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Walfleisch statt Sushi: Tokio lockt mit umstrittener Delikatesse

Was Touristen an Japan schätzen, sind spektakuläre Landschaften, futuristische Städte und das feinste Sushi der Welt. Doch nun begeht ein Stadtteil von Tokio Tabubruch und lockt Besucher mit einer eher umstrittenen japanischen Tradition: dem Verzehr von Walfleisch. In Ebisu, einer schicken Restaurant-Gegend unweit des hektischen Einkaufsviertels Shibuya, bewirbt ein Festival die kulinarischen Vorzüge des festen Fleisches, das viele seiner Fans an Wild erinnert. In diesem Jahr soll das Fest verstärkt Touristen ansprechen.

Tokio (afp) > Was Touristen an Japan schätzen, sind spektakuläre Landschaften, futuristische Städte und das feinste Sushi der Welt. Doch nun begeht ein Stadtteil von Tokio Tabubruch und lockt Besucher mit einer eher umstrittenen japanischen Tradition: dem Verzehr von Walfleisch. In Ebisu, einer schicken Restaurant-Gegend unweit des hektischen Einkaufsviertels Shibuya, bewirbt ein Festival die kulinarischen Vorzüge des festen Fleisches, das viele seiner Fans an Wild erinnert. In diesem Jahr soll das Fest verstärkt Touristen ansprechen.

“Bei so vielen ausländischen Touristen in Japan wollen wir zeigen, wie wir wirklich denken” über Walfleisch, betonte Festivalleiter Takashi Furui bei der Eröffnung vor wenigen Tagen. Rund 30 Restaurants haben bis 18. Oktober Walfleischgerichte auf der Karte. Doch in der ersten Woche schienen nur wenige Touristen gewillt, das dunkle Fleisch zu kosten. “Ich glaube nicht, dass ich das tun würde, es sei denn, ich wäre kurz vor dem Verhungern und hätte nichts anderes zu essen”, sagt die kanadische Touristin Betty Lidington. Auch ihr Mann Bill reagiert ablehnend: “Ich möchte es eigentlich nicht, und mir würde auch nichts fehlen, wenn ich nie Walfleisch probiere.” Die Französin Agathe Lavielle ist da offener: “Mich schockiert es nicht, verschiedene Speisen und Fleischsorten zu essen. Ich könnte es probieren, vielleicht, ja.”

Population groß genug für nachhaltige Fischerei

Durch den schwachen Yen-Kurs und im Vorfeld der Olympischen Spiele 2020 entwickelt sich Japan zu einer beliebten Destination. 2014 hatte das Archipel rekordverdächtige 13,4 Millionen ausländische Besucher, verglichen mit 10,4 Millionen im Jahr zuvor. In diesem Jahr reisten bis August bereits 12,9 Millionen Touristen in das ostasiatische Land. Wale werden in der Seefahrernation Japan schon seit Jahrhunderten gejagt. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als ein ausgehungertes Land ernährt werden musste, erlebte die Walfangindustrie einen Aufschwung. In den vergangenen Jahrzehnten umging Japan das internationale Fangverbot, indem die Tiere “zu wissenschaftlichen Zwecken” erlegt wurden. Doch es war kein Geheimnis, dass das Walfleisch anschließend auf den Tellern landete – wenngleich der Konsum in den vergangenen Jahren stark abnahm. Die Regierung betont, die weltweite Population der Meeressäuger, insbesondere der Zwergwale, sei groß genug für nachhaltige Fischerei, was Tierschützer und Walfanggegner bezweifeln.

Der einflussreiche Japanische Walfangverband begrüßt das Festival in Tokio: “Wenn Besucher aus dem Ausland das Essen in Restaurants sehen werden sie hoffentlich verstehen und zustimmen, dass es in Ordnung ist, sie als Ressource zu nutzen, solange die Tiere nicht gefährdet sind”, sagt der Verbandsvorsitzende Kazuo Yamamura. Der Name Ebisu sei eng mit der Fischerei, Walen und Ausländern verbunden, betonen die Festival-Organisatoren: Ebisu ist in Japan die Gottheit der Fischer und einer der sieben Glücksgötter. Das Wort kann sich auch auf einen Wal beziehen und wurde früher als Bezeichnung für Ausländer eingesetzt, verbunden mit dem Glauben, die Glücksgötter kämen von weit her. “Ich möchte, dass die Ausländer wissen, dass Ebisu der Name eines Gottes ist und dass sein Fleisch gut schmeckt”, erklärt Furui. US-Tourist Eric Johnnson zeigt sich unbeeindruckt: “Wenn ich weiß, dass ich zu ihrer wichtigsten Zielgruppen gehöre, habe ich keine Lust, nach Ebisu zu gehen”, schimpft er. “Auch wenn man mir sagt, Walfleisch habe einen fantastischen Geschmack – ich würde es nicht probieren.”