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Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung

In Deutschland ist die Anzahl von Unternehmen, die sich für eine integrierte Berichterstattung entschieden haben, noch gering. Innovativer Vorreiter auf diesem Gebiet ist der Softwarekonzern SAP. International setzen sie sich dagegen immer mehr durch. Inzwischen haben mehrere Hundert Unternehmen damit begonnen, Nachhaltigkeitsaspekte in die Finanzberichterstattung zu integrieren. Doch können die Berichte auch die Erwartungen erfüllen, die an sie gestellt werden? In einer Best-Practice-Studie kommt die Beratungsgesellschaft imug zu einem ernüchternden Fazit. Das Innovationspotenzial integrierter Berichterstattung bleibt aktuell noch weitgehend ungenutzt.

Hannover (csr-news) > In Deutschland ist die Anzahl von Unternehmen, die sich für eine integrierte Berichterstattung entschieden haben, noch gering. Innovativer Vorreiter auf diesem Gebiet ist der Softwarekonzern SAP. International setzen sie sich dagegen immer mehr durch. Inzwischen haben mehrere Hundert Unternehmen damit begonnen, Nachhaltigkeitsaspekte in die Finanzberichterstattung zu integrieren. Doch können die Berichte auch die Erwartungen erfüllen, die an sie gestellt werden? In einer Best-Practice-Studie kommt die Beratungsgesellschaft imug zu einem ernüchternden Fazit. Das Innovationspotenzial integrierter Berichterstattung bleibt aktuell noch weitgehend ungenutzt.

Die Berichtspflichten deutscher Unternehmen aber auch international agierender Unternehmen haben in den vergangenen Jahren an Umfang und Komplexität stark zugenommen. Hinzu kommt der sich verschärfende Druck von Investoren und Ratingagenturen. Dabei spielen auch die sogenannten nicht-finanziellen Informationen eine immer bedeutendere Rolle. Stakeholder wollen sich ein umfassendes Bild von einem Unternehmen machen können und dazu gehören alle Aspekte, die eine Analyse der kurz-, mittel- und langfristigen Wertschaffung ermöglichen. Vor diesem Hintergrund gewinnt das Thema integrierter Berichterstattung international immer mehr an Bedeutung. Diese wird seit einigen Jahren maßgeblich durch das Integrated Reporting Council (IIRC) vorangetrieben. Das IIRC verfolgt in seinem Rahmenwerk für integrierte Berichterstattung einen prinzipienbasierten Ansatz, der den Unternehmen viel Gestaltungsspielraum bei der Berichterstattung lässt, mit dem Ziel, die Unternehmensberichterstattung transparenter, lesefreundlicher und aussagekräftiger zu gestalten. Im Oktober 2011 hat der IIRC mit Unternehmen, Börsen, Wirtschaftsprüfern und weiteren Stakeholdern ein Pilotprojekt gestartet, um einen besseren Einblick in die Vorteile und Herausforderungen der integrierten Berichterstattung zu erhalten.

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Quelle: imug Best-Practice-Analyse “Integrated Reporting zwischen Anspruch und Umsetzung“

Dieses Pilotprojekt ist Ausgangspunkt der imug-Studie. Die Berater wollten wissen, wie die IIRC-Pionierunternehmen die Vorgaben beim Reporting interpretieren. Es ging um die Frage, inwieweit können die Erwartungen hinsichtlich höherer Prägnanz, besserer Vergleichbarkeit und weiterer Einsichten über Wechselwirkungen zwischen ESG-Themen bereits erfüllt werden? Um diese Frage zu beantworten, wurden 25 Unternehmen aus dem Pilotprogramm ausgewählt, die in einem vergleichsweise hohen Maße den angelegten Bewertungskriterien entsprechen. Die Bewertungskriterien orientieren sich dabei an den im IIRC-Rahmenwerk formulierten Guiding Principles, da diese derzeit als zentrale formale Anforderungen an integrierte Berichterstattung anzusehen sind. Doch diesem Anspruch konnte kein Bericht gerecht werden. Lediglich die Anforderungen hinsichtlich der strategischen Ausrichtung und Zukunftsorientierung wurden teilweise erfüllt.

Langfristige Perspektive wird angestrebt

Ein zentraler Bestandteil der integrierten Berichterstattung ist die Berücksichtigung der langfristigen Unternehmensausrichtung und nicht nur der nächsten 4-5 Jahre, so wie es in der Unternehmensberichterstattung üblich ist. Laut IIRC sind dafür sechs Kapitalarten von elementarer Bedeutung zu denen unter anderem, neben dem Finanzkapital auch das Human-, Wissens-, Sozial- und Beziehungskapital gehören. Für die Berichterstattung geht es darum, welche Bedeutung die einzelnen Kapitalarten für die Wertschöpfung haben und welche Risiken mit ihnen verbunden sind. Zwar müssen die Unternehmen nur über die für sie relevanten Kapitalarten berichten, dennoch empfiehlt der IIRC aber, sich an allen zu orientieren. Der Leser des Geschäftsberichts soll einen transparenten Einblick bekommen, wie sich die Nachhaltigkeitsperformance auf die einzelnen Kapitalarten auswirkt. Tatsächlich wurden in den untersuchten Berichten das Geschäftsmodell sowie Chancen und Risiken klar dargestellt, allerdings haben die Unternehmen dabei nur unzureichend zwischen den zeitlichen Horizonten unterschieden. In einem Drittel der Berichte werden strategische Aussagen gar nicht mit Zeitangaben verknüpft. Und die wenigsten Unternehmen benennen überhaupt Ziele, die über das Jahr 2020 hinausgehen.

Beschreibung der Wechselwirkungen

Die unter dem Stichwort Konnektivität zusammengefassten Anforderungen an einen integrierten Bericht sind als am ambitioniertesten zu bezeichnen. Die Wechselwirkungen aufzuzeigen, geht deutlich über die gängige Berichterstattungspraxis hinaus. „Weder in Geschäftsberichten noch in Nachhaltigkeitsberichten setzten sich Unternehmen derzeit systematisch mit Zusammenhängen und Wechselwirkungen zwischen Faktoren, die für die Wertschaffung wesentlich sind, auseinander“, heißt es dazu in der Studie. Folglich verwundert es nicht, dass bei diesem Kriterium bei den Unternehmen noch am meisten Entwicklungsspielraum zu sehen ist. Die Anforderungen hinsichtlich der Beschreibung von Stakeholderbeziehungen werden aufgrund eher oberflächlicher Beschreibungen ebenfalls größtenteils nur teilweise erfüllt. Bei einer Vielzahl der analysierten Berichte ist aktuell zu beobachten, dass eine transparente Beschreibung von Materialitätsprozessen noch nicht selbstverständlich ist. Viele Unternehmen haben zudem Schwierigkeiten, Informationen möglichst prägnant wiederzugeben. Nur wenige Unternehmen haben den Mut, über kritische Ereignisse und Entwicklungen zu berichten. Genauso wenig gelingt es den Unternehmen bislang, eine ausreichende Grundlage zum umfassenden Vergleich verschiedener Unternehmensleistungen herzustellen. „Gemessen an den Anforderungen des IIRC sind die deutschen integriert berichtenden Unternehmen noch relativ weit von den Idealvorstellungen des IIRC entfernt“, so Stefan Dahle, Leiter CSR- und Nachhaltigkeitsmanagement im imug.

Bessere Nachhaltigkeitsbewertung

Bei einem für diese Studie angestellten Ratingvergleich des imug Bereichs Nachhaltiges Investment zu ESG-Kriterien zwischen integriert berichtenden Unternehmen und einer jeweiligen Branchenvergleichsgruppe fällt auf, dass die untersuchten Unternehmen teilweise deutlich über den Ergebnissen des Branchendurchschnitts liegen. Tommy Piemonte, Leiter Nachhaltiges Investment, vermutet, „dass die integriert berichtenden Unternehmen sich bereits seit längerem mit Nachhaltigkeitsthemen beschäftigen und daher auch einen gewissen Führungsanspruch haben“. Eine stichhaltige Aussage zum Einfluss integrierter Berichterstattung auf die Nachhaltigkeitsbewertung eines Unternehmens ist derzeit allerdings noch nicht möglich.

Die weitere Entwicklung ist noch unklar

Wie wird sich die integrierte Berichterstattung zukünftig weiterentwickeln, ist eine der derzeit intensiv diskutierte Fragen, auf die die Studie erste Antworten liefern will. „Die Idee der integrierten Berichterstattung bietet vielversprechende Ansätze, der Beliebigkeit der Nachhaltigkeitsdefinition ein ambitioniertes Konzept zur Messung der Faktoren nachhaltiger Wertschaffung entgegenzusetzen“, so Tommy Piemmonte. „Im Zuge dessen definiert sich Wertschaffung neu. Dies bedeutet, dass neben der traditionell finanziellen Perspektive ein holistischer Ansatz mit einem integrierten (Management-) Denkansatz um weitere Etablierung bemüht ist.“ Verlässliche Aussagen, wie schnell sich dieser Ansatz durchsetzen wird, lassen sich aber noch nicht machen. „Wie schnell sich die integrierte Berichterstattung national und international weiter durchsetzen wird, ist maßgeblich von der Bereitschaft der Unternehmensführung abhängig, sich auf die Idee eines Integrated Thinking einzulassen“, so Stefan Dahle. Integrated Thinking steht dabei für die Managementfähigkeit, die Komplexität des Wertschaffungsprozesses zu verstehen und in die Unternehmensentscheidungen einzubinden. Der IIRC-Ansatz verzichtet denn auch bewusst auf zu konkrete Vorgaben und bietet den Unternehmen somit großen Spielraum für eine individuelle Umsetzung. „Unternehmen, die besonders sinnvolle und kreative Antworten finden, können sich so als Innovationstreiber mit hohen Nachhaltigkeitsansprüchen positionieren“, so Dahle.

Die zentralen Ergebnisse der Studie stehen auf www.imug.de zur Verfügung. Bei Interesse an der kostenlosen Langfassung wenden Sie sich bitte an Herrn Nils Tiemann (tiemann@imug.de).


>> Mehr zum Thema Integrierte Berichterstattung lesen Sie hier auf CSR NEWS.


>> Den Fachbeitrag auf csr-knowledge .net zum Thema Integrierte Berichterstattung lesen Sie hier.


>> Experten zum Thema Integrierte Berichterstattung finden Sie hier.


>> Expertenstatements aus dem CSR NEWS-Netzwerk lesen Sie hier:

„Sehr zutreffend stellt der Text die Bedeutung der Wechselwirkung zwischen Non-Financial und Financial Reporting heraus. Integrierte Berichterstattung intendiert genau diese Wechselwirkung. Wo sie ausbleibt, gehen Nachhaltigkeitsaspekte letztendlich als nettes Beiwerk unter.“
Achim Halfmann, Chefredakteur CSR NEWS

 

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