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Umweltgiftreport 2015 – 95 Millionen Menschen betroffen

Die sechs weltweit gefährlichsten Umweltgifte bedrohen weltweit rund 95 Millionen Menschen. Wie aus dem neuen Umweltgiftreport 2015 hervorgeht, sind erstmals arme Menschen in besonderem Maße betroffen, denn die umweltschädigenden Gifte treten immer öfter in bewohnten Gebieten auf. Etwa 3.200 kontaminierte Orte haben die Autoren der Umweltorganisation Green Cross Schweiz und der US-amerikanischen Organisation Pure Earth in 49 Ländern weltweit identifiziert.

Zürich (csr-news) > Die sechs weltweit gefährlichsten Umweltgifte bedrohen weltweit rund 95 Millionen Menschen. Wie aus dem neuen Umweltgiftreport 2015 hervorgeht, sind erstmals arme Menschen in besonderem Maße betroffen, denn die umweltschädigenden Gifte treten immer öfter in bewohnten Gebieten auf. Etwa 3.200 kontaminierte Orte haben die Autoren der Umweltorganisation Green Cross Schweiz und der US-amerikanischen Organisation Pure Earth in 49 Ländern weltweit identifiziert.

Es sind Umweltgifte wie Blei, Quecksilber, Chrom, Cadmium, Radionuklide und Pestizide, die eine erhöhte Gesundheitsgefahr für die Menschen in der Umgebung darstellen und häufig in Industrie, Bergbau und Landwirtschaft eingesetzt werden. „Wir gehen jedoch davon aus, dass diese 3200 Orte lediglich einen Bruchteil der tatsächlichen Gesamtanzahl darstellen“, sagt Richard Fuller, Gründer von Pure Earth. Ohne Durchsetzung geeigneter Gegenmaßnahmen würde die Anzahl der Menschen, die gefährlichen Verschmutzungsniveaus ausgesetzt sind, kontinuierlich weiter ansteigen.

Besonders hohe Gefahr für Menschen

Im Vergleich mit anderen Stoffen treten die sechs genannten Umweltgifte an mehreren Orten und in stärkeren Konzentrationen auf als andere Stoffe. Weil sie auch in größeren Mengen auftreten, ist ihre Gefahr für die Menschen besonders hoch. Im Report werden die gesundheitlichen Belastungen durch die Gifte als „Disability Adjusted Life Years“ (DALY) bezeichnet. Mit den DALY werden die infolge frühzeitigen Todes verlorenen Lebensjahre und die krankheitsbedingte Beeinträchtigung der Lebensqualität erfasst. Aufgrund dieser erhobenen Daten sind rund 14,5 Millionen DALY auf toxische Substanzen in den untersuchten Ländern zurückzuführen.

Hohe Belastungen in Ghana

In Ghana wurden unter der Leitung von Pure Earth dieses Jahr in acht, nach dem Zufallsprinzip ausgewählten, Verwaltungsbezirken Bodenproben genommen. Auf Basis der Analyseergebnisse im Vergleich zu einem empfohlenen Grenzwert – wie etwa den von der amerikanischen Umweltbehörde USEPA festgesetzten Risikoniveaus – wurde an jedem Ort der Hauptschadstoff bestimmt. 72 kontaminierte Orte, an denen die festgestellten Werte oberhalb der empfohlenen Grenzwerte liegen, wurden im Rahmen des Projekts identifiziert. Basierend auf weiteren Berechnungen kommt das Team zum Schluss, dass in Ghana 1944 mit Schwermetallen kontaminierte Orte existieren. Dieser Wert entspricht ungefähr dem Neunfachen der aktuell in der Datenbank von Pure Earth und Green Cross Schweiz erfassten Anzahl an vergifteten Orten in Ghana.

Die weltweit sechs gefährlichsten Umweltgifte bedrohen 95 Millionen Menschen:

  1. Blei sind 26 Mio. Menschen ausgesetzt: 9 Mio. verlorene Lebensjahre
  2. Quecksilber sind 19 Mio. Menschen ausgesetzt: 1,5 Mio. verlorene Lebensjahre
  3. Sechswertigem Chrom sind 16 Mio. Menschen ausgesetzt: 3 Mio. verlorene Lebensjahre
  4. Radionukliden sind 22 Mio. Menschen ausgesetzt*
  5. Pestiziden sind 7 Mio. Menschen ausgesetzt: 1 Mio. verlorene Lebensjahre
  6. Cadmium sind 5 Mio. Menschen ausgesetzt: 250’000 verlorene Lebensjahre

* Radionuklide sind eine besonders heterogene Gruppe von Umweltgiften, weshalb derzeit noch keine DALY-Werte erhoben werden können

 

Überblick Charakteristika der sechs gefährlichsten Umweltgifte weltweit 2015

Sechswertiges Chrom kommt in der Industrie zum Einsatz unter anderem in Gerbereien, der Metallverarbeitung, beim Schweissen von Edelstahl, in der Produktion von Chromat sowie in der Herstellung von Chrompigmenten. Die Farben Gelb, Orange und Rot enthalten oft Chrompigmente. In der Konsequenz kann Chrom in mit Chromsulfat gegerbtem Leder, in Kochgeschirr aus Edelstahl sowie in mit Kupferdichromat behandeltem Holz gefunden werden. Aufgrund der Verfügbarkeit von kostengünstigen Arbeitskräften und Materialien sind fast die Hälfte der weltweiten Gerberei- und Lederindustriebetriebe in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommensniveaus angesiedelt. Je nach Expositionsweg kann Chrom der Auslöser für Schädigungen des respiratorischen und des gastrointestinalen Systems sein. Ausserdem ist sechswertiges Chrom ein bekanntes Humankarzinogen, das verschiedene Krebsarten auslösen kann.

Blei wird in Bergbaubetrieben gefördert. In einer Vielzahl von Produkten wird es verwendet und mit anderen Metallen kombiniert, um Legierungen herzustellen. Nicht nur während der Förderung und der Schmelze, sondern auch beim Recycling von benutzten Bleisäurebatterien (Used Lead-Acid Battery – ULAB) wird Blei häufig in die Umwelt freigesetzt. Eine Exposition gegenüber Blei beim Einatmen verschmutzter Luft und bei der oralen Einnahme von verschmutzter Erde, verseuchtem Wasser oder von kontaminierten Lebensmitteln sowie durch Hautkontakt kann zu einer Vielzahl negativer gesundheitlicher Folgen führen. Dazu zählen neurologische Schäden, eine Verminderung des Intelligenzquotienten, Blutarmut, Nervenstörungen und eine Unzahl weiterer Erkrankungen. Bei Kindern können hohe Bleikonzentrationen zu einer Bleivergiftung und letztendlich zum Tod führen.

Elementares Quecksilber wird am häufigsten im Zug der Extraktion aus Zinnobererz und von Kohlekraftwerken an die Umwelt abgegeben. Es wird in einer Vielzahl industrieller Prozesse verwendet, wie etwa bei der Goldgewinnung aus goldhaltigen Gesteinsadern, und ist ausserdem in Produkten wie Thermometern, Zahnfüllungen und Energiesparlampen enthalten. Die Exposition gegenüber elementarem Quecksilber kann sowohl zu Schädigungen des Gehirns, der Nieren und des Immunsystems führen, als auch einen negativen Einfluss auf die fötale Entwicklung haben. Organisches Quecksilber entsteht, wenn sich elementares Quecksilber mit Kohlenstoff verbindet. Am häufigsten kommt es in der Umwelt in Form von Methylquecksilber vor, einem weiteren potenten Neurotoxin.

Pestizide sind Substanzen meist chemischer Natur, die schon seit geraumer Zeit weltweit grossflächig in der Agrarwirtschaft zum Einsatz kommen, um die Pflanzen vor dem Befall durch Schädlinge zu schützen und so die landwirtschaftlichen Erträge zu steigern. Allerdings wird eine signifikante Menge dieser Pestizide durch Regenfälle in Oberflächen- und Grundwasser gespült, wodurch es zu einer Exposition der in der näheren Umgebung lebenden Bevölkerung kommt. Im Allgemeinen gehören Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindelgefühle und Krämpfe zu den akuten negativen gesundheitlichen Folgeerscheinungen. Eine chronische Exposition gegenüber Pestiziden kann zu weitreichenden negativen Auswirkungen auf die neurologische, reproduktive und dermatologische Gesundheit der Betroffenen führen.

Die meisten Freisetzungen von Radionukliden an die Umwelt sind auf industrielle Verfahren zurückzuführen, zu denen der Abbau von Uran, die Entsorgung von Minenabfällen, die Produktion und der Test von Nuklearwaffen, die Atomenergieproduktion sowie die Entwicklung und Nutzung von radiologischen Produkten in der Medizintechnik gehören. Eine Exposition gegenüber Radionukliden in Folge des Einatmens und der oralen Aufnahme kann akute gesundheitliche Konsequenzen haben, die von Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen bis hin zu chronischen Erkrankungen wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Fieber, Haarausfall, Schwindel, Desorientierung, Durchfall, Blutstuhl und niedrigem Blutdruck bis zum Tod reichen. Durch die ionisierende Strahlung als Ergebnis einer Belastung durch Radionuklide kann es zu humanzellularen Schädigungen kommen, welche die Bildung von Krebs zur Folge haben.

Neu im diesjährigen Umweltgiftreport vertreten ist Cadmium als gefährlicher globaler Schadstoff. Durch die Erweiterung der Pure-Earth-Datenbank insbesondere in Asien taucht Cadmium nun regelmässig auf. Immer mehr Cadmium entsteht als Nebenprodukt im Zusammenhang mit dem globalen Anstieg der Bergbauaktivitäten zur Gewinnung von Zink, Blei und Kupfer sowie bei der Pestizid- und Düngemittelherstellung. Selbst kleinste Mengen von Cadmium können schwerwiegende Gesundheitsfolgen nach sich ziehen. Cadmium ist wegen seiner hohen Toxizität seit Dezember 2011 innerhalb der EU in Schmuck, Legierungen und PVC verboten. Eine Cadmiumvergiftung durch Einatmen von Cadmiumstaub und -rauch oder durch Verschlucken von Cadmiumverbindungen führt akut zu Schwindel, Halstrockenheit und Übelkeit. Nach 24 Stunden können Bronchitis, Bronchopneumonie und ein akutes Lungenödem auftreten.

Der Report “World’s Worst Pollution Problems 2015” zum Download.