von ihrer Arbeit leben.

Bonn (csr-news) > Der Marktanteil zertifizierten Kakaos ist in den vergangenen fünf Jahren von 2 Prozent auf 16 Prozent gestiegen. Das ist die erfreuliche Nachricht des aktuellen Cacao Barometers. Dieses wird alle zwei Jahre von einem Netzwerk europäischer NGOs herausgegeben und bilanziert die Entwicklungen der bestehenden Nachhaltigkeitsinitiativen. Ein weiteres Ergebnis ist, dass sich für die Kakaobauern nur wenig geändert hat, sie können immer noch nicht von ihrer Arbeit leben.

Ein großer Teil der westafrikanischen Kakaobauern lebt unterhalb der offiziellen UNO-Armutsgrenze. „In der Elfenbeinküste müssten die Einkommen vieler Familien etwa vervierfacht werden, damit deren Tageseinkommen auf umgerechnet 2 US-Dollar pro Kopf angehoben wird und sie oberhalb der international definierten Armutsgrenze leben können“, sagt Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut und Mitautor der Studie. Mit Folgen für die Arbeitsbedingungen, denn durch die niedrigen Einkommen sind diese oftmals inakzeptabel. Verstöße gegen die Menschenrechte gehören dann genauso dazu wie Kinderarbeit, aber auch zahlreiche andere Probleme entlang der Wertschöpfungskette. So verlassen die jungen Bauern oftmals die Farmen und suchen sich andere Einnahmequellen, für sie ist der Anbau von Kakao nicht mehr attraktiv. Das Problem verschärft sich noch, weil die Betreiber der Farmen oftmals schon sehr alt sind und ihre Plantagen nicht mehr lange bewirtschaften können.

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Quelle: Cocoa-Barometer 2015

Einer der Hauptgründe für die Verarmung der Kakaobauern ist laut Cocoa-Barometer 2015 die äußerst unfaire Verteilung der Wertschöpfung und Marktmacht im Schokoladensektor. Fusionen und Übernahmen haben dazu geführt, dass heute ein paar wenige Großkonzerne bis zu 80 Prozent der Wertschöpfungskette kontrollieren. Schokoladenproduzenten (wie Nestlé, Mars, Ferrero und Mondelez), Kakaoverarbeiter (wie Barry Callebaut und Cargill) und Einzelhändler teilen sich den Kuchen auf. Die rund 5,5 Millionen ungenügend organisierten Kleinbauern stehen dieser Entwicklung eher machtlos gegenüber. Freiwillige Firmeninitiativen ändern wenig an diesem für die Betroffenen, aber auch für die Branche zerstörerischen Missstand, heißt es im Cocoa-Barometer 2015. Deshalb fordern die Herausgeber des Barometers, zehn europäischen NGOs und Gewerkschaften, darunter Oxfam, das Südwind-Institut oder die Erklärung von Bern, eine fundamentale Reform des Sektors.“Trotz aller Bemühungen im Kakaosektor wird das Kernproblem nicht angegangen: Die extreme Armut der Kakaoanbauenden und ihre fehlende Stimme in den Debatten über Wege zu einem nachhaltigen Kakaosektor”, sagt Antonie Fountain, Mitautor des Cocoa Barometers.

Um die Zusammenhänge darzulegen, konzentriert sich das Cocoa Barometer aber nicht nur auf eine Analyse der Verteilung der Wertschöpfung in der Lieferkette von Kakao und auf Daten zur aktuellen Einkommenssituation der westafrikanischen Kakaobauernfamilien, sondern formuliert auch Lösungsansätze zur Verbesserung der Situation. Bislang würden sich die Nachhaltigkeitsbemühungen der Industrie hauptsächlich auf eine Steigerung der Produktivität konzentrieren. Das scheint allerdings nicht zu genügen, um die Einkommen der Bauern so zu verbessern, dass sie gut davon leben können. Möglicherweise müssen den Bauern höhere Abnahmepreise gezahlt werden, so die Autoren, um eine nachhaltige Kakaowirtschaft zu ermöglichen. Auf jeden Fall müsse ein Modell entwickelt werden, wie existenzsichernde Einkommen für die Farmer berechnet und gewährleistet werden können. Dazu müssten auch Preissetzungsmechanismen verändert werden, um die Abnahmepreise bei den Farmen zu erhöhen.

Doch höherer Preise und eine Steigerung der Produktivität reichten nicht, um eine nachhaltige Kakaoproduktion zu realisieren, seien weitere Maßnahmen notwendig. Die reichen von einer Diversifizierung des Anbaus, über eine verbesserte Infrastruktur in den Anbaugebieten, Weiterbildungsmöglichkeiten für die Farmer, aber auch politischen Maßnahmen wie eine Reform der Landbesitzsysteme. Freiwillige Bemühungen würden offensichtlich nicht ausreichen, um die Probleme im Kakaoanbau zu lösen. Die Herausgeber des Cocoa-Barometers plädieren deshalb für verpflichtende Lösungsansätze. Antonie Fountain: „Wenn sich der Kakaosektor nicht fundamental verändert, dann wird es in Zukunft keine Kakaobauern mehr geben.“ Deshalb sei es erforderlich, dass alle Beteiligten der Wertschöpfungskette zusammenarbeiten. Unternehmen, Handel, Regierungen, doch auch Konsumenten sollten ihre Verantwortung übernehmen, um die weitreichenden Probleme zu lösen.

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Quelle: Cocoa-Barometer 2015

Das dritte Cocoa-Barometer zeigt aber auch, dass der globale Marktanteil von zertifizierter Schokolade weiter zunimmt: 2009 waren erst zwei Prozent und heute sind fast 16 Prozent aller verkauften Schokolade durch die gängigen Labels Fairtrade, Utz oder Rainforest Alliance zertifiziert. Die meisten großen Unternehmen haben sich inzwischen verpflichtet, bis 2020 Schokolade aus vollständig zertifiziertem oder verifiziertem Kakao herzustellen, Ausnahmen seien hier Nestle und Mondelez, so die Autoren. Allerdings seien Verbesserungen der Zertifizierungssysteme bitter nötig – zum Beispiel in Bezug auf die Qualität der Audits – aber auch deren gezielte Koppelung mit weiteren Maßnahmen von Unternehmen und Regierungen.

Das Cocoa-Barometer 2015 zum Download.