Nachrichten

Gutachten des Agrarpolitischen Beirats – Radikale Wende in der Massentierhaltung

Ein wissenschaftlicher Beirat des Bundeslandwirtschaftsministeriums hat der Nutztierhaltung in Deutschland ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Die derzeitigen Haltungsbedingungen seien „nicht zukunftsfähig“, heißt es in der am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme der Experten. Vor allem beim Tierschutz, aber auch beim Umweltschutz gebe es „erhebliche Defizite“.

Berlin (csr-news/afp) > Die Nutztierhaltung, so wie sie in weiten Teilen dieses Landes betrieben wird, ist nicht zukunftsfähig. Zu diesem Ergebnis kommen die Wissenschaftler, die den Agrarpolitischen Beirat des Bundeslandwirtschaftsministeriums (WBA) bilden. Vor allem beim Tierschutz sehen die Gutachter erhebliche Defizite, die sie allerdings durch radikale Reformen für überwindbar halten. Das Ministerium will sich erst nach gründlicher Prüfung zum Inhalt äußern. Zustimmung gab es von Verbänden der Ökolandwirtschaft, ablehnend gab sich der Bauernverband.

Drei Jahre haben die 14 Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen an dem Gutachten mit dem Titel „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“ gearbeitet, bevor sie es an den Parlamentarische Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium, Peter Bleser übergeben haben. Hintergrund: Die heute in zahlreichen landwirtschaftlichen Betrieben übliche Massentierhaltung verliert zunehmend ihre gesellschaftliche Akzeptanz. Die Einstellung zu Tieren insbesondere auch zu Nutztieren hat sich verändert. Verbraucher legen Wert auf das Tierwohl und eine artgerechte Haltung. Um die gesellschaftlichen Anforderungen an die Nutztierhaltung und die Realität der landwirtschaftlichen Produktion stärker in Einklang zu bringen, empfiehlt der WBA umfangreiche Maßnahmen und zudem einen intensiven Diskurs zwischen Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Politik und Wissenschaft. Denn, so schreiben die Wissenschaftler, zwischen dem Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutz auf der einen Seite und der Wettbewerbsfähigkeit landwirtschaftlicher Betriebe beständen zwar Synergien aber eben auch Konflikte. Ihr klares Fazit: So geht es nicht weiter.

So empfehlen die Gutachter eine umweltfreundlichere und tiergerechtere Produktion, gleichzeitig aber auch eine Reduzierung des Fleischkonsums. „Es gilt ökonomische Chancen für die notwendigen Veränderungen der Tierhaltung zu erschließen und eine neue Kultur der Erzeugung und des Konsums tierischer Produkte einzuleiten“, heißt es im Gutachten. Konkret schlagen die Wissenschaftler einen ganzen Katalog an Maßnahmen vor, von denen einige sofort umgesetzt werden sollten, und zwar auf Bundes- wie auch auf Landesebene, andere dagegen einen mittelfristigen Zeithorizont benötigen. Beispielsweise sollte den Tieren mehr Platz zur Verfügung stehen und sie sollten sich auch draußen aufhalten. Darüber hinaus sollte auf das Amputieren von Schnäbeln und Schwänzen verzichtet werden. Auch zum Einsatz von Medikamenten äußern sich die Gutachter, deren Einsatz deutlich reduziert werden sollte. Aber auch die Wirtschaft wird adressiert, beispielsweise durch den Vorschlag, die Brancheninitiative Tierwohl finanziell besser auszustatten und ihr zu einer besseren gesellschaftlichen Akzeptanz zu verhelfen. Dabei sollten Handel und Industrie sich nicht nur mit wirtschaftlichen Argumenten einbringen, sondern auch eigene ethische Positionen beziehen. Dem WBA ist bewusst, so heißt es im Gutachten, dass die Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen tief greifende Änderungen in der Nutztierhaltung erfordern und auch mit erheblichem finanziellen Aufwand verbunden sind. In der Größenordnung von 3-5 Milliarden Euro würden die Mehrkosten pro Jahr liegen, wenn die Vorschläge umgesetzt würden. Diese Mehrkosten würden zu einer Erhöhung der Verbraucherpreise von etwa 3 bis 6 Prozent führen. Dies würde, so die Gutachter, der Zahlungsbereitschaft eines großen Teils der Bevölkerung entsprechen. „Ohne politische Begleitmaßnahmen würde eine solche Kostensteigerung allerdings aufgrund des Wettbewerbsdrucks zur Abwanderung von Teilen der Produktion in Länder mit geringeren Tierschutzstandards führen und damit die Tierschutzziele konterkarieren“, heißt es im Gutachten. Staatssekretär Bleser kündigte an, dass die Vorschläge in die Arbeit des Kompetenzkreises Tierwohl einbezogen werden. „Unser Ziel ist, gemeinsam mit allen Beteiligten dafür zu sorgen, dass es den Tieren, vor allem den Nutztieren, besser geht“, sagte Bleser. Tiergerechte Lösungen müssten aber zugleich auch praxistauglich und auch ökonomisch tragfähig sein.

Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, betonte vor allem, dass der Beirat klargestellt hat, dass es ohne gesetzgeberisches Handeln nicht möglich sein wird, die – aus Sicht des Tierschutzes notwendigen und aus Sicht des Verbrauchers gewünschten – Verbesserungen in der landwirtschaftlichen Tierhaltung umzusetzen. „Politische Ankündigungen gab es genug. Die Lösungen liegen auf dem Tisch. Nun muss der Bundesminister Taten liefern“, so Schröder. Jetzt ginge es nicht mehr um die Frage ob geändert wird, sondern nur noch darum, wie geändert wird. Das Gutachten biete aus Sicht des Deutschen Tierschutzbundes viele gute Ansatzpunkte und sei geeignet, die Diskussion zu versachlichen. Auch Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) sieht jetzt den Bundesminister in der Pflicht. „Was die Bio-Bewegung seit Jahrzehnten einfordert, bekommt die Bundesregierung jetzt von ihrem eigenen wissenschaftlichen Beirat Schwarz auf Weiß: Die industrielle Tierhaltung ist nicht zukunftsfähig“, so zu Löwenstein. Jetzt würde nicht mehr darüber diskutiert werden müssen, ob die Tierhaltung umgebaut werden muss, sondern wie das gemacht werden soll. „Bundeslandwirtschaftsminister Schmidt hat es jetzt in der Hand, den Umbau der Landwirtschaft in die Wege zu leiten“, sagt zu Löwenstein. „Er muss dafür Sorge tragen, dass die Landwirte ihre Tierhaltung besser an die gesellschaftlichen Anforderungen anpassen können und nicht auf den höheren Kosten für die art- und umweltgerechte Tierhaltung sitzen bleiben“.

Der Deutsche Bauernverband (DBV) sieht das Gutachten dagegen in weiten Teilen außerordentlich kritisch und bemängelt die methodischen Grundlagen und Bewertungen. „Die Empfehlungen der Wissenschaftler sind in Anbetracht der Konsequenzen für die Nutztierhaltung, die Bauernfamilien und für den ländlichen Raum unverantwortlich leichtfertig“, kritisierte DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken. Das Gutachten würde zwar richtigerweise aufzeigen, dass höhere Standards in offenen Märkten zu Produktionsverlagerungen führen. „Aus dieser Einsicht werden aber nicht die notwendigen Schlussfolgerungen gezogen“, so Krüsken. Die im Gutachten postulierte Zahlungsbereitschaft der Verbraucher für noch höhere Tierschutzstandards würde auf zu optimistischen Annahmen basieren. Der wissenschaftliche Beirat gehe von einer „beachtlichen Zielgruppe für Produkte aus tierfreundlicherer Haltung“ aus. „Gemessen an den Marktanteilen von Labels für eine solche Tierhaltung wird diese Annahme von der Realität im Lebensmittelhandel nicht bestätigt“, meint Krüsken. Auch müsse die tatsächliche Nachfrage der Verbraucher als ein Kriterium für die gesellschaftliche Akzeptanz gesehen werden.

Dagegen sieht sich die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), in der eher kleinere und mittlere Betriebe organisiert sind, von dem Gutachten bestätigt. An einer artgerechten Tierhaltung auf den Höfen führe kein Weg vorbei. Es sei „an der Zeit, dass die Bundesregierung ein Umbauprogramm für die Tierhaltung auf den Weg bringt“, erklärte der AbL-Vorsitzende Martin Schulz in Berlin.

Auch die Grünen forderten die Regierung auf, den Empfehlungen des Gutachtens zu folgen. Wenn Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) den Beirat ernst nehme, „muss er eine Agrarwende einleiten“, erklärte der Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter. Der agrarpolitische Fraktionssprecher Friedrich Ostendorff sprach von einer „Klatsche“ für Schmidts bisherige Politik. Die Forderungen des Gutachtens müssten konsequent umgesetzt und die artgerechte Tierhaltung müsse stärker finanziell gefördert werden.

Das Gutachten >> als PDF zum Download