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St. Galler Wirtschaftsethik: Selbstkritik der ökonomischen Vernunft

Schon seit Beginn der 1980er Jahre wird im Schweizer St. Gallen über Wirtschaftsethik diskutiert, zunächst in einer Forschungsstelle, später am ersten deutschsprachigen Lehrstuhl zum Thema und schließlich am 1989 gegründeten Institut für Wirtschaftsethik. Zum 25. Geburtstag des Instituts im vergangenen Herbst wurde nicht nur gefeiert, sondern ebenso über Stärken, Schwächen und Perspektiven des institutseigenen Ansatzes zur Wirtschaftsethik diskutiert. Der nun veröffentlichte Sammelband „St. Galler Wirtschaftsethik – Programmatik, Positionen, Perspektiven“ dokumentiert Resultate dieser Diskussion.

St. Gallen (csr-news) > Schon seit Beginn der 1980er Jahre wird im Schweizer St. Gallen über Wirtschaftsethik diskutiert, zunächst in einer Forschungsstelle, später am ersten deutschsprachigen Lehrstuhl zum Thema und schließlich am 1989 gegründeten Institut für Wirtschaftsethik. Zum 25. Geburtstag des Instituts im vergangenen Herbst wurde nicht nur gefeiert, sondern ebenso über Stärken, Schwächen und Perspektiven des institutseigenen Ansatzes zur Wirtschaftsethik diskutiert. Der nun veröffentlichte Sammelband „St. Galler Wirtschaftsethik – Programmatik, Positionen, Perspektiven“ dokumentiert Resultate dieser Diskussion.

Der St. Gallener Ansatz einer integrativen Wirtschaftsethik hat sich in den vergangenen 20 Jahren zu einer der wichtigen wirtschaftsethischen Schulen im deutschsprachigen Raum entwickelt. „Die kritische Diskussion wirtschaftlichen Handelns gehört zur Wirtschaftsethik wie die Kritik zu jeder Wissenschaft“, wird der ehemalige Rektor der Universität St. Gallen (damals noch Hochschule) Alois Riklin mit seinem „Profil der Wirtschaftsethik“ zitiert. Es geht um den Diskurs, die Auseinandersetzung, das Hinterfragen „der normativen Grundlagen der realen Ökonomie“. Dabei verfolgt man in St. Gallen ein Ziel, und das lautet, die Wirtschaftsethik als festen und verpflichtenden Bestandteil der akademischen Ausbildung an einer Wirtschaftsuniversität zu etablieren.

Kritik am vorherrschenden Verständnis wichtiger denn je

Dass dies keineswegs selbstverständlich ist, zeigt der Beitrag von Georges Enderle, seinerzeit Leiter der Forschungsstelle für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen, der Kritik an den „wertfreien“ Wirtschafts- und Sozialwissenschaften darin bekräftigt. Er schreibt: Diese Kritik am vorherrschenden Verständnis von „Ökonomik“ ist heute wichtiger denn je, auch in den Vereinigten Staaten, wo die Normativität mit philosophischer und/oder theologischer Fundierung wieder zunehmend verdrängt und in Frage gestellt wird. Viele Business Schools scheuen sich, in Philosophie und/oder Theologie ausgebildete Wirtschaftsethiker anzustellen. Vorgezogen werden Sozialwissenschaftler, die sich im besten Fall damit begnügen, moralisches Fehlverhalten zu beschreiben und zu erklären, während normatives Argumentieren – oft als unwissenschaftlich deklariert – strikt abgelehnt wird“. Gleichwohl sieht Enderle jedoch auch Schwachstellen im St. Gallener Ansatz, beispielsweise die, „dass dem beschreibend-erklärenden Gehalt des Wirtschaftens und dessen theoretischer Verarbeitung nicht die gleiche, sondern eine weniger wichtige Bedeutung als der normativ-ethischen Orientierung beigemessen wird“.

„Schmiermittel“ für effizientes Wirtschaften

Kern des Sammelbands ist die Diskussion rund um den von Professor Peter Ulrich begründeten Ansatz einer integrativen Wirtschaftsethik, eben jenem Ansatz, der auch als St. Gallener Schule in der wirtschaftsethischen Diskussion verstanden wird. Dabei gewährt Ulrich Einblick in die Vorgeschichte und Entwicklung seiner integrativen Wirtschaftsethik, die, bevor sie zu ihrem Namen kam, einfach nur ein dritter Ansatz sein sollte, als Ergänzung bzw. Erweiterung der existierenden Zugänge zu einer ethischen Betrachtung der Wirtschaft. Ulrich meint damit zum einen die sogenannte Bindestrich-Ethik (vertreten u.a. von Horst Steinmann) und zum anderen die Ökonomie der Moral (vertreten u.a. von Karl Homann). „Solche Moralökonomik interessiert sich naturgemäß nur für die funktionale Seite moralischer Momente in ihrem Potenzial als „Schmiermittel“ für effizientes Wirtschaften“, schreibt Ulrich. Weil Ulrichs Vorstellungen „von der grundlegenden Rolle von Normativität im ökonomischen Denken“, zum keinem der genannten Weg passte, entwickelte er einen dritten Ansatz, den er auch als Kritik der ökonomischen Vernunft in einem kantianischen Sinn versteht.

Ausblick und Reflexionen zur Wirtschaftsethik

Der Aufbau des Sammelbands orientiert sich an der Logik der Tagung im vergangenen November. Nach einführenden Texten zur Idee der integrativen Wirtschaftsethik und der Entwicklung des Instituts zu einer der wichtigsten wirtschaftsethischen Schulen im deutschsprachigen Raum folgen ein umfangreicher Teil mit Positionen und Rückfragen. Hier erläutert Thomas Beschorner seinen Ansatz einer kulturalistischen und integrativen Wirtschaftsethik, betrachtet Florian Wettstein die Business and Human Rights aus Sicht der integrativen Wirtschaftsethik und fragt Johannes Hirata nach der guten sozialen Praxis und wann diese möglich ist. Im dritten Teil des Bandes sind Beobachtungen und Kommentare veröffentlicht, wie etwa die von Georegs Enderle, der mit dem Blick aus der Entfernung fragt, ob auch in St. Gallen „Business Ethics walks on two legs“ und Ulrike Knobloch die Genderperspektive einbringt. Abgerundet wird das Buch mit kurzen Postskripta der Hauptreferenten, in denen sie über die Tagung hinausweisende „Reflexionen und Perspektiven“ bieten. Beispielsweise die „Fahndungen“ von Ulrich Thielemann „nach dem geltungslogischen Sinn von Wirtschaftsethik“ oder die Erkunden von Thomas Beschorner nach „einem noch nicht gefundenen Ort des moral point if view“.

Klappentext:

Wissenschaftler des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St.Gallen engagieren sich seit bald drei Jahrzehnten in der akademischen und öffentlichen wirtschaftsethischen Diskussion. Besonderes Kennzeichen der St. Galler Wirtschaftsethik war und ist eine grundlagenkritische Perspektive: Begriffe wie Gerechtigkeit und Verantwortung, Nachhaltigkeit und (integrativ verstandene) ökonomische Vernunft werden ernst genommen und nicht von vornherein der marktwirtschaftlichen Sachzwanglogik unterworfen. Anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Instituts für Wirtschaftsethik bietet dieser ungewöhnlich diskursiv angelegte Sammelband eine spannende Debatte über das Anforderungsprofil einer Wirtschaftsethik, die zur kritisch-normativen Bearbeitung der heutigen Herausforderungen in Wirtschaft und Gesellschaft tragfähiges Orientierungswissen beisteuern kann. Das Buch regt Weiterführungen der wirtschaftsethischen Diskussion in vielfältige Richtungen an.

Mit Beiträgen von: Thomas Beschorner, Peter Ulrich, Florian Wettstein, Thomas Hajduk, Martin Büscher, Johannes Hirata, Ernst von Kimakowitz, Reinhard Pfriem, Pascal Dey, Ulrich Thielemann, Christoph Schank, Georges Enderle, Philippe Mastronardi und Ulrike Knobloch.

 

St. Galler Wirtschaftsethik

Programmatik, Positionen, Perspektiven

Erschienen im Metropolis Verlag in der Reihe „Ethik und Ökonomie“ (Band 16)

ISBN 978-3-7316-1146-2

375 Seiten