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Studie zur Zwangsarbeit politischer Häftlinge in der DDR – Planerfüllung war das oberste Gebot

Sie mussten die Arbeit machen, für die sich in der Bevölkerung niemand fand. Politische Häftlinge wurden in der DDR über Jahrzehnte in zahlreichen Branchen als Zwangsarbeiter eingesetzt. Offiziell als erzieherische Maßnahme betitelt, wurde Zwangsarbeit tatsächlich aus wirtschaftlichen Erwägungen eingeführt und immer weiter ausgebaut. „Nicht Erziehung sondern Planerfüllung war die oberste Maxime“, heißt es in einer neuen historischen Aufarbeitung, die nun von der Ostbeauftragten der Bundesregierung, Iris Gleicke, vorgestellt wurde.

Berlin (csr-news) > Sie mussten die Arbeit machen, für die sich in der Bevölkerung niemand fand. Politische Häftlinge wurden in der DDR über Jahrzehnte in zahlreichen Branchen als Zwangsarbeiter eingesetzt. Offiziell als erzieherische Maßnahme betitelt, wurde Zwangsarbeit tatsächlich aus wirtschaftlichen Erwägungen eingeführt und immer weiter ausgebaut. „Nicht Erziehung sondern Planerfüllung war die oberste Maxime“, heißt es in einer neuen historischen Aufarbeitung, die nun von der Ostbeauftragten der Bundesregierung, Iris Gleicke, vorgestellt wurde.

Gegen Ende der 1950er Jahre war die Zwangsarbeit flächendeckend eingeführt. Während sie in der Ära Ulbricht zumeist dezentral organisiert war, wurde Zwangsarbeit in der Ära Honecker fest in die Arbeitskräftebilanz eingeplant und wurde somit zum festen Bestandteil des Wirtschaftsplans. Die Anzahl der arbeitenden Häftlinge lag meist zwischen 15.000 und 30.000. Ihre Arbeit war für die Volkswirtschaft von zentraler Bedeutung, denn sie wurden meist an neuralgischen Punkten, beispielsweise in der Energieversorgung, eingesetzt, für Bereiche in denen kaum zivile Arbeiter gefunden wurden. Dabei war es ein offenes Geheimnis, dass in den Kombinaten Zwangsarbeiter beschäftigt werden, schließlich galt im Land allgemein die Pflicht zur Arbeit. Die mediale Aufmerksamkeit nach der Wiedervereinigung wurde vor allem deshalb auf das Thema gelenkt, weil in erheblichem Maße auch politische Gefangene betroffen gewesen waren. „Skandalpotential kommt dem Thema nämlich vor allem deshalb zu, weil die politischen Häftlinge im Gegensatz zu ihren kriminellen Mitgefangenen nach rechtsstaatlichen Maßstäben zu Unrecht inhaftiert waren und folglich auch der Strafgefangenenarbeit gar nicht hätten ausgesetzt sein dürfen“, heißt es in der Studie „Die historische Aufarbeitung der Zwangsarbeit politischer Häftlinge im Strafvollzug der DDR“.

Systematisches Unrecht

Die Ostbeauftragte Gleicke wies bei der Vorstellung der Studie darauf hin, dass für sie die weitere systematische Auseinandersetzung mit dem DDR-Unrecht und das Schließen von Forschungslücken ein wichtiges politisches Anliegen ist. Mit Blick auf die Ergebnisse der aktuellen Untersuchung stellte sie fest: „Im DDR-Knast geschah systematisch Unrecht, Menschenrechte wurden verletzt und mit dem Ziel des ‚volkswirtschaftlichen Nutzens‘ wurden Menschen schamlos ausgebeutet. Das Leid der Betroffenen muss anerkannt werden, die Opfer verdienen unser Mitgefühl und unseren Respekt.“

Zwangsarbeiter in der Elektronikindustrie und im Bergbau

In welchen Branchen die Häftlinge eingesetzt waren, lässt sich nicht durchgehend anhand von Dokumenten belegen. Da einzelne Zeiträume aber vollständig belegbar sind, lässt sich die Aufteilung nachvollziehen. Während der gesamten Zeit waren Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft beschäftigt, allerdings lag ihr Anteil nie über drei Prozent. Zwischen 17 und 23 Prozent der Häftlinge waren im Bergbau mit schwerer körperlicher Arbeit beschäftigt. In den 1960er und 1970er Jahren wurden immer mehr Zwangsarbeiter in der Elektronikindustrie eingesetzt. In dieser Zeit stieg ihr Anteil von rund zehn Prozent auf 20 Prozent und verharrte bis 1987 auf diesem Niveau. In der Chemieindustrie, die erst in den 1970er Jahren dazukam, arbeiteten rund 8 Prozent. Im Gegensatz dazu nahm der Anteil in der Bauindustrie ab. Lag er in den 1950er Jahren noch bei rund 23 Prozent, so fiel er in den kommenden Jahren auf etwa drei Prozent. Darüber hinaus waren Zwangsarbeiter auch im Maschinenbau beschäftigt, ihre genaue Anzahl lässt sich aber aufgrund unterschiedlicher Zuordnungen nicht mehr nachvollziehen. „Ende der achtziger Jahre arbeitete dann fast jeder zweite Gefangen in der elektrotechnischen Industrie, im Erzbergbau sowie der Fahrzeugindustrie“, heißt es in der Studie. Wie hoch in den jeweiligen Branchen der Anteil der politischen Gefangenen war, lässt sich mangels Aufzeichnungen nicht nachvollziehen.

Kein Beleg für schlechtere Behandlung politischer Gefangener

In der Studie wird zudem versucht, die volkswirtschaftliche, fiskalische Bedeutung der Zwangsarbeit zu bemessen. Grundsätzlich lag die Wirtschaftsleistung der Zwangsarbeit zwischen 0,2 und 0,94 Prozent und entspricht insofern dem Anteil der Gefangenen an der arbeitenden Bevölkerung. „Ob das System des Strafvollzuges insbesondere dann profitabel war, wenn die produzierten Waren in den Westen exportiert wurden, lässt sich mangels Datengrundlage nicht global beantworten“, heißt es in der Studie. Die Studie wurde vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam im Auftrag der Ostbeauftragten erstellt. Ziel des Vorhabens war es, die Bedingungen wissenschaftlich zu analysieren, unter denen im Strafvollzug der DDR Zwangsarbeit geleistet wurde. Im Mittelpunkt stand die Zwangsarbeit politischer Häftlinge. Die Studie findet keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass die politischen Gefangenen aufgrund zentraler Weisungen schlechter behandelt worden wären als die anderen Gefangenen. Denn im Vordergrund standen die wirtschaftlichen Zwänge der maroden Volkswirtschaft, die drängender waren, als der Aspekt der „Erziehung“. Planerfüllung war das oberste Gebot.

Die Studie „Die historische Aufarbeitung der Zwangsarbeit politischer Häftlinge im Strafvollzug der DDR“ zum Download.

Foto: Ostbeauftrage Iris Gleicke und Roland Jahn, Beauftragter der Bundesregierung für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR

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