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Nachlassende Tarifbindung lässt Lohnunterschiede wachsen

Die wachsenden Lohnunterschiede zwischen den Besser- und Schlechterverdienenden in Deutschland sind einer Studie zufolge zumindest in weiten Teilen das Ergebnis einer allgemein nachlassenden Tarifbindung. Wie die Autoren einer am Mittwoch in Gütersloh vorgelegten Analyse der Bertelsmann-Stiftung und des ifo-Instituts aus München schreiben, ist die seit Mitte der 1990er Jahre weiter zunehmende Polarisierung im deutschen Lohngefüge „zu mehr als 40 Prozent“ darauf zurückzuführen, dass immer weniger Arbeitsplätze von Tarifverträgen erfasst sind.

Gütersloh (afp) – Die wachsenden Lohnunterschiede zwischen den Besser- und Schlechterverdienenden in Deutschland sind einer Studie zufolge zumindest in weiten Teilen das Ergebnis einer allgemein nachlassenden Tarifbindung. Wie die Autoren einer am Mittwoch in Gütersloh vorgelegten Analyse der Bertelsmann-Stiftung und des ifo-Instituts aus München schreiben, ist die seit Mitte der 1990er Jahre weiter zunehmende Polarisierung im deutschen Lohngefüge „zu mehr als 40 Prozent“ darauf zurückzuführen, dass immer weniger Arbeitsplätze von Tarifverträgen erfasst sind.

Mit den Ergebnissen treten die Experten der Stiftung nach eigenen Angaben vor allem der These entgegen, die Globalisierung sei für die größer werdende „Lohnschere“ hauptverantwortlich. Verstärkter internationaler Handel spiele mit einem Anteil von 15 Prozent eine deutlich geringere Rolle bei der Entwicklung als die sinkende Tarifbindung, erklärten sie. Exportorientierte Firmen zahlten prinzipiell höhere Bruttolöhne als Unternehmen, die nur den heimischen Markt bedienten. 2010 lag die Lohndifferenz der Untersuchung zufolge bei knapp 15 Prozent.

Die Studie stützt sich vor allem auf Facherhebungen der Bundesagentur für Arbeit (BA) und errechnet daraus durch komplexe statistische Analyseverfahren, welchen Einfluss einzelne Faktoren auf die wachsenden Lohnunterschiede hatten, die für Deutschland bereits dokumentiert sind.

Den Gütersloher Forschern zufolge stiegen die Reallöhne des besserverdienenden oberen Fünftels der Beschäftigten seit Mitte der 1990er Jahre inflationsbereinigt um 2,5 Prozent, während das reale Lohnniveau in der Gruppe des schlechterverdienenden unteren Fünftels parallel um zwei Prozent absank. Damit stieg die Lohnungleichheit in der Bundesrepublik in den vergangenen 20 Jahren schneller an als in den USA und Großbritannien, die traditionell für eine eher ausgeprägte soziale Ungleichheit bekannt sind.

Im selben Zeitraum sank die Anzahl der tarifgebundenen Unternehmen demnach dramatisch von 60 auf 35 Prozent und die Zahl der von Tarifverträgen erfassten Arbeitnehmer von 82 Prozent auf 62 Prozent. „Dieser Rückgang ist der stärkste Treiber für die wachsenden Lohnungleichheit“, heißt es in der veröffentlichten Studien-Zusammenfassung.

Den Autoren zufolge führt die allgemein nachlassende Tarifbindung dazu, dass sich die Zusammensetzung der Arbeitnehmerschaft vor allem im schlechter verdienenden Bereichen verändert. „Lohnflexibilisierung“ führe dazu, dass neue Arbeitsplätze vor allem im Niedriglohnsektor entstünden. So sei der Anteil der Beschäftigten dort nach Schätzungen der BA von 18,7 Prozent im Jahr 2006 auf 20,6 Prozent im Jahr 2010 angestiegen, erklärte sie.

Die Bertelsmann-Stiftung verband die Veröffentlichung mit einem Appell an die Politik, über weitere „staatlich flankierende Maßnahmen“ nachzudenken, um ein Absinken des Lohnniveaus im unteren Einkommensbereich auf immer neue Tiefstände zu verhindern. Vorstandschef Aart De Geus erklärte: „Auch nach Einführung des Mindestlohns besteht hier weiter Handlungsbedarf.“ Andernfalls seien vor allem Langzeitarbeitslosigkeit, Altersarmut und mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten aus atypischer Beschäftigung Treiber wachsender sozialer Ungleichheit.