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Nachhaltigkeit in den Industriestaaten – Problematisches Produktions- und Konsumverhalten

Wenig nachhaltiges Produktions- und Konsumverhalten sind wesentliche Gründe dafür, dass die meisten Industriestaaten der OECD noch nicht fit sind für das neue Nachhaltigkeitsversprechen der Vereinten Nationen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Vergleichsuntersuchung aller 34 OECD-Staaten durch die Bertelsmann Stiftung, die Ende des Monats auf dem UN-Sondergipfel in New York offiziell präsentiert wird. Deutschland landet im Vergleich auf dem sechsten Platz.

Gütersloh (csr-news) > Wenig nachhaltiges Produktions- und Konsumverhalten sind wesentliche Gründe dafür, dass die meisten Industriestaaten der OECD noch nicht fit sind für das neue Nachhaltigkeitsversprechen der Vereinten Nationen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Vergleichsuntersuchung aller 34 OECD-Staaten durch die Bertelsmann Stiftung, die Ende des Monats auf dem UN-Sondergipfel in New York offiziell präsentiert wird. Deutschland landet im Vergleich auf dem sechsten Platz.

Es ist die weltweit erste systematische Untersuchung zum gegenwärtigen Status jedes einzelnen der OECD-Länder und im Vergleich der Länder zueinander. Die Momentaufnahme identifiziert anhand von 34 Indikatoren zu den zukünftigen 17 Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development Goals-SDG) zudem sowohl Staaten, die bei einzelnen Nachhaltigkeitszielen Vorbildcharakter haben und wo noch erhebliche Defizite bestehen. Damit liefert die Studie auch eine Blaupause für die Erreichung der SDGs in den nächsten 15 Jahren. Zu den Ländern, die die neuen UN-Ziele am ehesten erreichen, gehören demnach die vier skandinavischen Staaten Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland, gefolgt von der Schweiz auf Platz fünf. Am schlechtesten bewertet werden die USA, Griechenland, Chile, Ungarn, die Türkei und Mexiko.

Deutschland produziert zu viel Müll

Deutschland erreicht im Vergleich einen relativ guten Platz 6. Es kann bei 12 der 34 untersuchten Indikatoren vordere Plätze aufweisen: Insbesondere beim Wirtschaftswachstum, der Beschäftigung, bei Forschung und Entwicklung, durch eine relative geringe Armutsquote, eine vergleichsweise gute soziale Absicherung, eine geringe Zahl von Tötungsdelikten und zahlreiche Naturschutzgebiete. Gleichzeitig weist Deutschland aber eine Reihe markanter Defizite auf. So produziert jeder Deutsche pro Jahr durchschnittlich 614 Kilogramm Müll, deutlich mehr als der Durchschnitt aller Industriestaaten mit 483 Kilogramm oder beispielsweise Japan mit nur 354 Kilogramm pro Einwohner. Alles andere als nachhaltig zeigt sich hierzulande auch die Landwirtschaft. Mit einem Überschuss von 94 Kilogramm pro Hektar Agrarfläche bei Eintrag von Stickstoff und Phosphor drohen Böden, Luft und Wasser schwer beschädigt zu werden. Hintere Plätze belegt Deutschland zudem auch beim Anteil bedrohter Tierarten, der hohen Ausbeutung seiner Wasserressourcen und bei der Feinstaubbelastung, bei der es nur den 27. Platz belegt.

Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung: „Unsere Untersuchung ist der erste Stresstest für die Industriestaaten zu den neuen Zielvorgaben. Danach können wir uns als reiche Länder mit unserer wachsenden sozialen Ungleichheit und Ressourcenverschwendung nicht mehr länger als die Lehrmeister der Welt darstellen. Wir können den Schwellenländern schwerlich vorgeben, wie sie sich entwickeln sollen. Stattdessen können wir in der Analyse erkennen, wo auch wir unsere Hausaufgaben machen müssen. Und zudem zeigt sie uns, wo die Industriestaaten bereits jetzt Gefahr laufen, die neuen Nachhaltigkeitsziele zu verfehlen.“

Spitzenreiter zeigen die Potenziale für Verbesserungen

In der Untersuchung zeigen sich auch große Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern in Bezug auf verschiedene Ziele. Insbesondere die soziale Ungleichheit hat in den Industriestaaten mittlerweile ein Rekordniveau erreicht, mit steigender Tendenz. In 23 OECD-Staaten verdienen die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung inzwischen mindestens genauso viel wie die ärmsten 40 Prozent. In den USA sind es sogar das 1,7fache und in Chile das 3,3fache. Dass Ungleichheit keine zwangsläufige Entwicklung sein muss, beweisen Länder wie die Slowakei, Slowenien, Norwegen, Tschechien oder Dänemark. Hier ist die Konzentration der Einkommen deutlich geringer.

Große Unterschiede zeigen sich etwa auch bei der Umweltbelastung. Staaten wie Australien, Kanada, Polen oder Mexiko belasten das Klima mit über sechs Mal so viel Kohlendioxid für jede Einheit an Wirtschaftsleistung wie Schweden oder Norwegen. Auch der Anteil der erneuerbaren Energien schwankt zwischen den Ländern erheblich. Korea, Großbritannien oder die Niederlande nutzen weniger als vier Prozent erneuerbare Energien. Dagegen kommen Island, Norwegen und Schweden bereits jetzt auf einen Anteil von über 47 Prozent und weiten diese Anteile sogar fortlaufend aus, ohne dass ihr Wirtschaftswachstum leidet.

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Kofi Annan, der geistige Vater der Millenniumsziele, fordert im Vorwort der Studie größere Anstrengungen von den reichen Ländern der Erde: „Diese Studie wird hoffentlich Reformdebatten über Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit in vielen Industriestaaten entfachen. Wir schulden dies unserem Planeten und seinen Menschen.“ Nach Ansicht von Christian Kroll, Studienleiter der Bertelsmann Stiftung, verweisen diese großen Unterschiede auf die erheblichen Möglichkeiten der jeweiligen Staaten bis 2030 substanzielle Fortschritte zu erzielen: „Wenn man die neuen Nachhaltigkeitsziele der UN als Maßstab nimmt, sind alle Länder jetzt Entwicklungsländer. Unsere Vergleichsstudie zeigt aber auch die besten Beispiele und Vorreiter, um ökonomischen, sozialen und ökologischen Fort-schritt in Einklang zu bringen.“ Christian Kroll, weiter: „Wenn es den Entwicklungsländern gelungen ist, mit Hilfe der Millenniumsentwicklungsziele die Kindersterblichkeitsrate zu halbieren, dann sollten wir von den Industriestaaten verlangen können, mit Hilfe der neuen UN-Ziele ihre eigenen Wirtschaftsmodelle sozial gerechter und nachhaltiger zu gestalten.“

Die vollständige Studie zum Download.