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Bockspringer gesucht: Klimaschutz braucht Innovationen

Vorreiterunternehmen zeigen, welche Fortschritte im Klimaschutz bereits mit heute verfügbarer Technik erreichbar sind. Die Voraussetzungen dafür sind ein strategisches Verständnis von Klimaschutz, geeignete Managementinstrumente und eine Einbeziehung der wesentlichen Stakeholder.

Vorreiterunternehmen zeigen, welche Fortschritte im Klimaschutz bereits mit heute verfügbarer Technik erreichbar sind. Die Voraussetzungen dafür sind ein strategisches Verständnis von Klimaschutz, geeignete Managementinstrumente und eine Einbeziehung der wesentlichen Stakeholder.

Von Hans-Dieter Sohn

Leapfrogging, wörtlich übersetzt: Bockspringen, nennen es Angelsachsen, wenn Unternehmen große Entwicklungssprünge machen. In diesem Sinn hat der Heiztechnik-Hersteller Viessmann beim Klimaschutz einen beachtlichen Bocksprung hingelegt: „An unserem Stammsitz in Allendorf an der Eder haben wir im Rahmen unserer Nachhaltigkeitsstrategie das Projekt Effizienz Plus umgesetzt, mit dem wir den Verbrauch fossiler Energie um zwei Drittel und die CO2-Emissionen um 80 Prozent reduziert haben“, berichtet Manfred Greis, Generalbevollmächtigter der Viessmann Werke. Damit hat Viessmann das klimapolitische Ziel der Bundesregierung für 2050 – 80 Prozent weniger klimaschädliche Emissionen als 1990 – schon 35 Jahre früher erreicht. Unter anderem mit einer Wärmeversorgung aus eigenen Pappeln und Weiden, deren Holzhackschnitzel etwa die Hälfte des jährlichen Biomasse-Bedarfs decken.

CO2-Guthaben erwirtschaftet

Noch weiter geht der Schwarzwälder Vakuumtechnik-Spezialist Schmalz. „Mit unseren regenerativen Energiequellen wie Windkraft, Photovoltaik und Wasserkraft erzeugen wir mehr Strom, als das Unternehmen selbst braucht – der Großteil des Energieverbrauchs bleibt CO2-neutral“, erläutert Kommunikationschef Andreas Dölker. Ergänzt durch ressourceneffiziente Produktionsprozesse und Energiespar-Maßnahmen, etwa eine Wärmerückgewinnung in den Lüftungsanlagen, erwirtschaftet Schmalz rein rechnerisch ein CO2-Guthaben.

Was Viessmann und Schmalz eint: Sie haben Klima- und Umweltschutz als strategische Ziele definiert. Ein entscheidender Schritt. „Klimaschutz muss integraler Teil der Unternehmensstrategie sein, von der gesamten Führung aktiv getragen und immer wieder kommuniziert und begründet werden“, sagt Sven Griemert, Partner im Expertennetzwerk der Unternehmensberatung messbar. Ebenfalls wichtig: quantifizierbare und anspruchsvolle Vorgaben. „Langfristig erfolgreich werden Unternehmen sein, die sich ambitionierte Ziele setzen“, ist Griemert überzeugt. Diese Unternehmen setzen auf innovative Durchbrüche bei der CO2-Vermeidung, also auf Bocksprünge, statt nur auf inkrementelle Verbesserungen. „Die Erfahrung zeigt: nur wirklich ambitionierte Ziele setzen die notwendigen Innovationskräfte im Unternehmen und bei Mitarbeitern frei.“

Innovationskräfte freisetzen

„Das eigene Geschäftsmodell konsequent auf Energieeinsparung und Klimaschutzmaßnahmen auszurichten ist sicherlich einer der größten Hebel“, ist auch Wolfgang Saam, Geschäftsführer des Vereins Klimaschutz-Unternehmen, überzeugt. Für die Aufnahme in diese Exzellenzinitiative muss sich jedes Unternehmen einer unabhängigen Begutachtung unterziehen. Die knapp 30 Mitglieder, vom 20-Mitarbeiter-Caféhaus aus Hamburg bis zum Weltkonzern Ikea, zeigen, dass Unternehmen mit Hilfe von Energie- und Umweltmanagementsystemen ihre Klimabilanz verbessern können – unabhängig von ihrer Größe. Die Einsparungen sind beträchtlich. Der Fertighausproduzent SchwörerHaus etwa ist dabei, sein Holztrocknungsverfahren umzustellen, womit sein Stromverbrauch um 40 Prozent oder 800.000 Kilowattstunden pro Jahr sinkt, wie der technische Leiter Holzindustrie Rainer Henniger erläutert.

Darüber reden diese Firmen gern – und tun gut daran. „Besondere Leistungen beim Klimaschutz können kommunikativ besonders hervorgehoben werden, sind aber immer als Teil einer Strategie und gemeinsam mit den Motiven des Unternehmens zu kommunizieren“, rät Griemert. Dass die Motive für Klimaschutz auch ökonomischer Natur sein können, liegt auf der Hand. Eine höhere Ressourceneffizienz macht Produkte auch für Kunden attraktiver, berichtet Schmalz-Kommunikationschef Andreas Dölker: „Sie ist das ‚Zünglein an der Waage’, wenn sich Kunden sich für oder gegen die Produkte eines Unternehmens entscheiden.“ Vakuum-Erzeuger von Schmalz verbrauchen bis zu 80 Prozent weniger Energie, heißt es aus dem Unternehmen.

Ideen für Innovationen

Ideen für die entsprechenden Innovationen holen sich viele der Klimaschutz-Unternehmen auch aus dem eigenen Haus. In den letzten Jahren sind dabei die Azubis in den Fokus gerückt. „Ihr frischer Blick auf die Prozesse und ihr Interesse am langfristigen und verantwortlichen Unternehmenserfolg hat schon so manche innovative Idee hervorgebracht“, berichtet messbar-Berater Sven Griemert. Nach diesem Prinzip funktionieren auch die 2010 vom Ventilatorhersteller ebm-papst ins Leben gerufenen „Energiescouts“ – Azubis, die im Unternehmen nach Energiesparpotenzialen suchen. Sie sparten ebm-papst bisher Energiekosten von rund eine Million Euro. Dies sprach sich schnell herum. „Im vergangenen Jahr hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag die Energiescouts als Schulungsprogramm übernommen und bundesweit in über 30 IHKs mehr als 1000 Energiescouts ausgebildet“, berichtet Unternehmenssprecherin Linda Hener. In diesem Jahr gelang sogar der Sprung über den großen Teich: Drei Energiescouts der Mulfinger Unternehmenszentrale präsentierten ihr Projekt Unternehmen, der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in New York und einem hochrangigen Vertreter des UN-Umweltprogramms.

Auch innerhalb der Gruppe der Klimaschutz-Unternehmen, die sich halbjährlich zum Ideenaustausch treffen, hat die Idee Nachahmer gefunden, etwa beim Druckluftspezialisten Mader oder der Weidmüller Gruppe mit Sitz in Detmold. Letztere versteht die Energiescouts auch als „aktive Botschafter für Nachhaltigkeit“, wie Dr. Christian von Toll erläutert, Manager Business Development bei Weidmüller.

Unternehmen als Klima-Botschafter

Als Botschafter verstehen sich auch die Klimaschutz-Unternehmen selbst – und haben viele Wege gefunden, ihre Botschaften zu vermitteln. Sie treten in Greentech-Wettbewerben an, die sie regelmäßig gewinnen. Sie bloggen, wie Mader auf mader-energieeffizienz.de, oder organisieren Aktionstage wie den GreenDay bei ebm-papst. Schmalz hat einen „Ökolehrpfad“ angelegt, Weidmüller erklärt Klima-Innovationen mit Schaubildern in seiner „transparenten Fabrik“. Viessmann hat aus der Diffusion von Energiemanagement-Know-how sogar ein Geschäftsmodell gemacht und bietet über eine Tochterfirma Beratungsdienstleistungen an.

Doch die Kommunikation ermöglicht nicht immer eine Rückkopplung. „Die zentralen Stakeholder des Unternehmens – Mitarbeiter, Shareholder, zentrale Zulieferer und Kunden – werden immer noch zu wenig bei der Entwicklung und Weiterentwicklung der Klimaschutzstrategie eingebunden“, sagt Sven Griemert. „Für einen effektiven Klimaschutz ist es gut, wenn Mitarbeiter nicht nur von den Maßnahmen überzeugt sind und verstehen, was sie tun“, ist auch Wolfgang Saam überzeugt. „Sie sollten auch die Möglichkeit haben, Feedback zu geben.“ Idealerweise steigen damit Identifikation und Zufriedenheit. Doch das Design der Feedbackschleifen beeinflusst den Erfolg.

Teil der Incentivierungsstrategie

Das Vorschlagswesen des Bio-Brauers Neumarkter Lammsbräu etwa sorgte zunächst für Unmut unter den Ideengebern, wenn die Umsetzung zu lange auf sich warten ließ. Die Lösung: Eine zentrale Stelle im Nachhaltigkeitsmanagement macht die Vorschläge und den Stand der Umsetzung transparent. Zudem belohnte der Getränkehersteller anfangs die Mitarbeitenden mit den meisten Verbesserungsvorschlägen. Dadurch stieg zwar die Menge der Vorschläge. Aber oft ohne wesentliches Verbesserungspotenzial. Nach der Entscheidung, nur noch den qualitativ besten Vorschlag zu honorieren, sank die Zahl, aber die Qualität stieg an.

An den Anreizsystemen lässt sich für Sven Griemert generell ablesen, wie sehr sich Unternehmen dem Klimaschutz verschreiben. Für ihn ist die Frage „Sind die Klimaziele auch Teil der Incentivierungsstrategie aller operativen Einheiten?“ ein guter Lackmustest für ernsthaften Klimaschutz. „Denn ohne entsprechende Incentivierungen lassen sich Ziele im Unternehmen generell meist nur schwer durchsetzen.“

„Solche Instrumente werden populärer“, berichtet Susan Dreyer, die das CO2-Transparenz-Projekt CDP in den deutschsprachigen Ländern leitet. Das CDP erhebt Klimadaten von Unternehmen in 60 Ländern. Im letzten Jahr war die variable Vergütung des Vorstands in Deutschland, Österreich und der Schweiz erst bei 13 Prozent der Unternehmen mit den Klimazielen des Unternehmens verknüpft. „Dieser Anteil hat sich jetzt mehr als verdoppelt – auf 29 Prozent“, berichtet Dreyer.

Klimaschutz in der Backstube

Mit Hilfe von Managementinstrumenten erhobene Daten sind „nicht nur wichtig, um die unternehmerische Nachhaltigkeitsleistung zu messen und zu bewerten, sondern auch, um diese gegenüber der Gesellschaft transparent und vergleichbar zu machen“, betont Christoph Deinert, Geschäftsführer der Berliner Ökobäckerei Märkisches Landbrot. Er hat als erster Bäcker in Europa auf der Basis einer Ökobilanz einen Product Carbon Footprint für alle seine Brote und Backwaren errechnen lassen. Das Ergebnis stellt er als Berechnungstool auf der Bäckerei-Website bereit. Dort können Kunden ihre persönlichen Einkaufs- und Verzehrgewohnheiten einfließen lassen, wie mit dem Auto oder dem Rad zum Einkaufen zu fahren oder das Brot zu toasten oder einzufrieren. Dabei zeigt sich: Die Nutzungsphase der Backwaren verursacht mit im Schnitt 563 Gramm CO2 mehr Emissionen als deren Produktion, für die 342 Gramm anfallen.

Scope 3 bleibt intransparent

Diese indirekten Emissionen, von Treibgausgas-Accountants unter „Scope 3“ zusammengefasst, machen erst wenige Unternehmen transparent. Hier geht es um Emissionen, die im Einflussbereich des Unternehmens anfallen, aber nicht vom Unternehmen selbst verursacht werden. Etwa Produkte, die das Unternehmen als Vorleistungen kauft oder Emissionen in der Nutzungsphase der Produkte. „In der DACH-Region berichten derzeit 84 Prozent der börsennotierten Firmen über ihre Emissionen in Scope 1 und 2, aber nur ausreichend 13 Prozent über Scope 3“, sagt CDP-Managerin Susan Dreyer. Das Problem: Die Werte für Scope 3 liegen bei globalisierten Wertschöpfungsketten meist viel höher als die mit Scope 1 und 2 bezeichneten direkten Emissionen aus der Produktion und der dafür eingekauften Energie. Wer die Anstrengung auf sich nimmt, gemeinsam mit den Lieferanten belastbare Daten zu erheben, kann also weitere „Bocksprünge“ machen.

Hans-Dieter Sohn
ist Fachjournalist für Umweltpolitik und nachhaltiges Wirtschaften und lebt in Ahrensburg bei Hamburg
hans-dieter.sohn@csr-magazin.net

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