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„Geschäft Fußball“: Der Ball ist rund und Geld schießt Tore.

75 Millionen Ablösesumme – Menschenhandel? 20 Millionen Jahresgehalt – unmoralisch? Die wirklichen moralischen Probleme im europäischen Profi-Fußball stecken tiefer und betreffen eine „Moral des Wettbewerbs“, argumentiert Thomas Beschorner in seinem Beitrag. Geld schießt Tore, lautet die einfache Formel im modernen Fußball. Die Bundesliga wird mittelfristig den Anschluss an den europäischen Spitzenfußball verlieren, wenn nicht schnell gehandelt wird.

75 Millionen Ablösesumme – Menschenhandel? 20 Millionen Jahresgehalt – unmoralisch? Die wirklichen moralischen Probleme im europäischen Profi-Fußball stecken tiefer und betreffen eine „Moral des Wettbewerbs“, argumentiert Thomas Beschorner in seinem Beitrag. Geld schießt Tore, lautet die einfache Formel im modernen Fußball. Die Bundesliga wird mittelfristig den Anschluss an den europäischen Spitzenfußball verlieren, wenn nicht schnell gehandelt wird.

Von Thomas Beschorner

Nun ist der Transfer von Kevin De Bruyne also doch noch über die Bühne gegangen. Der Spieler des VfL Wolfsburg wechselt für eine Ablösesumme von mindestens 75 Millionen Euro zum englischen Spitzenverein Manchester City.

Im Zusammenhang mit diesem Vereinswechsel werden Fragen rund um das „Geschäft Fußball“ in öffentlichen Medien ebenso wie unter Fußballfans aktuell breit diskutiert. Da ist die Rede von unmoralischen Gehältern im Profi-Fußball, von einem Transfer-Wahnsinn und gar von einem modernen Menschenhandel mit den Spielern. Ich kann verstehen, dass man sich einen romantischeren Fußball zurückwünscht. Einen Fußball, bei dem es ums Spiel und nicht ums Geld geht, bei dem geackert und nicht kalkuliert wird; bei dem Straßenfußballer entdeckt und nicht in Talentschmieden produziert werden. Doch diese Zeiten sind vorbei – sie sind schon lange vorbei. Fußball ist ein Geschäft geworden, das wissen wir alle. Ist das unmoralisch? Und wenn ja, wo liegen die moralischen Probleme?

Moral des Wettbewerbs

Sie liegen sicherlich nicht bei einem einzelnen Transfer. Manchester City ist bereit einen bestimmten Betrag zu bezahlen, Wolfsburg schätzt diesen Betrag höher ein als den Wert des Spielers für die Mannschaft. Beide sind sich einig, beide freuen sich über den Deal – sonst hätten sie ihn nicht abgeschlossen. Das ist ein ganz normaler Tausch, ein Kaufvertrag. So funktioniert Marktwirtschaft. Und Herr De Bruyne freut sich übrigens über eine Vervierfachung seiner Bezüge.

Wirklich moralische Fragen gibt es jedoch an anderer Stelle, und diese betreffen eine „Moral des Wettbewerbs“. Es zeichnet sich sehr deutlich ab, dass Clubs sowohl innerhalb ihrer jeweiligen Profi-Ligen als auch international nach verschiedenen Spielregeln spielen, die über eine zentrale Größe bestimmt werden: Geld, denn Geld schießt Tore! So einfach ist moderner Fußball.

Es ist kein Zufall, dass der Supertransfer der Saison nach England geht. Die Clubs der englischen Premier League haben in dieser Transferperiode für neue Spieler nahezu ebenso viel Geld ausgegeben wie die Vereine der ersten Ligen aus Spanien, Deutschland und Frankreich zusammen, nämlich etwa eine Milliarde Euro. Interessant ist eine nähere Betrachtung der einzelnen Spielertransfers in England. Hier sind zwar einige Großzugänge zu verzeichnen (insgesamt 4 Spieler über 40 Millionen Euro). Die eigentlich problematischen Transfers finden jedoch eine Etage tiefer statt. In England werden auch für eher mittelstarke Spieler hohe siebenstellige Beträge bezahlt: im Mittel (Median) etwa 7,5 Millionen Euro pro Spieler und damit mehr als das Doppelte wie in der deutschen Bundesliga.

Financial Fair Play

Es ist bekannt, dass englische Vereine von Finanzspritzen ihrer reichen Besitzer profitiert haben. Mit dem “Financial Fair Play” der UEFA soll gewährleistet werden, dass europäische Vereine nur noch so viel Geld ausgeben, wie sie einnehmen; andernfalls drohen Sanktionen (von Geldstrafen bis zum Ausschluss von internationalen Wettbewerben). Man wird beobachten müssen, inwieweit es sich die UEFA trauen wird, diese Richtlinien auch praktisch umzusetzen.

Auch wenn die englischen Vereine durch die aktuellen Transfers ein Negativsaldo von ca. 500 Millionen Euro aufweisen, so kann ihnen eine Einnahmen-Ausgaben-Balance durchaus gelingen. Die Premier League verfügt im Vergleich zur Bundesliga und anderen Top-Ligen schon heute über einen sehr gut dotierten TV-Vertrag, der ab der nächsten Saison noch einmal massiv aufgestockt wird. Den englischen Vereinen werden dann (einschließlich der Vermarktung von Auslandsrechten) insgesamt circa 3,5 Milliarden Euro pro Spielzeit zur Verfügung stehen und damit mehr als das Vierfache der Bundesliga-Clubs.

TV-Vertrag wirft Schatten voraus

Dieser neue Vertrag wirft schon heute seine Schatten voraus. Für die englische Premier League, in der der Tabellenletzte höhere TV-Einnahmen erhalten wird als der deutsche Rekordmeister Bayern München, sind die massiven Transfers kalkulierbare Investitionen. Der Milliarden-Deal verheißt in der Tat nichts Gutes: Wir werden in den kommenden Jahren vielfache Transfers in den Bereichen von über 100 und womöglich auch über 200 Millionen sehen. Die noch stärkere Finanzkraft der englischen Clubs wird dabei auch die Transfersummen und die Gehälter von Spielern mittleren Niveaus nach oben treiben. Meine Prognose: Die Bundesliga wird hier mittelfristig nicht mithalten können und international den Anschluss an die Spitze des europäischen Vereinsfußballs verlieren.

Auch im Interesse der Spitzenvereine – ob nun national oder international – müsste dringend über neue Verteilungsmechanismen nachgedacht werden, was auch eine systematische Berücksichtigung von Transfererlösen beinhalten kann. Ein Fonds z.B., der gewährleistet, dass die Vereine noch „unter den gleichen Spielregeln spielen“ und wir keine Zwei- oder Dreiklassengesellschaft innerhalb der Bundesliga oder international haben. Eine massive Anhebung der Ausbildungsentschädigungen könnte kleineren Vereinen (nicht nur im Profibereich) ebenfalls zugutekommen.

Wenn man über radikalere Veränderungen zur Problemlösung nachdenken möchte, lohnt ein Seitenblick nach Nordamerika. In der National Hockey League (NHL), aber beispielsweise auch in der Major Soccer League (MSL), gibt es ein „Salary Cap“, das ein Gehaltsbudget für Teams definiert – für alle Teams im gleichen Umfang. Das kapitalistische Amerika präferiert im Sport interessanterweise ein eher sozialistisches Modell und ist damit auch ökonomisch sehr erfolgreich. Das Spiel findet auf dem Platz statt – irgendwie auf Augenhöhe.

* Eine Kurzfassung dieses Beitrages ist erschienen in: WirtschaftsWoche, Ausgabe 37/ 4.9.2015, S. 10.

Prof. Dr. Thomas Beschorner
ist Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St.Gallen und wissenschaftlicher Direktor von CSR NEWS
thomas.beschorner@unisg.ch

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