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Solidarität und Selbstbestimmung im Wandel der Arbeitswelt – eine evangelische Denkschrift

In ihrer neuen Denkschrift „Solidarität und Selbstbestimmung im Wandel der Arbeitswelt“ kritisiert die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) gewachsene soziale Ungleichheit und eine gestiegene Einkommensungleichheit. „Die Grenze ist erreicht, wenn sich ein einzelner Mensch von seiner Vollzeitarbeit nicht ernähren kann“, so der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm anlässlich der Vorstellung der Denkschrift am Dienstag in Frankfurt am Main. Befristete Verträge, Leiharbeit und Werkverträge gehörten auf den Prüfstand.

Frankfurt am Main (csr-news) – In ihrer neuen Denkschrift „Solidarität und Selbstbestimmung im Wandel der Arbeitswelt“ kritisiert die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) gewachsene soziale Ungleichheit und eine gestiegene Einkommensungleichheit. „Die Grenze ist erreicht, wenn sich ein einzelner Mensch von seiner Vollzeitarbeit nicht ernähren kann“, so der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm anlässlich der Vorstellung der Denkschrift am Dienstag in Frankfurt am Main. Befristete Verträge, Leiharbeit und Werkverträge gehörten auf den Prüfstand.

Trotz einer insgesamt erfreulichen Lage auf dem Arbeitsmarkt sei die Zahl atypischer und prekärer Beschäftigungsverhältnisse angestiegen und der Niedriglohnsektor gewachsen. Der Mindestlohn sei in dieser Situation hilfreich, reiche aber nicht aus. Weiter heißt es in der Denkschrift: „Ziel ist die gerechte Teilhabe an Erwerbsarbeit, die zu auskömmlicher Erwerbsarbeit führt.“

Werben um gewerkschaftliches Engagement

Ein großer Teil der Denkschrift widmet sich der Rolle von Gewerkschaften und Sozialpartnerschaften. Gewerkschaftliches Engagement ermögliche Arbeitnehmern ein Mitdiskutieren über das Verständnis von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Laut Denkschrift ist „die Mitarbeit in den Gewerkschaften für christliche Arbeitnehmer wesentlicher Ausdruck ihres Berufsethos.“ Ausdrücklich zu unterstützen seien aus kirchlicher Sicht „gewerkschaftliche Aktivitäten, die über eigene Mitglieder- und Gruppeninteressen hinaus auch die Anliegen schwächerer gesellschaftlicher Gruppen einschließen.“

Arbeit im Umbruch

Ebenso bilden Umbruchprozesse in der Arbeitswelt – Globalisierung, die Digitalisierung oder die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit – einen Schwerpunkt des Papiers. Hierzu erinnert die EKD Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften an die Situation geringer qualifizierte Menschen. Sie tragen „ein höheres Risiko, bei einem Strukturwandel ihre Beschäftigungsfähigkeit zu verlieren.“ Befristet Beschäftigung, längere Phasen von Arbeitslosigkeit oder ein Arbeitsverhältnis in der Zeitarbeit erhöhten dieses Risiko.

„Sorgearbeit“ als Grundlage von Erwerbsarbeit

„Im lutherischen Verständnis des Berufs ist Arbeit aber nicht nur Erwerbsarbeit“, heißt es in der Denkschrift. Die Erwerbsarbeitswelt baue vielmehr auf der Sorgearbeit in Erziehung und Pflege sowie auf den Aktivitäten der Zivilgesellschaft auf. Im Zentrum der Arbeitsorganisation müsse der einzelne Mensch stehen, so der EKD-Ratsvorsitzende. „Nicht das rastlose Tätigsein als solches ist das Ideal des Christlichen, sondern die sinnvolle Einbeziehung aller Menschen in eine Wirtschaft, die mit allen geschieht“, sagte Bedford-Strohm.

Kritik: Nichts Neues

Aus Sicht von Kritikern fehlt es der Denkschrift an neuen und herausfordernden Impulsen. „Gewerkschaften sind wichtig. Dumpinglöhne sind schlecht. Der Wandel in der Arbeitswelt bietet Risiken wie Chancen. Freihandelsabkommen haben Vor- und Nachteile. Wer wollte da nicht von Herzen mit dem Kopf nicken! Das aber ist das Problem der Denkschrift zum Wert und zum Wandel der Arbeit, die nun die evangelische Kirche in Deutschland vorgelegt hat. Sie riskiert nichts, sie provoziert kein Nachdenken. Sie hofft aufs Kopfnicken“, kommentiert die „Süddeutsche Zeitung“.

Mit dem Papier umschreibt die EKD auch ihre eigene Verantwortung: Die evangelische Kirche und ihre Diakonie beschäftigen rund 700.000 Menschen.

Die Denkschrift >> als PDF zum Download

Statements aus dem CSR NEWS-Expertennetzwerk:

Georg Scheffler-Borngässer, Pressesprecher der Stiftung kreuznacher diakonie

„Zweifellos beschreibt die Evangelische Kirche mit der Denkschrift ‚Solidarität und Selbstbestimmung im Wandel der Arbeitswelt‘ wichtige und richtige Themen. Ebenso halte ich die Aussagen zur in Deutschland gelebten Sozialpartnerschaft für folgerichtig. Deutschland ist damit erfolgreich. Die (Wieder-) Annäherung zwischen gewerkschaftlichen Ideen und christlichen Überzeugungen ist in dieser Form lange überfällig. In Gegenwart und Zukunft werden Gerechtigkeit, Solidarität und Freiheit nur erreicht werden können, wenn eben diese Werte von starken gesellschaftlichen Gruppen immer wieder formuliert und gemeinsam eingefordert werden. Themen gibt es wahrlich genug: Gendergerechtigkeit, Inklusion und Arbeitswelt, Beschäftigung am Ende eines Arbeitslebens, Entschleunigungen und vieles mehr.

Ich hoffe, dass Kirche – gestützt auf die Denkschrift – gemeinsam mit Arbeitnehmervertretungen mehr Einfluss auf die Arbeitsweltgestaltung nimmt. Ich wünsche mir, dass die Denkschrift eine gute Grundlage bietet, gehört zu werden. Von Kirche und Diakonie sollten darüber hinaus deutliche Zeichen kommen, was sie selbst als gerecht und auskömmlich in Bezug auf Arbeitsverhältnisse betrachtet und sich dafür gegenüber einer von überbordender Austerität geprägten Politik stark macht.

Was fehlt mir? Die Digitalisierung als großes Thema der Arbeitswelt ist zu knapp betrachtet. Ebenso hätte ich mir gewünscht, dass der Inklusionsgedanke für Menschen mit Beeinträchtigungen mehrdimensionaler betrachtet und bewertet worden wäre. Aber das kann ja noch kommen.“

Jessica Lange, WERTEmanagement:

Adressiert die evangelische Kirche die “richtigen” Themen? „Grundsätzlich adressiert die evangelische Kirche natürlich die richtigen Themen. Ein Mensch soll vom Lohn einer Vollzeitstelle leben können – ohne Zweifel. Sonst fehlen entscheidende arbeitsmarktpolitische Anreize. Lohngerechtigkeit und soziale Stabilität innerhalb unserer Gesellschaft sind eklatante Themen, deren Beachtung für den Fortbestand der Gesellschaft und des gesamtgesellschaftlichen Wohlstands notwendig ist. Aus meiner Sicht bestehen aber Zweifel, ob die Kirche als Fürsprecher die richtige Besetzung für diese Themen ist. Die Kirche führt viele Einrichtungen im Bereich Pflege und Kinderbetreuung. Gerade dies sind jedoch Bereiche, in denen das Lohnniveau als deutlich zu niedrig diskutiert wird. Bevor die Kirche also drohend den Zeigefinger erhebt, sollte sie sich an die eigene Nase fassen und eigene unternehmerische Tätigkeit ethisch reflektieren. Bietet die Kirche als Arbeitgeber stets Gerechtigkeit in ihren Beschäftigungsverhältnissen?“

Trifft die EKD mit dem Hinweis auf die Bedeutung der Sozialpartnerschaft als Instrument für ausgewogene Veränderungen in der Arbeitswelt den Kern? “Die Bedeutung der Sozialpartnerschaft ist nicht neu und soll an dieser Stelle weder vermindert noch erhöht werden. Es stellt sich jedoch zukünftig die Frage, ob die Sozialpartnerschaft der einzige Parameter für eine Veränderung der Arbeitswelt aus Mitarbeitersicht ist und bleibt. Die Gewerkschaften sollen den Mitarbeiter durch Zusammenfassung des Kollektiv eine einheitliche und einflussreiche Stimme verleihen. In Zukunft scheint dies aber immer weniger notwendig zu sein. Die äußeren Bedingungen (z.B. Fachkräftemangel, demografische Entwicklung) zwingen die Unternehmen zunehmend zu Veränderungen, um weiterhin am Markt existieren zu können. Nur mittels gerechter und respektvoller Behandlung können Mitarbeiter im Unternehmen gehalten und neue Arbeitskräfte für sich gewonnen werden. Aufgrund der Verknappung der verfügbaren Mitarbeiter wandelt sich der Arbeitgebermarkt zunehmend zum Arbeitnehmermarkt. Dies zeigt sich z.B. auch in den vergleichsweise hohen Anforderungen der Generation Y. Dazu kommt die zunehmende gesellschaftliche Sensibilität für ethische Themen und Praktiken. Diese wirkt sich auf das Kundenverhalten und die Kundenbindung aus. Kunden möchten nicht bei einem Unternehmen kaufen, dass seine Mitarbeiter ausbeutet und ungerecht behandelt. Dies zeigen auch die Shitstorms und öffentlichen Aufrufe zum Boykott in den sozialen Medien, sobald eine solche Geschäftspraktik bekannt wird.
Zum Schluss sollte noch ein kritischer ethischer Blick auf die Gewerkschaften selbst geworfen werden. In den letzten Jahren erscheint ihr Agieren eher machtpolitisch und weniger sozial. Die taktische Lahmlegung von Verkehrsunternehmen, um teilweise überhöhte Anforderungen durchzusetzen, ist als Sozialpartner fragwürdig. Die Auswirkung dieser Aktion betreffen die Gesellschaft als Ganzes. Unmittelbar durch Verspätungen und mittelbar durch höhere Preise für Tickets. Die soziale Reflexion gesamtgesellschaftlich scheint den Gewerkschaften oft nicht bewusst zu sein.”

Susanne Steinicke, Die Wertegestalter

Adressiert die evangelische Kirche die “richtigen” Themen? „Die evangelische Kirche adressiert viele bekannte Themen, wo wir natürlich mit dem Kopf nicken können. Selbstverständlich sind die Sozialstandards beispielsweise in Indien oder Pakistan zu niedrig. Das ist verknüpft mit vielen Faktoren wir einem komplexen Wirtschaftssystem, globalem Wettbewerb, Preiskämpfen und noch mangelndem Bewusstsein bei den meisten Konsumenten. Aber was genau dagegen unternehmen? Hier fehlen mir praktische Ansätze zur Problemlösung.
Mir fehlt auch die wirtschaftliche Sichtweise. Vollbeschäftigung, Mindestlohn und attraktive Gehälter brauchen eine gewisse Basis an Umsatz und eine Rentabilität. In der Denkschrift werden jedoch die eher weicheren Faktoren betont: Sinnstiftende Tätigkeiten, Selbstbestimmung oder Berufung.
Fair Trade durch die Weltläden zum Beispiel sollte eine Wertschöpfungskette generieren, an der alle gerecht teilhaben können. Die kirchlichen Mitarbeiter dort arbeiten zum größten Teil ehrenamtlich. Nichts gegen das Ehrenamt, nur werden diese Läden nicht auf eine wirtschaftliche Basis gestellt und dienen damit nicht als Vorzeige-Modell gegenüber anderen Betrieben, die auf rein wirtschaftlicher Basis geführt werden müssen.
Zur Generation Y: Hier findet ein gravierender Wertewandel statt, Entgrenzung von Arbeit und Freizeit, Aufhebung von festen Arbeitszeiten, ständige Erreichbarkeit, Aktivitäten in sozialen Medien. Wird von der evangelischen Kirche gesehen, dass momentan eine komplett neue Welt entsteht? Kann sie mit modernen Werten mithalten? Diese soweit vorleben, dass auch ihre Attraktivität in der jungen Generation wieder steigt?
Die Digitalisierung schreitet voran, Thema Industrie 4.0 und New Work. Welche Werte gibt die Kirche für diese veränderte Welt mit auf den Weg? Welche Werte lebt sie vor?
Herauszuheben in der Denkschrift ist die Berufung des Menschen und die Haltung, den Gottesdienst im Alltag zu praktizieren. Einen Beitrag zu einer wirklichen inneren Mission zu leisten oder einen Sinn und Zweck der geschäftlichen Tätigkeit zu erfüllen, das Bewusstsein fehlt noch vielen Unternehmen.
Schön finde ich die Anerkennung von Familienarbeit und Ehrenamt, das gibt einen anderen Stellenwert. Aber wie werden diese Werte in der Gesellschaft umgesetzt? Noch werden Männer in Führungspositionen mit Erziehungsurlaub belächelt und bekommen es zu spüren.
Die Gemeinwohlökonomie, zwar eine noch junge Bewegung, wurde gar nicht erwähnt. Hier finden sich Ansätze, Wohlergehen des Einzelnen, wirtschaftlicher Erfolg und Fürsorge für Umwelt / Gesellschaft miteinander zu vereinigen.“

Trifft sie mit dem Hinweis auf die Bedeutung der Sozialpartnerschaft als Instrument für ausgewogene Veränderungen in der Arbeitswelt den Kern? „Meines Erachtens wird in der Denkschrift polarisiert: Arbeitnehmer werden den Arbeitgebern gegenüber gestellt. Hier wird nicht unbedingt das gemeinsame Interesse von allen Menschen, auch in ihren verschiedenen Rollen sowohl als Arbeitgeber als auch als Arbeitnehmer betont.
Zwar wird gesagt, die partnerschaftliche Lösung stehe im Vordergrund, aber es wird doch mehr die Macht der Arbeitnehmer z.B. durch das Streiken betont.
Veränderungen in der Arbeitswelt bedürfen des individuellen Engagements, alleine die Sozialpartnerschaft ist für mich keine Garantie dafür.“

Welche Wirkung kann von einer solchen Denkschrift ausgehen? Welche Bedeutung kommt der Kirche im Zusammenhang der Arbeitsweltgestaltung zu? „Solch eine Denkschrift kann das Bewusstsein schärfen, Veränderungen anstoßen wird sie erst, wenn die angesprochenen Punkte von allen vorgelebt werden. Die Kirche wird dann einen Einfluss auf die Gestaltung der Arbeitswelt haben, wenn sie auch wieder mehr Einfluss auf ihre Mitglieder und mehr Zuwanderung hat, und die kirchlichen Werte einen gewichtigen Stellenwert in der Arbeitswelt bekommen.“