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Rauer Ton um Essen in der Mülltonne

Ein gemeinsames Ziel sollte die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung sein – doch der Ton war zuletzt rau zwischen der französischen Umweltministerin Ségolène Royal und den Supermarktketten des Landes. Mit „Druck“ wollte die Sozialistin den Handel zu Zusagen zwingen, damit nicht jedes Jahr Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll landen. Doch die am Donnerstag ins Umweltministerium zitierte Branche sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt – und wirft Royal vor, sich auf ihre Kosten zu profilieren.

Paris (afp) > Ein gemeinsames Ziel sollte die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung sein – doch der Ton war zuletzt rau zwischen der französischen Umweltministerin Ségolène Royal und den Supermarktketten des Landes. Mit „Druck“ wollte die Sozialistin den Handel zu Zusagen zwingen, damit nicht jedes Jahr Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll landen. Doch die am Donnerstag ins Umweltministerium zitierte Branche sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt – und wirft Royal vor, sich auf ihre Kosten zu profilieren.

Dass Fleisch und Käse, Jogurt und Milch, Obst und Gemüse in die Tonne wandern, ist ein altbekanntes Problem: Zwischen 20 und 30 Kilogramm Essbares wirft durchschnittlich jeder Franzose im Jahr weg. Eine wahre „Plage“ sei das, „schlichtweg unerträglich“, findet Royal. „In einer Welt, in der viele Menschen verhungern und arme Familien ihre Kinder nicht ernähren können, kann nicht hingenommen werden, dass essbare Waren zerstört werden.“ Royal zielt damit insbesondere auf den Handel ab: Sie zähle auf das „Verantwortungsbewusstsein der Supermarktketten“, sagte die einstige Präsidentschaftsbewerberin kürzlich und drohte in einem Atemzug, die Sache könne auch mit einem Gesetz geregelt werden.

Verbot unverkaufte Lebensmittel wegzuwerfen

Genau das hatte die Regierung eigentlich ohnehin geplant: In Royals im Juli verabschiedeten Energiewendegesetz verbot ein Artikel Supermärkten, unverkaufte Lebensmittel wegzuwerfen. Essbare Ware für den Konsum ungeeignet zu machen, sollte gar unter Strafe gestellt werden. Doch der Verfassungsrat kassierte den fraglichen Artikel wegen Verfahrensfehlern im Gesetzgebungsprozess. Royal entschloss sich deswegen kurzerhand, auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Supermarktketten zu setzen. Doch die werfen der Ministerin, die erst vor wenigen Wochen mit einer Attacke gegen den Brotaufstrich Nutella empörte Reaktionen auf sich gezogen hatte, populistisches Agitieren vor. Royal profiliere sich „auf Kosten der Supermarktketten“ und veranstalte ein medienwirksames „Theater“, mäkelte Michel-Edouard Leclerc, Chef des Leclerc-Supermarktimperiums.

Meiste Lebensmittelmüll in Privathaushalten

Ebenso unfreundlich die Reaktion des Chefs des Handelskonzerns Système U (Super U, Hyper U), Serge Papin. Der zeigte sich besonders verärgert über Royals wiederholt geäußerten Vorwurf, Supermärkte würden Chlorbleiche über weggeworfene Lebensmittel schütten, damit niemand auf der Suche nach Essbarem die Mülltonnen durchwühlt. Das sei eine „Karikatur“, sagte Papin, so etwas seien Einzelfälle und das Werk „Verantwortungsloser“. In den vergangenen Tagen ist der Handel nicht müde geworden zu betonen, dass Supermärkte nur für fünf bis zehn Prozent der weggeworfenen Lebensmittel verantwortlich seien. Der größte Teil – rund 75 Prozent – wandert in Privathaushalten in die Tonne, rund 15 Prozent in Restaurants.

Vor allem aber argumentieren die Supermarktketten, sie würden ohnehin umsetzen, was ursprünglich im Energiewendegesetz vorgeschrieben war: Dass Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, an Hilfsorganisationen gespendet werden. Und wenn das nicht mehr geht, zu Tierfutter verarbeitet oder zur Biogas-Produktion verwendet werden. Supermärkte seien der wichtigste Spender für Essenstafeln, betont der Handelsverband FCD. Der Handelsriese Casino etwa beteuert, im vergangenen Jahr 4300 Tonnen Lebensmittel gespendet zu haben, bei denen das Verfallsdatum näher rückte. Das entspricht 8,6 Millionen Mahlzeiten. Beim Carrefour-Konzern, der mit 800 Hilfsgruppen zusammenarbeitet, sind es sogar 77 Millionen gespendete Mahlzeiten.

Unterzeichnung der Selbstverpflichtung

Außerdem haben die Supermärkte viel unternommen, um die Menge nicht verkaufter Ware zu senken – natürlich auch aus Eigennutz. Neue Computerprogramme sollen die Warenbestellung optimieren, Lebensmittel mit nur noch kurzer Haltbarkeitsdauer kommen in Rabatt-Regale, eine Kampagne wirbt für nicht makellos aussehendes Obst und Gemüse, das Kunden normalerweise lieber liegen lassen. Es gab deswegen keine Zweifel, dass die Supermarktbranche am Donnerstag die von Royal gewollte Selbstverpflichtung im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung unterzeichnen würde – trotz der unfreundlichen Worte auf beiden Seiten.