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Rückwärtsgang beim Reifen-Riff

Von der Umweltsünde, die vor der malerischen Côte d’Azur in rund 30 Metern Tiefe schlummert, bekommen die Strandurlauber nichts mit. 25.000 Autoreifen wurden in den 80er Jahren zwischen den mondänen Küstenorten Cannes und Antibes im Meer versenkt, um ein künstliches Riff zu erschaffen. Es sollte Meerestiere anziehen und den Fischern volle Netze garantieren. Inzwischen aber ist klar: Das Kunstriff wird immer mehr zur Belastung für die Natur. Jetzt legt Frankreich, wie zuvor bereits andere Länder bei solchen Reifen-Projekten, den Rückwärtsgang ein.

Brest (afp) – Von der Umweltsünde, die vor der malerischen Côte d’Azur in rund 30 Metern Tiefe schlummert, bekommen die Strandurlauber nichts mit. 25.000 Autoreifen wurden in den 80er Jahren zwischen den mondänen Küstenorten Cannes und Antibes im Meer versenkt, um ein künstliches Riff zu erschaffen. Es sollte Meerestiere anziehen und den Fischern volle Netze garantieren. Inzwischen aber ist klar: Das Kunstriff wird immer mehr zur Belastung für die Natur. Jetzt legt Frankreich, wie zuvor bereits andere Länder bei solchen Reifen-Projekten, den Rückwärtsgang ein.

Von Sandra Ferrer

2500 Altreifen des künstlichen Riffs wurden kürzlich vor der Küste der französischen Riviera aus dem Wasser gezogen. Nach einer Auswertung dieser ersten Aktion soll dann womöglich im kommenden Jahr der Rest der Reifen entfernt werden, um die ursprüngliche Meereslandschaft in dem heutigen Schutzgebiet wieder herzustellen. Die zuständige französische Agentur für geschützte Meeresgebiete, die im nordfranzösischen Brest ansässig ist, bezeichnet die Altreifen als „Bedrohung für das natürliche Gleichgewicht“ auf dem Meeresboden.

Bei der fortschreitenden Zersetzung der Altreifen werden Schwermetalle freigesetzt, die für die Meeresorganismen giftig sind, wie Jacky Bonnemains von der französischen Umweltschutzgruppe Robin des Bois erklärt. „Reifen gehören nicht zur Meeresumgebung“, stimmt Gérard Véron vom französischen Meeresforschungsinstitut Ifremer zu.

Frankreich hatte bereits Ende der 1960er Jahre damit angefangen, künstliche Riffe aus alten, zusammengebundenen Reifen anzulegen. Die Idee schien anfangs genial: Der unliebsame Abfall wird entsorgt, für Meerestiere wird neuer Lebensraum geschaffen, und die Fischerei-Industrie kann aus dem Vollen schöpfen. Nicht nur Autoreifen wurden versenkt, auch Teile von Betontreppen, Fahrzeugwracks und alte Strommasten landeten auf dem Meeresgrund.

Viele andere Länder setzten ebenfalls auf künstliche Riffe: Vor der Küste Japans, des weltweiten Spitzenreiters, haben sie inzwischen zusammen eine Größe von 20 Millionen Kubikmetern – in Frankreich sind es 90.000 Kubikmeter – und vor der US-Küste haben sich mehr als 1000 Kunstriffe angesammelt. Künstliche Riffe gibt es unter anderem auch vor den Küsten Italiens, Spaniens, Portugals, oder – weiter entfernt – Israels und Malaysias.

Künstliche Riffe haben sogar eine uralte Geschichte: Schon vor 3000 Jahren nutzten die Menschen am Mittelmeer schwere Steine, um Thunfisch-Fallen zu beschweren. Später siedelten sich Meerestiere an den aufgehäuften Steinen an.

Vergleichbar mit den Abermillionen von alten Autoreifen, die später in aller Welt ins Meer geworfen wurden, ist das freilich nicht. Und die Schäden durch die Autoreifen sind schwer abzuschätzen.

Damals war die Annahme, dass die Reifen das Meer nicht verschmutzen und Teil der natürlichen Unterwasserlandschaft werden könnten. Doch Strömungen rissen immer wieder Reifen aus dem Gesamtverbund heraus, die über den Meeresboden geschleift wurden und das Ökosystem beschädigten. Für die Ansiedlung von Meerestieren waren die Reifen-Riffs ohnehin nicht geeignet.

Eine der bekanntesten Reifen-Sünden wurde 1972 vor der Küste des US-Bundesstaates Florida verbrochen – fast zwei Millionen Reifen landeten damals bei Fort Lauderdale im Meer. Die Idee dazu hatte der US-Reifenhersteller Goodyear. „Goodyear hat gesagt: ‚Das wird für die Fischer und das Meer nützlich sein'“, sagt Umweltaktivist Bonnemains. „Damit sollte einer bewussten Aktion, Müll in der Umwelt abzuladen, ein Anstrich der Nützlichkeit gegeben werden.“

Tatsächlich wurden in dem Gebiet, das immer wieder von Stürmen und Hurrikans heimgesucht wird, auch viele Reifen aus dem Kunstriff herausgerissen, die schließlich am Strand landeten – oder natürliche Korallenriffe beschädigten. 2007 begann der Bundesstaat Florida, die Reifen zu entfernen – und sprach angesichts der Größe des Riffs von einer „gewaltigen Herausforderung“.