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Städtische Müllwagen blockieren Chemiewerke von Haifa

Als Reaktion auf die Krebsängste seiner Bürger hat sich der Bürgermeister von Haifa im Norden Israels mit der örtlichen Petrochemie angelegt: Seit Montag ließ Jona Jahav eine Raffinerie sowie vier weitere Chemiewerke immer wieder durch städtische Müllwagen blockieren, nachdem er ihnen am Sonntag bereits die Betriebserlaubnis entzogen hatte. Seit Dienstag verhandelt ein Gericht in Israels drittgrößter Stadt über die Rechtmäßigkeit der Maßnahmen. Auslöser waren Warnungen des Gesundheitsministeriums, dass die Luftverschmutzung in der Region die Zahl der Krebserkrankungen hochschnellen lässt.

Haifa (afp) – Als Reaktion auf die Krebsängste seiner Bürger hat sich der Bürgermeister von Haifa im Norden Israels mit der örtlichen Petrochemie angelegt: Seit Montag ließ Jona Jahav eine Raffinerie sowie vier weitere Chemiewerke immer wieder durch städtische Müllwagen blockieren, nachdem er ihnen am Sonntag bereits die Betriebserlaubnis entzogen hatte. Seit Dienstag verhandelt ein Gericht in Israels drittgrößter Stadt über die Rechtmäßigkeit der Maßnahmen. Auslöser waren Warnungen des Gesundheitsministeriums, dass die Luftverschmutzung in der Region die Zahl der Krebserkrankungen hochschnellen lässt.

Von John Davison

Der schon länger schwelende Konflikt um die Luftqualität in Haifa war in der vergangenen Woche eskaliert. Itamar Grotto, Abteilungsleiter im israelischen Gesundheitsministerium, hatte dem Innenministerium in einem Planverfahren davon abgeraten, die Flächen für Raffinerien in Haifa auszuweiten.

Laut dem an die Presse gelangten regierungsinternen Schreiben weisen die Statistiken für Haifa eine besonders hohe Gefahr auf, an Krebs zu erkranken: Demnach war das Krebsrisiko in Haifa für den Zeitraum zwischen 1998 und 2007 insgesamt 16 Prozent höher als andernorts – die Gefahr, an Lungenkrebs zu erkranken, lag für die 270.000 Einwohner sogar um 29 Prozent höher. Grund dafür sei vermutlich die hohe Luftverschmutzung.

Ängste und Vorwürfe an die Aufsichtsbehörden löste vor allem die Vermutung Grottos aus, auch die Hälfte der sechzig Krebsfälle bei Kindern bis zu 14 Jahren sei auf die erhöhte Schadstoffbelastung der Luft in Haifa zurückzuführen. Am Industriehafen der Stadt fanden daraufhin am Samstag spontane Demonstrationen statt, Umweltgruppen riefen Bürgermeister Jahav zum Rücktritt auf.

Dieser reagierte umgehend. Neben dem Entzug der Betriebserlaubnis für fünf der petrochemischen Anlagen und ihrer stundenweisen Blockade verlangte Jahav eine Klarstellung durch das Gesundheitsministerium.

Nach einer nächtlichen Krisensitzung mit Experten, bei der die vorliegenden Studien erneut bewertet wurden, erklärte der Generaldirektor des Ministeriums am Dienstag, das erhöhte Lungenkrebsrisiko bei Erwachsenen sei in Haifa unstrittig vorhanden. “Dagegen gibt es keinerlei Belege für eine höhere Sterblichkeit unter Kindern”, versicherte das Ministerium. Von AFP befragte Krebsforscher im Ramban-Krankenhaus von Haifa verwiesen darauf, dass die Erkrankungen erst durch Belastungen über einen langen Zeitraum entstünden.

Bürgermeister Jahav verteidigte seine drakonischen Maßnahmen. “Niemand auf Regierungsebene sprach mit mir, deshalb musste ich handeln”, sagte er und verwies auf immer wieder neue widersprüchliche Angaben zur Luftqualität seiner Stadt. Nun sieht er sich bestätigt: “Ich habe das doch gleich gesagt: Die Daten, die all den Rummel ausgelöst haben, waren falsch.” Nach Angaben der Raffinerie hob ein Gericht per einstweiliger Verfügung inzwischen den Entzug der Betriebserlaubnis wieder auf, und auch die Müllwagen waren am Dienstag vor den Toren verschwunden.

Sprecher von Umweltgruppen forderten ihr Stadtoberhaupt jedoch zugleich auf, die Luftverschmutzung in Haifa unter Kontrolle zu bringen. “Erst als er die Schlagzeilen in der Presse sah, hat er reagiert”, kritisierte die Biochemikerin Lihi Schachar-Berman von der studentischen Umweltorganisation “Grüner Kurs”.