Nachrichten

Unternehmer und Manager – Was sie über Zivilgesellschaft und Politik denken

Rücksichtslos und gierig, so werden Manager und Unternehmer in der Gesellschaft gerne gesehen. Umgekehrt ist gar nicht so bekannt, was die Bosse über Politik und Gesellschaft denken. Diese Frage stand im Mittelpunkt der zweiten BP Gesellschaftsstudie, durchgeführt vom Göttinger Institut für Demokratieforschung. Wie tickt Deutschlands Wirtschaftselite? War die Frage die Professor Franz Walter und Stine Marg beantworten wollten. Die neue Studie soll einen Beitrag dazu leisten, vorherrschende Einschätzungen über Unternehmer zu überprüfen, zu ergänzen und möglicherweise auch zu korrigieren.

Berlin (csr-news) > Rücksichtslos und gierig, so werden Manager und Unternehmer in der Gesellschaft gerne gesehen. Umgekehrt ist gar nicht so bekannt, was die Bosse über Politik und Gesellschaft denken. Diese Frage stand im Mittelpunkt der zweiten BP Gesellschaftsstudie, durchgeführt vom Göttinger Institut für Demokratieforschung. Wie tickt Deutschlands Wirtschaftselite? War die Frage die Professor Franz Walter und Stine Marg beantworten wollten. Die neue Studie soll einen Beitrag dazu leisten, vorherrschende Einschätzungen über Unternehmer zu überprüfen, zu ergänzen und möglicherweise auch zu korrigieren.

Für die Studie „Sprachlose Elite?“ haben die Forscher 160 Interviews mit Geschäftsführern Spitzenmanagern und Unternehmern zu deren Werten, deren Selbstwahrnehmung und zum Blick auf Gesellschaft und Politik befragt. Zwei Jahre nach der Veröffentlichung der ersten BP-Gesellschaftsstudie über die Motive von Protestbewegungen liefert das Forscherteam des Göttinger Instituts für Demokratieforschung damit die Fortsetzung der Analyse gesellschaftlicher Akteure. Michael Schmidt, Vorstandsvorsitzender der BP Europa SE, sieht in der Studie eine Chance, die Dialogfähigkeit in Deutschland zu stärken. “Nach wie vor sprechen gesellschaftliche Gruppen zu oft übereinander statt miteinander und verlassen sich zu sehr auf das eigene Vorverständnis, anstatt sich mit dem Gegenüber wirklich auseinanderzusetzen“. Neben persönlichen Werdegängen und individuellen Wertvorstellungen wurden die Ansichten der Unternehmer zu wirtschaftlichen Entwicklungen, Politik und Gesellschaft detailliert untersucht.

Die Unternehmer in Deutschland haben aktuell von der marktradikalen Rhetorik aus der Zeit vor 2008 behutsam Abstand genommen. Die wirtschaftlichen Einbrüche und schweren Turbulenzen auf den Finanzmärkten besonders, in den Musterländern des Neoliberalismus, scheinen zu einer zumindest moderaten Aussöhnung von Unternehmern hierzulande mit dem christ- wie sozialdemokratisch eingefärbten Sozialstaatsmodell des “Rheinischen Kapitalismus” geführt zu haben. So werden Sozialdemokraten und Gewerkschaften auch nicht mehr als bedrohliche Feinde empfunden. Gerhard Schröder und seine Agenda 2010 gelten vielmehr als Vorbilder außergewöhnlichen politischen Muts. Und den Gewerkschaften hält man zugute, die Bedeutung der industriellen Produktion für den gesellschaftlichen Wohlstand zu erkennen, was für viele soziale und politische Kräfte ansonsten bedauerlicherweise nicht mehr zuträfe. Insgesamt fühlt sich die wirtschaftliche Elite politisch eher heimatlos. Verbreitet ist ein Bedauern über den Verlust der FDP auf der politischen Bildfläche. Aber auch der Kurs der CDU/CSU in der aktuellen großen Koalition wird von den Bossen mit Argwohn betrachtet. Vor allem die politische Unschärfe und programmatische Indifferenz der Bundeskanzlerin stößt auf verbreitete Kritik. Das mag auch an dem Unbehagen liegen, welches die Wirtschaftsführer gegenüber dem Prozess der Willensbildung in unserer parlamentarischen Demokratie haben. Es geht ihnen schlicht zu langsam voran und die am Ende erzielten oftmals schlechten Kompromisse seien zu wenig an einem sachrationalen Optimum ausgerichtet. Doch ist dem Gros der Wirtschaftskapitäne das repräsentative System weit lieber als eine Referendumsdemokratie. Denn direktdemokratische Verfahren nähren nach Auffassung von Unternehmern die Irrationalität und Sprunghaftigkeit der in der Regel nicht hinreichend kompetenten Massen. Unternehmer stehen der Volkssouveränität als primäre Legitimationsquelle moderner demokratischer Ordnungen überwiegend mit Skepsis gegenüber. Wichtig dagegen ist ihnen der Rechtsstaat, da er der Wirtschaft berechenbare Grundlagen und Rahmenbedingungen garantiert. Totalitäre Diktaturen bedeutet demgegenüber Willkür. Schon aus diesem Grunde sind Unternehmer, im Unterschied zu den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, keine Freunde solcher Systeme. Doch fürchten nicht wenige, dass etwa China, aufgrund der autoritativen Möglichkeiten rascher und stringenter politischer Entscheidungen, in der Konkurrenz mit den politisch eher trägen Demokratien in Zukunft die Nase vorn haben könnte. Im Blick auf China dokumentieren sich in den Auskünften zahlreicher Unternehmer Distanz und Faszination, Ablehnung und Neugierde zugleich. Sollten nicht-demokratische Gesellschaften eine anhaltend größere wirtschaftliche Dynamik entfalten als die Demokratien im Westen, so wäre nach Auffassung der Autoren eine emphatische Diskussion über einen modernen Kapitalismus mit weniger Demokratie bei allerdings stabiler und auch transnational konstituierter Rechtsstaatlichkeit gewiss nicht ausgeschlossen.

Auffallend ist die äußerst kritische Haltung der Wirtschaftsführer zur sogenannten vierten Gewalt, den Medien im Lande. Diese sei an Schärfe kaum zu überbieten, schreiben die Autoren. So betrachten die Manager und Unternehmer die skandalisierende und pauschalisierende Berichterstattung mit ihren Hetzjagden, mit großer Bitterkeit. Die sich zunehmend verbreitende Medienkritik ist also kein Phänomen des Wutbürgers, schreiben die Autoren, sondern sie ist ebenso massiv im Sektor der wirtschaftlichen Eliten Deutschlands verbreitet. Unternehmer sind mehrheitlich keine Freunde von Geschlechterquoten. Das gilt im Übrigen für männliche wie weibliche Führungskräfte in der Wirtschaft gleichermaßen. Ebenfalls auf wenig Sympathie stößt bei ihnen die Rentenpolitik des Kabinetts Merkel – Gabriel. Hingegen löst der Mindestlohn bei den Chefs großer Unternehmen keine Emotion negativer Art aus, während in kleineren Familienunternehmen dieses Projekt aus dem Hause von Andrea Nahles auf sehr viel weniger Gegenliebe stößt.

Vorbei scheint die Phase der Industriegeschichte zu sein, in der ursprüngliche soziale oder kulturelle Benachteiligungen eine Triebfeder für die individuellen Anstrengungen des Aufstiegs an die Spitze von Unternehmen bildete. Die ökonomischen Eliten erzählen in ihrer großen Majorität von intakten Lebensgeschichten ohne gravierende Brüche und Widerstände. Innerhalb des Lagers des deutschen Wirtschaftsbürgertums scheint das derzeit zumindest bei Teilen zu der Sorge zu führen, dass dem Führungsnachwuchs elementare Energien und auch Härten in künftigen Zeiten schroffer Konflikte fehlen mögen. Die oft unterstellte Internationalität der Unternehmer ist dagegen keineswegs so stark ausgeprägt, wie sie in vielen Selbstdarstellungen propagiert wird. Bei den meisten fielen die Auslandsaufenthalte biografisch lediglich knapp limitiert, eher episodisch aus. Nicht internationale Mobilität, sondern betriebliche Verwurzelungen, Treue und Loyalität begünstigen weiterhin ganz überwiegend die Karriere.

Die Studie wurde gefördert von der BP Europa SE und ist im Buchhandel erhältlich. Franz Walter / Stine Marg (Hg.) “Sprachlose Elite? Wie Unternehmer Politik und Gesellschaft sehen” Rowohlt Hardcover, 352 Seiten, 16,95 EUR, ISBN: 978-3-498-042134