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Eine Bereicherung für die IT-Branche – Autisten auf dem Arbeitsmarkt

Kurt Schöffer schaut einen der großen Lautsprecher an, die im Vorführraum des Boxenbauers Teufel in Berlin stehen. „Wenn wir irgendwann mal richtig erfolgreich sind, dann kommt sowas in Frage“, sagt der Geschäftsführer der Firma Auticon. Erfolg bedeute für ihn aber nicht unbedingt ein hoher Gewinn – sondern möglichst viele Autisten in Beschäftigung zu bringen. In den Räumen des Berliner Hi-Fi-Herstellers wurde Auticon am Mittwoch für die Integration von Menschen mit Asperger-Syndrom in den Arbeitsmarkt geehrt. Die Initiative „Land der Ideen“ verlieh dem IT-Dienstleister die gleichnamige Auszeichnung. Auticon erhielt den Preis in der Kategorie Wirtschaft.

Berlin (afp) > Kurt Schöffer schaut einen der großen Lautsprecher an, die im Vorführraum des Boxenbauers Teufel in Berlin stehen. „Wenn wir irgendwann mal richtig erfolgreich sind, dann kommt sowas in Frage“, sagt der Geschäftsführer der Firma Auticon. Erfolg bedeute für ihn aber nicht unbedingt ein hoher Gewinn – sondern möglichst viele Autisten in Beschäftigung zu bringen. In den Räumen des Berliner Hi-Fi-Herstellers wurde Auticon am Mittwoch für die Integration von Menschen mit Asperger-Syndrom in den Arbeitsmarkt geehrt. Die Initiative „Land der Ideen“ verlieh dem IT-Dienstleister die gleichnamige Auszeichnung. Auticon erhielt den Preis in der Kategorie Wirtschaft.

Schöffer und sein Mitgeschäftsführer Dirk Müller-Remus stellen bei Auticon ausschließlich Autisten als IT-Berater ein und vermitteln sie an Firmenkunden. Müller-Remus, selbst Vater eines autistischen Sohnes, gründete die Firma 2011. Mittlerweile sitzt Auticon neben Berlin auch in Hamburg, München, Frankfurt, Stuttgart und Düsseldorf. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben über 100 Kunden in seinem Portfolio, darunter Siemens, die Allianz – und eben Teufel.

Angeborenes Qualitätsbewusstsein

Aktuell beschäftigt das Unternehmen 50 Menschen mit Asperger-Syndrom, die Projekte in rund 40 Firmen betreuen. „Wir bringen die unbestrittenen Stärken von Asperger-Autisten in den ersten Arbeitsmarkt und kümmern uns um ihre Schwächen“, sagt Schöffer. IT-Berater aus dem Autismus-Spektrum hätten eine überdurchschnittliche Mustererkennung und ein angeborenes Qualitätsbewusstsein. Dafür machten ihnen „soziale und kommunikative Defizite“ und ihre „brutale Ehrlichkeit“ besonders in Firmenhierarchien manchmal Probleme.

Coaches helfen Missverständnisse zu vermeiden

Darum sei es wichtig, im Vorfeld mögliche Problempunkte und Störfaktoren zu besprechen, sagt der Geschäftsführer des Boxenbauers Teufel, Edgar van Velzen. Teufel suchte Mitarbeiter für die Qualitätskontrolle digitaler Lautsprechersysteme – und wurde bei Auticon fündig. „Zwar muss man auch die Kollegen davon überzeugen, das ist nicht immer einfach“, sagt van Velzen. Aber sogenannte Coaches bei Auticon betreuen jeden der Autisten individuell und besprechen vor ihrem Einsatz mit den Firmenkunden, welche Missverständnisse es zu vermeiden gilt. Es könne zum Beispiel sein, „dass ein Kollege ein Problem hat mit Essensgerüchen“, sagt Schöffer. „Wenn ich das weiß, dann setze ich ihn eben nicht direkt in die Nähe der Kantine. Das ist ja für die Leistung völlig wurscht.“

Arbeitsergebnisse oft besser

Die Arbeitsergebnisse der Auticon-Berater seien sogar oft „besser als bei jedem Nicht-Autisten“. Das haben nicht nur Kunden von Auticon erkannt: Im Mai 2013 hatte der Software-Entwickler SAP ein Autistenprogramm angekündigt. Bis 2020 sollen mithilfe des dänischen Vermittlers Specialisterne hunderte Autisten als Softwaretester und Programmierer eingestellt werden. Das IT-Unternehmen CAI aus den USA gab im selben Jahr bekannt, dass Menschen aus dem autistischen Spektrum bis 2015 drei Prozent der Belegschaft ausmachen sollen.

Überdurchschnittlich talentiert

Trotzdem ist das Modell laut Schöffer noch nicht bei jedem in der Branche angekommen. „Wir stehen da in der Entwicklung bestimmt noch im ersten Drittel.“ In Deutschland haben bisher insgesamt nur 15 Prozent der Autisten einen Job, verweist er auf eine Studie der Universität Regensburg. Dabei könne nicht nur der IT-Sektor von den Mitarbeitern und ihren „besonderen Begabungen“ profitieren: Viele Menschen mit Asperger-Syndrom seien gar nicht im mathematisch-logischen, sondern beispielsweise im sprachlichen Bereich überdurchschnittlich talentiert und zudem sehr autodidaktisch veranlagt.

Doch Prüfungssituationen und Bewerbungsgespräche fielen Autisten schwer; auch manche der Auticon-Berater seien ohne berufliche Vorqualifikation zum Unternehmen gekommen. Obwohl etwa die Hälfte von ihnen auch einen Schwerbehindertenausweis habe, stellt Schöffer klar: „Eine Behinderung ist Autismus sicherlich nicht“.

 

Foto: Auticon-Geschäftsführer Dirk Müller-Remus (li.) und Kurt Schöffer