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Sozialunternehmen – Profit vor Gemeinnützigkeit?

Mit innovativen Geschäftsmodellen wollen sogenannte Sozialunternehmen in den Entwicklungs- und Schwellenländern soziale Missstände beheben. Sie gelten nicht selten als Hoffnungsträger für arme Bevölkerungsschichten. Dort wo der Staat versagt, sollen privatwirtschaftliche Initiativen die Lösung sein. Eine Studie von der Zeppelin Universität (ZU) und der Siemens Stiftung liefert nun erstmalig umfangreiche Daten zur Einschätzung der Fähigkeit von Sozialunternehmen, Grundbedürfnisse von armen Bevölkerungsgruppen zu befriedigen.

Friedrichshafen/München (csr-news) > Mit innovativen Geschäftsmodellen wollen sogenannte Sozialunternehmen in den Entwicklungs- und Schwellenländern soziale Missstände beheben. Sie gelten nicht selten als Hoffnungsträger für arme Bevölkerungsschichten. Dort wo der Staat versagt, sollen privatwirtschaftliche Initiativen die Lösung sein. Eine Studie von der Zeppelin Universität (ZU) und der Siemens Stiftung liefert nun erstmalig umfangreiche Daten zur Einschätzung der Fähigkeit von Sozialunternehmen, Grundbedürfnisse von armen Bevölkerungsgruppen zu befriedigen.

Die Studie zeigt, dass Sozialunternehmen darauf angewiesen sind, ihre Einnahmen größtenteils aus dem direkten Verkauf von Produkten und Dienstleistungen an Endverbraucher zu beziehen. Die Erkenntnisse der Studie basieren auf der Befragung von 36 Sozialinvestoren und 286 Sozialunternehmen aus Kolumbien, Mexiko, Kenia und Südafrika. Die Studie ist aus dem internationalen Forschungsnetzwerk „International Research Network on Social Economic Empowerment“ (IRENE | SEE) hervorgegangen, das sich mit der Erforschung organisatorischer Ansätze, die die soziale und wirtschaftliche Selbstbefähigung (Social Economic Empowerment) fördern, beschäftigt. Über die Hälfte der befragten Sozialunternehmen gab an, keinerlei Unterstützung von staatlichen Institutionen zu erhalten. Oftmals ist sogar das Gegenteil der Fall, sie werden in ihrer Arbeit behindert. „Die Förderung von Sozialunternehmen liegt dabei hauptsächlich in den Händen privatwirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure, die in ihrer Förderung auch nur bedingt miteinander kooperieren“, so Lisa M. Hanley, die gemeinsam mit Aline Margaux Wachner und Tim Weiss die zweijährige Studie durchgeführt hat.

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Quelle: Studie „Taking the pulse“

Fördermittel gehen an profitorientierte Unternehmen

Vor diesem Hintergrund könnten nach Ansicht der Autoren, Sozialunternehmen nur eingeschränkt die niedrigsten Einkommensschichten bedienen und in Sektoren arbeiten, die weniger Spielraum für Profitabilität bieten. „Insbesondere Sektoren, die im Zusammenhang mit der Grundversorgung von Menschen stehen“, so Hanley. Tatsächlich hat es in den vergangenen zehn Jahren einen Wandel gegeben, wie privatwirtschaftliche Ansätze zur Lösung sozialer Probleme beitragen können. Marktorientierung ist mittlerweile in der Entwicklungszusammenarbeit weit verbreitet. Aline Wachner: „Akteure aus dem öffentlichen, privatwirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Sektor vergeben ihre Fördermittel zunehmend an profitorientierte Unternehmen statt an öffentliche oder gemeinnützige Organisationen“. Die Studienergebnisse spiegeln diesen Trend wider: Während der Anteil an gemeinnützigen Organisationen im Portfolio von Sozialinvestoren sinkt, ist ein starker Anstieg privatwirtschaftlich organisierter Sozialunternehmen zu beobachten sowie von Organisationen, die gemeinnützige und privatwirtschaftliche Rechtsformen miteinander kombinieren (sogenannte „Hybridstrukturen“). Das zeigt sich auch bei den Sozialunternehmern. Sie gehören mehrheitlich zur Bildungselite des Landes und verfügen meist über einen höheren Studienabschluss. „Dies ist auf die komplexen Herausforderungen im Management von Sozialunternehmen zurückzuführen und spiegelt die stark privatwirtschaftliche Ausrichtung von Sozialinvestoren wider“, erklärt Tim Weiss.

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Quelle: Studie „Taking the pulse“

Alternative Einnahmequellen erforderlich

Auf Basis dieser Ergebnisse sprechen die Autoren eine Reihe von Handlungsempfehlungen aus, um Sozialunternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern darin zu befähigen, ihre finanziell nachhaltigen Geschäftsmodelle umzusetzen und ihre sozialen Ziele gleichzeitig zu schützen. So sind alternative Einnahmequellen wie langfristige Versorgungsverträge mit Sozialunternehmen notwendig, um den Organisationen die Möglichkeit zu geben, auch arme Bevölkerungsgruppen zu bedienen. Darüber hinaus empfehlen die Forscher eine verstärkte Kooperation zwischen Förderern des öffentlichen, privatwirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Sektors, um die Stärken der jeweiligen Sektoren optimal zu nutzen und überholte Förderstrukturen in der Entwicklungszusammenarbeit neu zu definieren. Zum Schutz gemeinnütziger Sozialunternehmen besteht schließlich Handlungsbedarf insbesondere auf Seiten der Sozialinvestoren, mehr innovative Finanzierungsinstrumente für gemeinnützige Sozialunternehmer zur Verfügung zu stellen. Viele soziale Probleme lassen sich zunächst nicht profitabel lösen oder erfordern langjährige Vorbereitung zur Schaffung von Märkten. Gemeinnützige Rechtsformen spielen hier eine zentrale Rolle.

Die Studie „Taking the pulse“ zum Download.

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