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Nachhaltige Logistik: Mittelstand fehlt oft „Zeit für den nötigen Weitblick“

Das Ziel einer nachhaltigen Logistik beinhaltet nach wie vor große Herausforderungen. Im deutsch-niederländischen Grenzgebiet hat das Forschungsprojekt „Green² – Green Logistics in Agrobusiness“ von Juni 2013 bis Juni 2015 Nachhaltigkeitspotentiale dieser Querschnittsbranche untersucht. Nach Ergebnissen dieses Projektes und den Lessons Learned fragte CSR NEWS Raphael Heereman von Zuydtwyck, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut GEMIT der Hochschule Niederrhein.

Mönchengladbach (csr-news) – Das Ziel einer nachhaltigen Logistik beinhaltet nach wie vor große Herausforderungen. Im deutsch-niederländischen Grenzgebiet hat das Forschungsprojekt „Green² – Green Logistics in Agrobusiness“ von Juni 2013 bis Juni 2015 Nachhaltigkeitspotentiale dieser Querschnittsbranche untersucht. Nach Ergebnissen dieses Projektes und den Lessons Learned fragte CSR NEWS Raphael Heereman von Zuydtwyck, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut GEMIT für Geschäftsprozessmanagement und IT der Hochschule Niederrhein. Im Projekt befasste sich der Forscher mit der theoretischen Ausarbeitung eines elektronischen Marktplatzes für Kühlkapazitäten.

Wo haben Sie mit dem Projekt Green2 das größte Optimierungspotential in der Lebensmittel-Logistik entdeckt?

Heereman von Zuydtwyc: Transport und Verkehr verursachen mit 25% innerhalb der Wirtschaftssektoren am meisten Emissionen. Zudem ist die Kühlkette für ca. 1% des globalen CO2 Ausstoßes verantwortlich. Deshalb haben wir uns hauptsächlich auf Emissionseinsparungen und Energieoptimierung in diesen Bereichen konzentriert. Durch Verlagerung von der Straße auf die Schiene oder das Binnenschiff kann viel erreicht werden. So haben wir für einen Partner Relationen ermittelt, die bei einer Senkung der Transportkosten zu 69 % Emissionseinsparung führen. Wir sprechen hier also von einer Win-Win-Situation für Unternehmen und Umwelt. Auch im Lagerbetrieb können auf einfache und kostensparende Art Potenziale gehoben werden. So führt zum Beispiel im Anschaffungsfall die Wahl eines neuen Elektrostaplers zu 40% Energie- und 12 % Kosteneinsparung.

Im Bereich der Energieeffizienz gilt es, einige Mythen aus der Welt zu schaffen. Durchschnittlich wird ein Viertel des Energieeinsatzes eines Kühlhauses für die Lagerkühlung aufgewendet. Wir haben ermittelt, dass ein Austausch der bestehenden Kältemaschinen das größte Einsparpotential mit mehr als 30 % aufweist. Wir konnten auch mit dem Mythos aufräumen, dass Nachhaltigkeit immer kostenintensiv sei. Die im Projekt erarbeiteten Maßnahmen sind mindestens kostenneutral und sparen bis zu einem Drittel der konventionell anfallenden Ausgaben ein.

Welche Erkenntnisse sind auch über die deutsch-niederländische Grenzregion hinaus von Bedeutung?

Emissionen machen nicht an der Grenze halt – somit ist eine ganzheitliche Aufnahme entlang der Supply Chain für die Marktteilnehmer besonders wichtig, um sich in Zukunft positionieren zu können. Doch hierfür fehlt kleinen und mittelständischen Unternehmen leider oft die Zeit für den nötigen Weitblick, da besonders in der Logistikbranche Zeit- und Kostendruck im Tagesgeschäft besonders hoch sind. Auch die Güterströme müssen grenzüberschreitend betrachtet werden. Dazu benötigt man abgestimmte Infrastrukturkonzepte über alle Verkehrsträger hinweg, damit die Verkehrsadern aus den Seehäfen ins Hinterland nicht ins Stocken geraten.

Der grenzübergreifende Austausch im Projekt war hier von besonderer Bedeutung, da sowohl Produzenten als auch Logistikdienstleister auf beiden Seiten der Grenze sich austauschen und voneinander lernen konnten. Innerhalb des Projektes wurde deutlich, dass eine gemeinschaftliche Handlungsweise und ein Austausch von Aktivitäten innovatives Denken fördern und kooperative, aussichtsreiche Projekte auf den Weg bringen.

Wie funktioniert die Umsetzung der theoretischen Erkenntnisse in die unternehmerische und politische Praxis?

Das Projekt Green² hat sich bewusst einer praxisnahen Forschung und Umsetzung verschrieben. Theoretische Modelle im Bereich Transport- und Lageroptimierung wurden direkt mit den Projektpartnern erörtert und auf ihre Praxistauglichkeit getestet und ausgewertet. Dazu diente ein eigens konzipiertes Vorgehensmodell zur praktischen Umsetzung von Verkehrsverlagerungsprojekten. Im Bereich der Energieeffizienzforschung werden weitere Test mit einer Absorptionskältemaschine zur Reduktion des Energieverbrauchs durchgeführt. Auch soll das theoretische Modell eines virtuellen Marktplatzes für Kühlkapazitäten auf europäischer Ebene umgesetzt werden. Hierzu müssen weiterhin Politik und Wirtschaft eingebunden werden. Es gibt eine Vielzahl von Förderprogrammen für KMU: Allein der Zugang hierzu fällt ihnen oft schwer. Die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Wirtschaft sollte auf jeden Fall weiter gestärkt werden.

Welche Forschungsfragen sind offen geblieben und wie wird daran weiter gearbeitet?

Wir fragen uns natürlich, wie wir den Gedanken des nachhaltigen Wirtschaftens noch stärker in den Betrieben verankern können. Die erarbeiteten Lösungen scheinen fast immer nur für einzelne Unternehmen zu gelten. Deshalb ist es wichtig, dort anzusetzen, wo Unternehmer langfristig Veränderungen vornehmen können. Wir zielen darauf, den Change-Prozess hin zu nachhaltigerem Wirtschaften in den Unternehmensstrategien zu verankern. Hierfür planen wir bereits weiter Projektvorhaben, die mittels Serious Gaming Unternehmer hierfür sensibilisieren und diese in der Erarbeitung einer Nachhaltigkeitsstrategie unterstützen.

Herzlichen Dank!

Zum Projekt:
Das Projekt Green² – Green Logistics in Agrobusiness wird im Rahmen des INTERREG IV A Programms Deutschland-Nederland mit Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE), dem Ministerium für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk des Landes Nordrhein-Westfalen und der Provincie Limburg kofinanziert. Es wird begleitet durch das Programmmanagement bei der Euregio Rhein-Maas-Nord.
Das Projekt im Internet: www.green2logistics.eu

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