Agenturmeldung Nachrichten

Süße Kartoffeln aus salziger Erde: Von Texel nach Bangladesch

Umtost vom Wind des Wattenmeers liegt auf der Nordseeinsel Texel ein kleines Feld, das eine Antwort auf den Hunger in der Welt geben könnte. Wissenschaftler und Bauern pflanzen hier Kartoffeln an und gießen sie mit Salzwasser. Ziel ist es, die Sorten zu finden, die unter solch unwirtlichen Bedingungen noch gedeihen. Die Ergebnisse sind vielversprechend – und die widerstandsfähigen Kartoffeln schmecken sogar besonders süß.

Den Hoorn (afp) – Umtost vom Wind des Wattenmeers liegt auf der Nordseeinsel Texel ein kleines Feld, das eine Antwort auf den Hunger in der Welt geben könnte. Wissenschaftler und Bauern pflanzen hier Kartoffeln an und gießen sie mit Salzwasser. Ziel ist es, die Sorten zu finden, die unter solch unwirtlichen Bedingungen noch gedeihen. Die Ergebnisse sind vielversprechend – und die widerstandsfähigen Kartoffeln schmecken sogar besonders süß.

Von Maude Brulard

Feldpflanzen und Salz, das passt eigentlich nicht gut zusammen. Die zunehmende Versalzung von Böden durch zu geringe Bewässerung ist deshalb ein Problem. Sie reduziert laut einer UN-Studie die weltweit für Landwirtschaft verfügbare Fläche jedes Jahr um 2000 Hektar. 62 Millionen Hektar Land sind bereits betroffen, das entspricht in etwa der Fläche Frankreichs. Groß sind die Probleme zum Beispiel am Gelben Fluss in China, am Euphrat in Syrien und im Irak sowie am Indus in Pakistan.

Viele tausend Kilometer entfernt sucht Landwirt Marc van Rijsselberghe nach einer Lösung. Auf dem Feld auf der niederländischen Insel Texel verteilen er und sein Team über die Kartoffelpflanzen Wasser mit sieben verschiedenen Salzkonzentrationen – vom Süß- bis zum Meerwasser. „Wir werfen die weg, die sterben, und untersuchen die, die überleben“, sagt der 60-Jährige der Nachrichtenagentur AFP. Auch andere Nutzpflanzen wie Möhren, Erdbeeren, Zwiebeln und Salat werden auf ihre Salztoleranz überprüft.

Besonders interessant ist aber die Kartoffel. Sie wird weltweit am vierthäufigsten von allen Nutzpflanzen angebaut. Rund 5000 Sorten sind laut der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) bekannt. „Es fällt auf, dass vor allem die Sorten besser mit dem Salz zurechtkommen, deren Vorfahren vor hunderten oder tausenden Jahren nah am Meer gewachsen sind“, berichtet van Rijsselberghe, dessen 2006 gestartetes Projekt von der Universität Amsterdam unterstützt wird.

Mehrere tausend Pflanzen haben van Rijsselberghe und sein Team aus Wissenschaftlern, Bauern und Landarbeitern bereits in von Versalzung besonders betroffene Regionen in China, Syrien, Pakistan und dem Irak verschickt. Dies sei „von Erfolg gekrönt“, berichtet der Bauer; im kommenden Jahr solle die Aktion ausgeweitet werden. Salz-unempfindliche Kartoffeln können nach Ansicht der Texel-Mannschaft das Leben von tausenden Bauern in den fraglichen Regionen verändern und langfristig Millionen Menschen helfen, die auf versalzenem Land leben. Zehn Prozent der weltweiten Getreideernte ist laut FAO durch Versalzung bedroht.

Geschmacklich schlägt sich die besondere Würze beim Anbau der Kartoffeln übrigens nicht nieder, wie die Forscher versichern – im Gegenteil: Die Knollen schmeckten vergleichsweise süß, weil die Pflanze zum Ausgleich für die salzige Umgebung mehr Zucker produziere. Wer die Kartoffel verspeise, nehme auch nicht mehr Salz zu sich als sonst, denn dieses lagere sich in den Blättern ab.

Bei allen guten Nachrichten von dem Projekt gibt es allerdings auch Schwierigkeiten. Mit dem auf Texel betriebenen Anbau werde lediglich ein Ertrag von rund 30.000 Kilo pro Hektar erreicht, sagt der Finanzchef des Projekts, Robin Konijn. Im gewöhnlichen Landbau sei die Ausbeute mit 60.000 Kilo doppelt so hoch. In den Niederlanden werden die Spezial-Kartoffeln für fünf Euro pro Kilo verkauft und damit sehr viel teurer als die Durchschnittsknolle, die im Supermarkt für weniger als einen Euro pro Kilo zu haben ist.

Doch das internationale Interesse an den Salzkartoffeln von Texel schmälert all das nicht. Mehrere Länder, darunter Ägypten, Bangladesch und Indien, haben bereits um eine Zusammenarbeit mit den Experten gebeten. Auch in der Camargue in Südfrankreich, wo versalzene Böden ebenfalls ein Problem sind, wird mit ihrer Unterstützung in Kürze ein Anbauversuch starten.

Hinterlassen Sie einen Kommentar