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Wirtschaftliche Potentiale, soziale Probleme und staatliche Regulierungen: CSR in Indien heute

Das riesige Land Indien erstreckt sich mit über einer Milliarde Einwohnern über viele Klimazonen. Es umfasst hunderte Sprachen und Kulturen mit vielen Religionen und einer mehrere Tausend Jahre alten Geschichte. Seit seiner politischen Unabhängigkeit im Jahr 1947 ist das Land die größte Demokratie der Welt. Im Gegensatz zu seinem nördlichen Konkurrenten China ist Indien noch immer ein schlafender Riese, obwohl das Land im Jahr 2016 nach Schätzungen die am stärksten wachsende Volkswirtschaft der Welt sein soll. Doch die wirtschaftlichen Potenziale des Landes sind ebenso gigantisch wie die sozialen Probleme, deren Lösung aussteht.

Frankfurt am Main (csr-news) – Das riesige Land Indien erstreckt sich mit über einer Milliarde Einwohnern über viele Klimazonen. Es umfasst hunderte Sprachen und Kulturen mit vielen Religionen und einer mehrere Tausend Jahre alten Geschichte. Seit seiner politischen Unabhängigkeit im Jahr 1947 ist das Land die größte Demokratie der Welt. Im Gegensatz zu seinem nördlichen Konkurrenten China ist Indien noch immer ein schlafender Riese, obwohl das Land im Jahr 2016 nach Schätzungen die am stärksten wachsende Volkswirtschaft der Welt sein soll. Doch die wirtschaftlichen Potenziale des Landes sind ebenso gigantisch wie die sozialen Probleme, deren Lösung aussteht: Noch immer ist ungefähr die Hälfte aller Inder arm, behindert das Kastensystem den sozialen Aufstieg und sind Korruption und Klientelwirtschaft zugunsten der eigenen Familien weit verbreitet. Vor diesem Hintergrund stellt sich die spannende Frage, wie es um die Umsetzung von CSR in Indien steht.

Ein Gastbeitrag von René Rüth mit einem Blick auf die aktuelle Forschungsliteratur und die gegenwärtigen Entwicklungen in der Praxis

CSR Verständnis und staatlicher Einfluss

Eine Tradition ethisch-unternehmerischen Handelns kennt Indien dennoch. Bis in die 1960er Jahre war vor allem die philanthropische, nicht unmittelbar am Unternehmensziel ausgerichtete Verantwortung verbreitet. Seither wandelte sich diese Einstellung in ein Bewusstsein, als Unternehmen gegenüber den eigenen Stakeholdern verantwortlich zu sein. Auch der Staat begann, sich stärker für die Regulierung der Wirtschaft zu interessieren. Beide Entwicklungen führten seit den 1980er Jahren dazu, dass CSR zunehmend als ein integraler Bestandteil der Unternehmensstrategien verstanden wird. Nach wie vor betrifft CSR jedoch nur große Unternehmen und Konzerne (Chaudry/ Das/ Sahoo 2012).

Eine aktuelle Studie unter 63 Firmen aus dem Bundesstaat Madhya Pradesh ergab, dass beinahe alle Unternehmen über die positiven Auswirkungen, die CSR auf das Bild des Unternehmens in der Öffentlichkeit hat, informiert waren (Miluwi 2013). Mehr als die Hälfte der Befragten hielt CSR sogar für eine unternehmerische Notwendigkeit. Diese Zahlen zeigen, dass CSR heute im Bewusstsein großer indischer Unternehmen etabliert ist.

Einen wichtigen Beitrag für die Durchsetzung von CSR hat in den letzten Jahrzehnten stets der indische Staat gespielt. Häufig waren es in Aussicht gestellt staatliche Vergünstigungen, die Unternehmen dazu motiviert haben, sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zu stellen. In den letzten Jahren hat jedoch ein Umdenken stattgefunden und Unternehmen werden immer stärker auch eigenverantwortlich aktiv, um CSR zum Wohl ihres Unternehmens auszuüben (Narayan 2014). Der indische Staat stellt für dieses Engagement aber noch immer den gesetzlichen Rahmen zur Verfügung. Der 2013 verabschiedete Companies Act bildet dafür das jüngste erfolgreiche Beispiel.

Der Companies Act – Verpflichtung zur Investition in CSR Projekte

Der Companies Act verpflichtet große indische Unternehmen, jährlich zwei Prozent ihres Einkommens in CSR-Projekte zu investieren (Bansal 2015). Um unter die Regelung des Gesetzes zu fallen, müssen Unternehmen eine von drei Kriterien erfüllen: einen Jahresumsatz von 180 Mio. US-Dollar, einen Netto-Unternehmenswert von 90 Mio. US-Dollar oder einen EBITA von 900.000 US-Dollar aufweisen. Ist dies der Fall, dann muss zudem ein eigenständiges CSR-Kommittee eingerichtet werden, um die Projekte wählen, überwachen und evaluieren zu können.

Die Großunternehmen können die Felder ihres CSR-Engagements aus einer Liste frei wählen, die von der Regierung verfügte wurde und die Probleme umfasst, deren Lösung für den von sozialen Widersprüchen geprägten indischen Staat besonders dringend ist. Dazu zählen die Beseitigung von Hunger, die Förderung von Bildung, die Gleichstellung von Frauen, die Verminderung von Kindersterblichkeit, der Kampf gegen Aids und der nachhaltige Schutz der Umwelt (PwC 2013).

Sollten aus dem CSR-Engagement Gewinne anfallen, dann sind diese laut Gesetz auf die zwei Prozent des Einkommens aufzuschlagen. Weiterhin gilt: Die CSR-Projekte müssen in Indien selbst durchgeführt werden. Es ist egal, ob sie von den Unternehmen selbst oder von Partnerorganisationen betreut werden, wobei nicht ausschließlich die eigenen Angestellten oder ihre Familien Nutznießer sein dürfen. Ernst & Young schätzt, dass von dem Gesetz etwa 2.500 Unternehmen betroffen sind. Sie erwarten eine CSR-Förderungssumme in Höhe von mehr als zwei Mrd. US-Dollar im Jahr (Kordant Philanthropy Advisors 2013).

Möglichkeiten, die Zwei-Prozent-Marge der durchschnittlichen Gewinne der letzten drei Jahre zu unterlaufen, bestehen auch, sie müssen im jährlichen CSR-Bericht nur begründet werden. Welche Argumente dabei zählen und wann mit Sanktionen wegen eines Verstoßes gegen das Gesetz gerechnet werden muss, darüber liegen noch keine Erfahrungen vor. Trotz der empfohlenen CSR-Felder lässt das Gesetz leider eindeutige Kriterien für die Wahl von CSR-Aktivitäten vermissen, sodass es schwer für die staatlichen Monitoring-Behörden sein dürfte, die CSR-Leistungen der Unternehmen zu beurteilen und Fremd- von Eigennutz korrekt zu unterscheiden.

Kritiker des Gesetzes weisen darüber hinaus darauf hin, dass keine Anreize für Unternehmen geschaffen wurden, die mehr als zwei Prozent ihres Einkommens in soziale Projekte investieren (Premlata/ Agarwal 2013). Zudem fehlt ein Informationssystem, damit die Unternehmen unter den über drei Mio. NGO, die in Indien arbeiten, diejenigen herausfinden können, die eine erfolgreiche Kampagnenarbeit machen.

Das größte Problem des indischen Gesetze ist aber zugleich auch seine größte Stärke: Sein verpflichtender Charakter sorgt für Investitionen im sozialen Bereich, aber es entlastet die Unternehmen vollständig von eigenständiger sozialer Verantwortung. Ein CSR, das rechtlich verpflichtend ist, hört auf, CSR zu sein. Zugleich löst die CSR-Verpflichtung aber nicht das Problem, dass eine breite gesellschaftliche Hinwendung zu CSR in Indien im Moment nicht zu erkennen ist. Über den engen Kreis der Großunternehmen hinaus fehlen dafür das soziale Bewusstsein und der unternehmerische Wille (Urmila 2011).

Was bringt die Zukunft?

Da es nur ein geringes öffentliches Bewusstsein für CSR gibt, üben auch die Stakeholder kaum Druck auf die Unternehmen aus, sich ethisch zu engagieren. Zahlreiche Möglichkeiten, CSR-Maßnahmen auf eine intransparente Weise und nur zum Wohl des eigenen Unternehmens durchzuführen, erschweren die gesellschaftliche Reputation von CSR zusätzlich. In einer zumeist von Korruption und Vetternwirtschaft geprägten Gesellschaft ist es schwer, die Mitbewerber und die Kunden mit Moral zu beeindrucken, weil sie schlicht als unglaubwürdig gilt. Dennoch bräuchte Indien natürlich genau das: Glaubwürdige und integre Unternehmer, die deutlich machen, dass sie für die Gesellschaft arbeiten wollen und die genau dafür von ihren Stakeholder geschätzt werden. Die Verpflichtung des Companies Act bietet einen ersten Schritt dahin. Die Milliarden, die durch ihn in soziale Projekte fließen, werden dringend gebraucht. Und ein gesellschaftliches Bewusstsein verändert sich nicht über Nacht. Insofern werden die nächsten Jahre zeigen, ob das neue Gesetz zu einer breiten Durchsetzung von CSR in Indien führen wird.

Zur Person: Dr. René Rüth ist Gründer und Managing Director des IMEC – Institute for Management Education & Culture in Frankfurt. Dr. Rüth lehrt zudem Marketing, Brand Management sowie nachhaltige Unternehmensführung an führenden deutschen Hochschulen.

Literatur

  • Bansal, T. (2015, January 13). The Unintended Consequences of India’s CSR Law. Business Today. >> Link.
  • Chaudhury, S. K., Das, S. K., & Sahoo, P. K. (2012). Practices of corporate social responsibility (CSR) in banking sector in India: an assessment. Research Journal of Economics, Business and ICT, 4, 76-81.
  • Kordant Philanthropy Advisors (2013). The 2% CSR Clause: New Requirements for Companies in India. >> Link.
  • Miluwi, J.O. (2013). Corporate Social Responsibility: Global Idea and National Importance in the 21st Century. International Journal of Advanced Research in Management and Social Sciences, 2 (3), 92-116.
  • Narayan, A. (2014). Being a Corporate Citizen in India: History and Situation Today. Journal of Economy & Business, 8, 1132-1139.
  • Premlata & Agarwal, A. (2013). Corporate Social Responsibility: An Indian Perspective. Journal of Business Law and Ethics, 1 (1), 27-32.
  • PwC (PricewaterhouseCoopers). (2013). Handbook on Corporate Social Responsibility in India. >> Link.
  • Urmila, M. (2011). Corporate Social Responsibility in India. Babasaheb Gawde Institute of Management Studies. >> Link.

Foto: Sauberes und ausreichendes Wasser – eine der großen Herausforderungen auf dem indischen Subkontinent, die in einem Zusammenhang mit unternehmerischem Handeln steht

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