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Deutschland: Hohe Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stellte ihren Sozialbericht vor.

Berlin (afp) – In Deutschland ist das Vermögen im internationalen Vergleich besonders ungleich verteilt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kommt in ihrem am Donnerstag in Berlin vorgestellten Sozialbericht zu dem Schluss, dass die Vermögensungleichheit hierzulande „weitaus stärker ausgeprägt“ sei als in vielen anderen OECD-Ländern. Die Ungleichheit beim Einkommen ist ebenfalls hoch, liegt aber international auf einem mittleren Niveau.

Die reichsten zehn Prozent der Deutschen besitzen dem Bericht zufolge 60 Prozent der Nettohaushaltsvermögen – im OECD-Schnitt liegt diese Quote bei lediglich 50 Prozent. Die unteren 60 Prozent der Bevölkerung kommen in Deutschland lediglich auf sechs Prozent des gesamten Haushaltsvermögens.

Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) kündigte angesichts der Ergebnisse an, die Reichen in Deutschland stärker in den Blick zu nehmen. Die Ministerin sagte dem „Tagesspiegel“ vom Freitag, über die Armen in Deutschland sei viel bekannt, über die Vermögenden aber „so gut wie nichts“. Deswegen solle im nächsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung die Lage der Vermögenden „näher beleuchtet“ werden.

Bei der Einkommensungleichheit liegt Deutschland im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Das Land habe zwar Anfang des Jahrtausends einen erheblichen Anstieg der Ungleichheit verzeichnet, aber die Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 habe anders als in der Mehrzahl der OECD-Länder nicht zu einer Verstärkung dieses Trends beigetragen, erklärte die Organisation. Deutschland liegt demnach unter den 34 OECD-Ländern hinter den nordischen und einigen osteuropäischen Staaten, aber vor Staaten wie Chile, der Türkei, den USA oder Großbritannien.

In Deutschland verdienen die obersten zehn Prozent der Einkommensbezieher dem Bericht zufolge 6,6-mal so viel wie die untersten zehn Prozent. In den 80er Jahren lag dieses Verhältnis noch bei fünf zu eins, in den 90er Jahren bei sechs zu eins. Im OECD-Durchschnitt beläuft es sich heute auf 9,6 zu eins.

Kritisch bewertet die OECD den hohen Anteil an Teilzeit-Jobs, befristeten Beschäftigungen oder selbstständiger Arbeit. Eine solche sogenannte atypische Beschäftigung übten im Jahr 2013 in Deutschland fast 40 Prozent aller Beschäftigten aus. Sie verdienen demnach deutlich weniger als Normalbeschäftigte.

Steigende Ungleichheit wirkt sich laut OECD nicht nur auf die Gesellschaft aus, sondern beeinträchtigt auch die wirtschaftlichen Aussichten eines Landes. Denn wenn die untersten 40 Prozent einer Gesellschaft abgehängt würden und damit auch größere Teile der Mittelschicht, nutzten Volkswirtschaften nur einen Teil ihres Potenzials. Nach Berechnungen der OECD-Experten führte die steigende Ungleichheit seit 1985 dazu, dass die Wirtschaft in 19 OECD-Ländern zwischen 1990 und 2010 um 4,7 Prozentpunkte weniger gewachsen ist, als es bei unveränderter Ungleichheit der Fall gewesen wäre.

„Noch nie in der Geschichte der OECD war die Ungleichheit in unseren Ländern so hoch wie heute“, kritisierte OECD-Generalsekretär Angel Gurría. Die Forschung belege, dass dies dem Wirtschaftswachstum schade. Die Politik habe also nicht nur gesellschaftliche Gründe, gegen Ungleichheit anzugehen, sondern auch wirtschaftliche.